„The Art Life“: Ein Genie greifbar machen

12 Sep

Wie erzählt man David Lynch in 90 Minuten? Richtig: Es ist unmöglich. Und genau das macht „The Art Life“ so grandios: Der Film stellt nicht den Anspruch an Vollständigkeit, sondern gibt sich vielmehr als Kunstwerk in sich selbst. Kunst über Kunst.

Der Stil dieser Doku passt so perfekt zum Genie David Lynch, dass die Genrezuordnung eigentlich unpassend scheint. Ein mysteriöser, düsterer Soundtrack, stille, beobachtende Bilder, das nachdenkliche, bestimmte Voice-Over Lynchs und immer ein Schwebezustand zwischen Realität und Traum. Fast könnte man meinen, Lynch selbst sei es gewesen, der hier Regie führte. Immer wieder sehen wir Lynch vor schwarzem Hintergrund am Mikro sitzen, und eigentlich sitzt er zu tief, aber niemand erwartet, dass ihn das kümmert. Er sitzt da, gekrümmt, und hält in seiner gealterten Hand eine Zigarette. Nie sehen wir ihn reden. Auch das passt perfekt, denn ein redender Lynch in einer solchen Szene würde der Doku nicht nur etwas Gestelltes geben, sondern auch die Person Lynch viel greifbarer machen, als sie es ist.

Denn so richtig kann man sich das auch nicht vorstellen: Soll dieser geniale Filmemacher, der uns mit seinen Werken verstört, provoziert, erschüttert und verzaubert, jetzt wirklich wie ein ganz normaler Mensch von seinem Leben berichten? Berichten tut er, aber natürlich auf seine Art – hier ein Schnipsel, dort eine Anekdote. Dass Lynch hochreflektiert ist, davon kann man ausgehen. Aber wie auch in seinen Filmen ist er auf die Wirkung seiner Worte bedacht. Wenn er etwas sagt, dann ist das nicht perfekt oder hochgestochen, aber man kann sicher sein, dass es Bedeutung hat. Die nackte Frau mit dem blutverschmierten Mund, die er als kleiner Junge plötzlich auf der Straße sah, oder eine Verrückte, die auf allen Vieren durch den Hinterhof in Philadelphia kroch – fast zu klischeehaft erzählt er Geschichten, die er genauso in einem seiner Filme erzählen könnte. Aber man wäre auch enttäuscht gewesen, nichts Surreales von ihm zu hören.

Die Pinselstriche, die verschiedene Materialien formenden Hände des alten Mannes, die Gemälde mit ihren Dialogen und Gedankenfetzen, sein Atelier mitten in den Hollywood Hills, das „Kreativität“ geradezu in die Landschaft schreit und eine jede Filmminute begleitende Düsterheit schickt den Zuschauer auf eine trancehafte Reise, die über das Faktische hinausgeht, oder vielmehr, am Faktischen vorbeiführt. Am Ende hat man das Gefühl, viel zu wenig erfahren zu haben, und dennoch fühlt man sich dem Filmemacher näher – in etwa so, als hätte man letzte Nacht von ihm geträumt. Und dann denkt man, dass Lynch wohl auch ein Mensch ist, der unergründet bleiben möchte.

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