„The Irishman“ oder warum Filme auf die große Leinwand gehören

18 Nov

Kino ist dafür da, um Emotionen und Gefühle durch eine ausgefeilte Handlung mit gut durchdachten und stark inszenierten Charakteren für den Zuschauer auf die große Leinwand zu bringen. Der neueste Film von Regielegende Martin Scorsese, das Mafia-Gangster-Epos und Netflix-Produktion „The Irishman“ beweist genau das und zeigt, dass es in Zeiten von Streaming-Portalen immer noch Filmemacher gibt, die das wahre und ehrliche Kino zu lieben wissen.

Frank Sheeran – in Freundeskreisen auch „The Irishman“ genannt – ist ein irischer Immigrant, dem es innerhalb weniger Jahre gelingt, in der italo-amerikanischen Mafia aufzusteigen. Dabei lernt er Menschen kennen, denen man am besten nicht von Beginn an trauen sollte oder seine engsten Freunde werden – dazu gehören auch die beiden Mafia-Riesen Jimmy Hoffa und Russell Bufalino. Je tiefer er jedoch in die dunklen Machenschaften gelangt, desto zwiespältiger wird sein Verhältnis sowohl zu seinen Kollegen als auch zu seiner eigenen Familie.

Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci, Ray Romano, Harvey Keitel – allein diese vier Darsteller ist es wert, sich Martin Scorseses neuestes Meisterwerk auf der großen Leinwand zu Gemüte zu führen. Wenn ein Regisseur heutzutage weiß, einen handlungstechnisch ereignisreichen Film perfekt zu inszenieren und seine Darsteller dabei so herausragend in Szene zu setzen, dann ist Scorsese ganz oben dabei. Egal ob die stets erfolgreiche Zusammenarbeit mit seinem Schüler Leonardo DiCaprio oder das ebenfalls sehr enge und langanhaltende Arbeitsverhältnis mit Hollywood-Schwergewicht Robert De Niro – er versteht es, Charaktere zu schreiben, die wie die Faust aufs Auge zu seinen Hauptdarstellern passen und bei dem das gegenseitige Vertrauen zwischen Schauspieler und Regisseur auf der Leinwand wunderbar zu erkennen ist. In diesem knapp dreieinhalbstündigen Epos bekommen man es nach gefühlt 30 Jahren mal wieder mit einem Genre zu tun, welches zweifellos zu den besten und beliebtesten der Filmgeschichte gehört – dem der Mafia- und Gangsterfilme. Dabei versteht es Scorsese wie kein Zweiter, dieses Genre immer und immer wieder innerhalb der letzten 45 Jahre zu bedienen und daraus Stoffe zu spinnen, die uns das wahre Herz des Filmemachens offenbaren, so auch in „The Irishman“.

Zeigen, dass sie perfekt zu diesem Genre passen: Die Hollywoodlegenden Joe Pesci, Al Pacino und Robert De Niro

Das Szenenbild ist, wie bei jedem Film des Altmeisters, eine Augenweide. Man taucht ein in ein New York der 70er und 80er Jahre sowie ineine Welt der Mafia, wie man es seit Leones „Es war einmal in Amerika“ sowie in Coppolas Pate-Trilogie nicht mehr gesehen hat – düster, abgründig und gleichzeitig auch wie von Scorsese gewohnt extrem detailverliebt. Man verliebt sich direkt in die Orte, in denen die Handlungen stattfinden und wünscht sich dieses Jahrzehnt zurück. Scorsese zeigt wie bei „Gangs of New York“ und „Shutter Island“ eindrucksvoll, wie wichtig es ist, die Orte so darzustellen, um sie handlungstragend zu machen. Die Kameraarbeit von Rodrigo Prieto, der schon bei „The Wolf of Wall Street“ und „Silence“ mit Scorsese zusammenarbeitete, schenkt dem Zuschauer Bilder, die sich schnell in das Kollektiv eines jeden Filmliebhabers einbrennen und so schnell nicht mehr entweichen. Allein das Schlussbild erinnert sehr stark an den ersten Pate-Film mit dem feinen Unterschied dass die Tür offen stehen bleibt – dies kann entweder so gedeutet werden, dass es der langsame Abschied eines filmhistorisch prägenden Genre ist oder dass es nicht mehr lange gehen könnte, bis der nächste Gangster- bzw. Mafiastoff auf die Leinwand gezaubert wird. Die Musik ist so, wie man es sich bei so einem Film wünscht – dem Stil der Zeitepoche angepasst, sehr nostalgisch und wie bei Tarantinos Streifen mit einer Vielzahl an Klassikern versehen. Sie gibt uns das Gefühl, sich direkt in dieser Zeit zu befinden und dieser nie wieder verlassen zu wollen. Der Hauptgrund, dass dieser Film insgesamt fast 160 Millionen Dollar in seiner Produktion verschluckt hat, wurde ebenfalls sehr stark verarbeitet. Scorsese wollte nämlich seine Charaktere mit einer speziellen Technik digital verjüngen, um somit die Handlungsstränge, die am Anfang von Franks Mafialeben spielen, besser in Szene zu setzen.

Scorsese hat mit „The Irishman“ einen Film für die Ewigkeit geschaffen. Ein Film, der für die große Leinwand gemacht ist und nicht für den kleinen Bildschirm geeignet ist. Ein Streifen, bei dem man aus dem Schwärmen gar nicht mehr herauskommt, der die Jahre noch sehr lange überdauern und das Genre des Mafia- und Gangsterfilms jetzt schon nachhaltig prägen wird. Dabei ist es ebenfalls offensichtlich, dass einige Oscar-Nominierungen schon jetzt sicher sein dürften und die Chance Stand heute nicht gerade gering ist, dass dieses Meisterwerk der erste Netflix-Film sein könnte, der einen Oscar in der Königskategorie „Bester Film“ erhält. Um hierbei noch auf die von Scorsese ausgelöste Debatte, dass Marvel-Filme nicht ins Kino gehören, zu kommen sei gesagt, dass es egal ist, was der Altmeister darüber sagt – mit diesem Film hat er bewiesen, dass er solche Aussagen tätigen darf, da er mit seinen Werken maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Mafia- und Gangsterfilme sich wieder etablieren kann und damit das ehrliche und wahre Kino am Leben hält. Zudem hat er das New Hollywood geprägt wie wenige Regisseure vor ihm. Oder wie es in „The Irishman“ so schön heißt: It is how it is.

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