Stille im Berlinale-Palast: „Utøya 22. juli“

20 Feb

Berlinalezeit ist ja immer auch Erkältungszeit. Kerngesund kommt man hier an und nach zehn Tagen ist man am Ende. Die Gründe sind mannigfaltig und vor allem auf einen Schneeballeffekt zurückzuführen dergestalt, dass man im dunklen, warmen Kinosaal dem hustenden Sitznachbarn nicht entkommt und dadurch drei Tage später selbst zum Multiplikator wird. Was in den Berlinalekinos die ganzen Filme hindurch gehustet wird, ist beispiellos. Ein exponentiell zur Dauer des Festivals ansteigendes Hustkonzert, sogar in den romantischsten Szenen. Eine Weihnachtspredigt ist nichts dagegen.

Gestern war es mucksmäuschenstill im mit 1200 Menschen gefüllten Berlinale-Palast. Die berühmte Stecknadel hätte man noch im 2. Oberrang fallen hören, es lief Utøya 22. juli im Wettbewerb.

Der norwegische Film befasst sich, wie der Titel bereits verrät, mit den furchtbaren Attentaten eines norwegischen Rechtsextremisten in Oslo und auf der benachbarten Insel Utøya im Juli 2011. In der Stadt zündete der Täter eine Autobombe im Regierungsviertel und eröffnet danach auf der Insel das Feuer. Dort veranstaltete zum damaligen Zeitpunkt die sozialdemokratische Arbeiterpartei ihr Jugendsommerlager mit knapp 600 Teilnehmern. 77 Menschen fielen den Anschlägen zum Opfer, davon 69 auf Utøya. 300 wurden schwer verletzt und noch viel mehr erlitten psychische Traumata.

Wie verfilmt man Terror? Der norwegische Regisseur Erik Poppe wählt einen Weg, die nationale Tragödie zu verarbeiten, indem er dem Zuschauer die Panik und Todesangst der Betroffenen hautnah vermitteln will. Wir heften uns zu Beginn des Films an die Fersen der jungen Kaja, Teilnehmerin des Lagers auf der Insel. Sie streift über das Camp, streitet sich mit ihrer jüngeren Schwester und trifft Freunde am Waffelstand, als plötzlich in der Ferne die ersten Schüsse fallen. Panik bricht aus, alles geht drunter und drüber. Schreie, zunächst Flucht ins Haus, dann in den Wald, im Hintergrund knallt es unaufhörlich. In den folgenden 72 Minuten, genau so lange, wie der Anschlag auf der Insel dauerte, sehen wir Todesangst, Verzweiflung und auch Mord. Der Täter wird nur einmal kurz aus der Ferne gezeigt, sein Name wird auch im Abspann, wo Einblendungen die reinen Fakten der Tragödie nachliefern, nicht genannt.

Kaja © Agnete Brun

Die Perspektive ist dabei immer auf Kaja gerichtet, wir sehen ihr Gesicht oft in Großaufnahme. Die wacklige Handkamera von Martin Otterbeck arbeitet mit Schwenks, Zooms und wechselnder Schärfentiefe. Ändert die Protagonistin die Blickrichtung, geht die Kamera mit. Wie vor drei Jahren der Film Viktoria, ist auch Utøya 22. juli in einem einzigen Shot, also ganz ohne Schnitt gedreht. Auch die Tonspur liefert ihren Beitrag: Die Richtung, aus der die Schüsse kommen, verändert sich. Der Täter ist in Bewegung. So entsteht eine Authentizität, die den Zuschauer in den Kinosessel drückt.

Das ist das große Problem dieses ohne Zweifel außergewöhnlichen Films: er ist unerträglich spannend. Wie in einem Kriegsfilm, werden wir in die Kampfhandlung hinein gesogen. Nicht nur die Dramatik des Geschehens an sich, auch die dramaturgischen Spannungsbögen und eingesetzten Suspense-Elemente lassen dem Zuschauer keine Atempause. Beispielsweise Kajas Suche nach ihrer Schwester. Von ihr wurde sie in der anfänglichen Hektik getrennt und bis zum Schluss steht für Zuschauer wie Hauptfigur die Frage im Raum, was mit ihr passiert ist. Hinzu kommen Sequenzen, die emotional stark aufgeladen werden, zum Beispiel als Kaja miterleben muss, wie ein junges Mädchen ihren Verletzungen erliegt.

Darf ein Film sowas? Es ist Regisseur Poppe zugute zu halten, dass er jahrelang akribisch recherchierte und sich mit einer Masse an Zeugenaussagen auseinandersetzte. Nach eigener Aussage basieren alle gezeigten Elemente, also auch die spannungsfördernden, auf Tatsachenberichten. Auch stellt der Film durch einen geschickten Kniff gleich zu Beginn klar, dass ein wirkliches Nachempfinden der Ereignisse nicht möglich sein wird. Dennoch, und das ist entscheidend, haben wir Zuschauer zwei Vorteile gegenüber den Jugendlichen auf der Insel: Wir wissen, was da gerade vorgeht, und wir sind in Sicherheit. Damit ist der Schritt zum „guilty pleasure“, zum schuldhaften Vergnügen auf Kosten der Beteiligten, ein kleiner und damit wird Utøya 22. juli problematisch. Das Wagnis, die Tragödie filmisch umzusetzen, scheitert an den inneren Gesetzmäßigkeiten des Geschehens.

Das zeigt sich auch in den Reaktionen. Unter den Schlussapplaus mischen sich viele deutliche Buhrufe. Schon beim Verlassen des Kinosaals sind die Diskussionen leidenschaftlich. Bis spät in die Nacht schnappt man rund um das Festivalzentrum immer wieder Gesprächsfetzen zu dem Film auf. Eine kontroverse Debatte über einen Film ist immer besser als gar keine. Auch wenn an deren Ende steht, dass es Erik Poppe nicht gelungen ist, Terror angemessen zu verfilmen.

4 Responses to “Stille im Berlinale-Palast: „Utøya 22. juli“”

  1. philipp 20. Februar 2018 at 18:43 #

    Den Spagat zwischen Voyeurismus und empathischem Miterleben, den muss wohl jede Arbeit leisten, die Erinnerungskultur sein möchte.

    Habe den Film noch nicht gesehen, werde das aber baldmöglichst tun.

    Gute Besserung nach Berlin und danke für die Filmkritik.

    • Johannes Litschel 20. Februar 2018 at 23:01 #

      Da hast Du vollkommen recht. In diesem Fall kippt das Pendel aber zugunsten des Voyerismus‘ und das Schauen wird unerträglich. Schreibe deine Eindrücke gerne hier in die Kommentare, wenn Du den Film gesehen hast! Grüße

  2. Robert 22. Februar 2018 at 14:15 #

    Aber gerade die Tatsache, dass das Schauen unerträglich wird, spricht doch dafür, dass der Film das Ziel erreicht hat, sich nicht einfach nur voyeuristisch an dem Massaker zu weiden, sondern so unter die Haut geht, dass eine schier unerträgliche und beklemmende Stille nach Filmende herrscht.
    Mich erinnert das sehr stark an die Erfahrung, als ich den Film die „120 von Sodom“ von Pier Paolo Pasolini gesehen hatte. Hier werde ich auch den überaus treffenden Kommentar des Journalisten und langjährigen Leiter des Berlinale-Forums, Ulrich Gregor, nicht vergessen: Ein Film, den man gesehen haben MUSS, aber kein zweites Mal sehen möchte.
    Auch wenn ich Utoya nicht auf eine Stufe mit 120 Tage von Sodom stellen würde, vielleicht leistet dieser Film doch seinen Beitrag – gerade auch für die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden, das Massaker zu verarbeiten!?
    Viele Grüße

    • Johannes Litschel 22. Februar 2018 at 17:17 #

      Vielleicht ist „Voyeurismus“ tatsächlich nicht der richtige Begriff, um das Problem zu beschreiben. Das würde ja voraussetzen, dass gezielt mit der Schaulust der Zuschauer gearbeitet wird bzw. dass „guilty pleasure“ gewollt wäre. Das würde ich keinesfalls sagen. Ich denke, das Vorhaben der Filmemacher ist absolut integer und die Umsetzung erfolgte so um- udn vorsichtig wie möglich. Abgesehen davon wurden Hinterbliebene und Überlebene eng in die Konzeption eingebunden. Vor der Veröffentlichung wurde der Film den Hinterbliebenen quasi zur Freigabe vorgelegt.

      Das Problem des Films ist vielmehr, dass die Dramaturgie des tatsächlichen Geschehens diese Schaulust aber hervorrufen KANN. Einstellungen wie die von Breivik oder der Sterbeszene fördern das. Warum hab ich ja oben geschrieben. Das liegt nicht an der Umsetzung sondern an dem Geschehen an sich. Oder um es kurz zu sagen: Den Anschlag so zu inszenzieren halte ich für sehr riskant.

      Das unterscheidet den Film meiner Ansicht nach auch von Saló (oder „guten“ Kriegsfilmen wie FMJ): Der Tonfall des Films ist von Beginn an klar und erzeugt vom ersten Moment an Abscheu. Damit fällt die Einordnung dem Zuschauer leicht. Bei Utoya sehe ich das wie gesagt anders.

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