Zweiter Live-Bericht von der 57. Berlinale

18 Feb

Kill’em all, honey !

Zunächst einmal möchte ich von der internationalen Permiere von „I’m A Cyborg, But That’s Ok“ berichten. Der Film heißt im koreanischen Original „Sai bo gu ji man gwen chan a“ und ist zwar kein Fantasy-Film, wie der Titel vermuten lässt, aber doch ziemlich fantastisch, da die Figuren und Dialoge reichlich surreal erscheinen.

Die Großmutter der jungen Hauptfigur Young-goon war schon recht außergewöhnlich, da sie darauf bestand, nur noch Rettich zu essen… irgendwie hat das auf die Enkelin abgefärbt, denn auch sie landet schließlich wie ihre Oma in der Psychiatrie, da sie denkt, ein künstlicher aber lebendiger Roboter zu sein und fortan nicht mehr isst, sondern versucht, sich an Batterien zu laben. Den Füllstand ihrer Energiereserven kann sie, wie bei einem Akku an ihren Zehen ablesen, von denen dann mehrere oder weniger in bunten Farben aufleuchten.

In der Nervenklinik trifft sie auf Il-soon, der zwar im Umgang mit Menschen nicht der beste ist, aber trotzdem ein gutes Gespür für die vielen verschiedenen Psychosen der Insassen zu haben scheint und bald beginnt, diese Psychosen unter den Insassen auszutauschen, um den Betroffenen damit zu helfen. Natürlich wird er auch bald mit Young-goon in Kontakt kommen – nur wie soll er ihr helfen, braucht sie doch genügend Energie, um als Kampfmaschine alle „Weißen“, also die Wärter, über den Haufen zu schießen, um endlich ihrer Großmutter das Gebiss zu bringen, welches sie doch so dringend für den heißgeliebten Rettich benötigt!

Witzig, skurril und wirklich innovativ erzählt der Regisseur Park Chan-wook diese Geschichte von Phantasien, Psychosen aber auch von Menschlichkeit in der Psychiatrie.

Nachtrag: Inzwischen hat der Film von der Jury den „Alfred-Bauer Preis“ erhalten, der für ein besonders innovatives Werk vergeben wird.

Gute Menschen vom Aussterben bedroht

Als weiteres Highlight des Wettbewerb-Programmes der diesjährigen Berlinale möchte ich noch„Tuyas Ehe“ (aka. „Tuyas Hochzeit“ Tu ya de hun shi, Volksrepublik China, 2006) vorstellen, welcher vor wenigen Minuten (10.02.2007), einen fulminanten Auftakt mit der ebenfalls internationalen Premiere im Berlinale-Palast hingelegt hat. Die Stimmung und vor allem die Zustimmung im Publikum war sehr gut und deutlich spürbar. Dem Regisseur und der Hauptdarstellerin Yu Nan kam nach dem Film ein sehr herzlicher Empfang zuteil.

Dieser Film aus der Mongolei, sofern es sie noch gibt, erzählt eine bodenständige Geschichte einer Hirtenfamilie, die wie die übrige Landbevölkerung auch um ihr Überleben kämpfen muss. In besonderem Maße trifft es die hübsche Tuya (Yu Nan), da ihr Mann Bater (gespielt von Bater selbst) sich beim Bau eines Brunnens das Bein verletzt hat und arbeitsunfähig ist. Das Leben wird durch die fortschreitende Wasserknappheit im Zuge der Weltklimaveränderung immer schwerer. Im Westen Chinas ist die aus dem Osten eindringende Wüste durchaus ein Problem (zu sehen in: Hyazgar – Desert Dream, Korea, 2007) und die Landschaften der Mongolei haben auch schon fruchtbarere Tage gesehen, in denen auch die Schafzucht noch ein besseres Leben hergab.

Auf drängen ihres lebensmüden Ehemannes Bater, der sich nur noch nutzlos fühlt und das karge Überleben zusätzlich erschwert, trennt Tuya sich von ihm und soll sich einen neuen Mann suchen. Sie aber besteht darauf, dass dieser auch Bater mit versorgt, was die Suche natürlich schwierig gestaltet… trotzdem finden sich einige Interessenten, die sich aber weniger für Tuyas traditionelles Leben als mehr für ihre Schönheit und für ihren eigenen Reichtum interessieren. Mit ähnlichen Problemen hat auch Senge (gespielt von Senge) zu kämpfen, dessen Frau ihn des Geldes anderer Männer wegen betrügt, was ihn aber noch immer nicht dazu bewegt hat, sich von ihr zu trennen.

Der Regisseur Wang Quan’an drehte diesen Film ausdrücklich, um die Landschaft, die Kultur und das Leben der mongolischen „Ureinwohner“ noch festzuhalten, da all dies im Zuge der Industrialisierung zunehmend zerstört wird. Parallelen zu den amerikanischen Ureinwohnern sind hier durchaus gut zu erkennen. Die mongolische Sprache ist bereits sinesiert worden, weshalb der Film auf Chinesisch gedreht wurde, nur die Lieder in der letzten Viertelstunde sind noch mongolisch. Nichtsdestotrotz ist dem Regisseur eine hervorragende ethnographische Pseudo-Dokumentation mit einer Besetzung aus ortsansässigen Hirtenfamilien gelungen, die sicher jedem gefallen wird, der schon „Atanarjuat“ und „Die Geschichte des weinenden Kamels“ mochte.

Im Film sehen wir zwar vordergründig arme Menschen, die aber ungeheuer reich an Kultur sind und die ein wahrlich farbenfrohes Leben im Einklang mit der Natur leben – etwas, was uns mehr und mehr verloren gegangen ist und wovon wir durchaus nochmal lernen könnten, um unser eigenes Leben wieder lebenswerter zu machen und uns weniger an Wirtschaft und Geld zu orientieren, welches zunehmend auch die ursprüngliche Lebensweise und die moralischen Werte der mongolischen Hirten sowie deren Seele verschmutzt. Hier muss man leider auch dem Aussterben der „guten Menschen“ zusehen, die noch rein im Herzen sind…

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum sagte der Regisseur noch, dass er mit dem Film auch die Frage aufstellen wollte, was den Menschen Chinas (und der ganzen Welt) all die zunehmende Industrialisierung (in China derzeit besonders stark) und das Wachstum an Luxus und sogenannter Lebensqualität bringt, wenn sie dafür so viel aufgeben müssen.

Nachtrag: Für einige überraschend hat dieser Film inzwischen von der Jury den Goldenen Bären für den besten Film erhalten – zurecht, wie ich finde.

Beste Grüße aus Berlin.

Text: Philippe Bourdin (18.02.2007)

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