#3: Wettbewerb Tag 1 – Paradies Hoffnung

9 Feb

Wenn man sich nochmal die Gegebenheiten beim letztjährigen Wettbewerb ins Gedächtnis ruft, dann fällt einem sofort wieder ein, wie schwwerfällig die Veranstaltung in die Gänge kam. Die ersten Tage waren zäh und die Journalisten der großen Medienanstalten stimmten schon wieder ihren (alljährlichen) Abgesang auf den Berliner Wettbewerb an, der dem Auswahlkommittee mangelnden Mut und Innovation, teilweise sogar Unkenntnis vorwarf. Mittendrin dann die Wende. Etwa ab dem vierten Festivaltag jagte ein Höhepunkt den nächsten („Barbara“, „Jane Maynefiels’s Car“, „Sister“ et al.), was dazu führte, dass schlussendlich offiziell und inoffiziell vom „besten Wettebwerb aller Zeiten“ gesprochen wurde. So schnell kann sich das ändern.

Daraus scheint man in Berlin gelernt zu haben. Zwei Filme, denen man hier schon im Vorfeld durchaus gute Chancen auf eine Trophäe einräumt und die mit entsprechender Spannung erwartet wurden, gingen gleich am ersten Tag, also heute, ins Rennen, nämlich „Promised Land“ und „Paradies: Hoffnung“. Vielleicht möchte man damit die kritische Zunft erstmal umgarnen. Prinzip Hoffnung.

Unter den ersten drei Kandidaten zunächst aber das polnische Drama „W Imie…“ zu englisch: „In the Name of…“. Ein katholischer Pfarrer betreut im ländlichen Polen eine Horde schwererziehbarer Jungs und macht das gar nicht so schlecht. Es zeigt sich jedoch bald, dass die Berufswahl des Protagonisten eine versuchte Flucht vor der eigenen Homosexualität war, die sich freilich nicht verdrängen und schon gar nicht unterdrücken lässt – auch wenn die Kirche mithilfe von Strafversetzungen und Sanktionen dies gerne hätte. Daraus entstehen Spannungen beruflicher, vor allem aber psychischer Natur bei Pfarrer Adam. Der Film portraitiert dies und positioniert sich damit eindeutig gegen die Kirche und deren Politik.
Dass ein solcher Film aus Polen kommt, ist mehr als ein pikantes Detail, die Thematik ohnehin brandaktuell. Auch formal überzeugt „In the name of…“. Gute schauspielerische Leistungen, sehr eindrucksvolle Bilder und ein unkonventioneller Einsatz von Musik. „Ein starkes Stück“ schreibt der Tagesspiegel – kann man so in jeglicher Hinsicht unterschreiben und man verzeiht dem Film die eine oder andere allzu eindeutige Anspielung.

Dann gab’s den neuen Film von Uli Seidl „Paradies: Hoffnung„, gleichzeitig der letzte Teil der „Paradies“-Trilogie, deren erste Teile 2012 in Cannes bzw. Venedig vorgestellt wurden. Lupenreiner Hattrick sozusagen.
Zu diesem Film muss man eigentlich garnicht so viel sagen. Die Synopse des Festivalkatalogs fasst den Inhalt treffend zusammen, stilistisch trägt der Film eindeutig die bekannte „dogmahafte“ Handschrift des österreichischen Regisseurs mit klaren, naturalistischen Bildern, die fast schon dokumentarischen Charakter haben. Ein Drehbuch gab es auch für diesen Film nicht, dafür präzise beschriebene Szenen ohne Dialoganweisungen. Ein gemischter Cast aus Laien und Profischauspielern, gedreht wurde ausschließlich an  Originalschauplätzen und Musik gibt’s nur als inhaltlichen Bestandteil der Szenen. In diesem formalen Rahmen entwickelt sich nun die Geschichte, die in einigen Szenen auf die beiden vorangegangenen Teile der Trilogie anspielen (vereinzelte laute Lacher unter den Zuschauern zeigen an: „Ich kenn mich aus!“).
Ein klassischer Seidl könnte man meinen? Nicht ganz. Denn es ist wohl der am wenigsten drastische Film des Regisseurs, auf jeden Fall zumindest innerhalb der Trilogie. Sowohl was den gewohnten absurd-bitteren Humor, als auch was die Ästhetik der Szenerien angeht, wo der Regisseur dem geneigten Zuschauer nicht selten einiges zumutet, fährt Seidl kleinere Geschütze auf – ohne jedoch an Intensität oder Bannkraft einzubüßen. Vielleicht sind diese kausalen Zusammenhänge ja sogar umgekehrt.
Es soll Leute geben, die sich –ordentlich gewappnet- an den Film herangewagt haben und hernach enttäuscht waren: „So schlimm war’s ja garnicht“. Stimmt, aber trotzdem ein großartiger Film!

Promised Land“, das Gemeinschaftswerk von Gus van Sant und Matt Damon, fällt gerade in den Disziplinen Intensität und Bannkraft ein bisschen ab.
Ein (Öko-)Politthriller war das entgegen der Ankündigungen weniger, mehr ein Sozialdrama. Das räumten die Macher auf der Pressekonferenz auch ein. Das Thema selbst habe sie eher sekundär interessiert, wichtiger war ihnen, einen Film über die ländlichen Regionen der USA und die Leute dort zu drehen. Das war die gemeinsame Basis, darauf etablierte sich dann der Inhalt. Das merkt man – der Film ist ein bisschen einfach gestrickt, schwachbrüstig, auch ein netter Twist am Ende kommt alles in allem nicht überraschen, der Streifen bleibt hinter seinen Erwartungen zurück.

Die Jury hat angekündigt, nicht nach politischen sondern rein künstlerischen Gesichtspunkten zu urteilen. Was selbstverständlich klingt, ist bei der Berlinale, einem dem Selbstverständnis nach politischen Festival, durchaus eine eigene Erwähnung wert. Folgt sie dieser Vorgabe, dann dürften die Chancen für „Promised Land“ eigentlich Stand heute eher gering sein.

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