SUSPIRIA | Freiburgs Horrorklassiker von Dario Argento kommt 1977 ins Kino

1 Feb

[ ARCHIV ] Heute vor vierzig Jahren, am 1. Februar 1977, kam der Horrorstreifen „Suspiria“ des einflussreichen „Giallo-Papstes“ Dario Argento erstmals ins Kino. Der im beschaulichen Freiburg angesiedelte Film mit dem eigenwilligen, grandiosen Soundtrack gilt heute als Horrorklassiker.

Eine Kritik von unserer Rezensentin Jennifer Borrmann aus dem Jahr 2010

» Quietschbunte Farbenpracht und die phantastischen Klänge der Progressive-Rock-Band „Goblin“ haben die Filme des italienischen Horrorfilmregisseurs Dario Argento berühmt gemacht. Wer hätte gedacht, dass sein bekanntester und beliebtester Film „Suspiria“ (1977) zumindest augenscheinlich in Freiburg spielt?

Die junge Ballett-Tänzerin Suzy (Jessica Harper) kommt nach Deutschland, um sich auf einer renommierten Ballettschule (situiert im Freiburger „Haus zum Walfisch“) zur Primabellerina ausbilden zu lassen. Bereits die Anreise gestaltet sich beklemmend: phantastische Farbverwirrungen Dank des damals schon veralteten Technicolor-Verfahrens, unheimlich ausgeleuchtete Regenschauer und mysteriöse Taxifahrer begleiten sie zur Haustür, an der sie einer aus dem Haus fliehenden verängstigten Frau begegnet. Diese wird kurz darauf auf bestialische Weise ermordet. Sie wird die erste in einer ganzen Reihe sein und es ist wohl einer der am kunstvollsten inszenierten Todesszenen in der Filmgeschichte des „giallo“. Zuviel soll nicht verraten werden, so viel aber doch: die Szene dauert und dauert, es werden ungewöhnliche Kameraeinstellungen verwendet, die eine Symbiose mit der Farbgestaltung des Hauses und der Ausleuchtung im Film einzugehen scheinen. Und am Ende findet man das Ganze vielleicht sogar schön. Lars von Trier ist denn mit seinem „Antichrist“ nicht der erste, dem Misogynie und Gewaltverherrlichung allgemein vorgeworfen wird – in der Rezeption des „giallo“ sind diese Vorwürfe keine Ausnahmen.

Die Lehrerin Miss Tanner (Alida Valli), die Besitzerin Madam Blanc (Joan Bennett) und Psychiater Frank Mender (Udo Kier) gewinnen Suzy langsam, subtil und von der Schülerin anfangs unerkannt für ihre Zwecke. Von ihren Mitbewohnerinnen, die alle auch in der Schule wohnen, hört Suzy verschiedene unheimliche Geschichten, denen sie – nachdem der blinde Klavierlehrer (Flavio Bucci) von jemandem, der eigentlich sein Beschützer sein sollte, ermordet wird – letztendlich nachgeht, um eine grausige Entdeckung zu machen…

 

Haus zum Walfisch © Joergens.mi

Haus zum Walfisch © Joergens.mi

 

Die dunkelrote Außenfassade des „Hauses zum Walfisch“ (1514-1516 erbaut), das hinter der Martinskirche in der Nähe des Freiburger Rathauses liegt, wird im Film so unheimlich ausgeleuchtet, dass man sich nach der Sichtung des Films nachts alleine nicht mehr daran vorbei traut. Im Regen, in Dunkelheit und mit der begleitenden Musik der grandiosen „Goblins“, die für einige Argento-Filme den Soundtrack beisteuerten, entsteht eine Horrorfilm-Atmosphäre wie sie in vielen aktuellen Gruselwerken fehlt. Mehrmals wird die Kamera auch auf das Schild mit dem Namen Erasmus von Rotterdam gehalten, der in diesem Haus wohnte.

Der Film wird als einer das „giallo“ vollendender Film gesehen. Dabei handelt es sich um ein italienisches Subgenre des Thrillers. Meist geht es in der Handlung um Mordaufklärungen, bei denen im Gegensatz zum Film Noir aber die Mordszenen und nicht die Aufdeckungsarbeit in den Vordergrund rücken. Detaillierte Aufnahmen der Mord-, sowie Todesszenen sind nicht jedermanns Geschmack, ästhetisch aber in jedem Fall einfallsreich und innovativ. Prägend für das Genre und dessen Farbgebung war vor allem Mario Bava, dessen Filme als Vorläufer der amerikanischen Slasherfilme, darunter „Halloween“ (1978) und „Blutiger Valentinstag“ (1981), gelten. Selbst Jens Crams Freiburger Zombiefilm „Anthropos – Im Banne Baron Samedis“ (2008) zitiert die Farbenästhetik jenes Genres.

„Suspiria“ ist der erste von drei Teilen der „3-Mütter-Trilogie“ (dazu gehören noch „Horror Infernal/Inferno“ (1980) und „Mother of Tears/La Terza Madre“ (2007)). Angelehnt ist die Geschichte der drei Hexen an Thomas De Quinceys Roman „Suspiria De Profundis“. Hier wird von drei Müttern, der „Mater Lachrymarum oder Dame der Tränen”, der „Mater Suspiriorum oder Dame der Seufzer“ und der „Mater Tenebrarum oder Dame der Dunkelheit“ gesprochen, die Argento in seinen drei Teilen aufgreift.

Man könnte meinen, es gäbe heutzutage keine oder zumindest nicht mehr ausreichend eigene Phantasie mehr (auch wenn „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ oder gar „Avatar“ uns vielleicht eines anderen belehren), denn was darf bei einem einmaligen Film natürlich nicht fehlen? Jaja, das amerikanische Remake ist in Produktion und man munkelt, Natalie Portmann übernehme die Rolle der Suzy.

Aus einem zeitgenössischen Kommentar in der „Zeit“ vom 13.05.1977: „In einer langen Reihe von Exorzisten-Epigonen ist Regisseur Argento freilich einer der untalentiertesten: Zähflüssig und wirr schleppt sich die Story dahin. Und die einzige Frage, die interessiert, bleibt, wie sich Schauspielerinnen wie Joan Bennett und Alida Valli in diesen Film verirren konnten.“ – Wahre Genies werden in ihrer Zeit ja bekanntlicherweise nicht erkannt…

Text: Jennifer Borrmann, 15.11.2010

 

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One Response to “SUSPIRIA | Freiburgs Horrorklassiker von Dario Argento kommt 1977 ins Kino”

  1. Dergestalt 6. Februar 2017 at 11:45 #

    Auch wichtig: „Suspiria“ ist erst seit kurzem vom Index runter und ist jetzt in voller Länge käuflich zu erwerben.

    Der Film ist in vieler Hinsicht sicher qualitativ zu kritisieren (wie vieles, was in der Italo-Horror bzw. Thrillerecke der 70er/80er-Jahre entstand): Das Drehbuch ist kruder Mist, die Schauspieler untalentiert, die Gewalt kontextlos sadistisch inszeniert – unfreiwillige Komik ist heute garantiert. Die atmosphärischen Qualitäten hat man damals aber wirklich nicht erkannt, dass Horror keine großen Geschichten, sondern vor allem eine wirkungsvolle Inszenierung braucht, suggestives Wirkungskino eben. Und auf diesem Gebiet gehört „Suspiria“ konsequent auch zum besten, was das Genre bis heute bietet.

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