Stephen Chow – Hongkongs „King of Comedy“

30 Aug

Seit seinem Durchbruch 1990 ist Stephen Chow der bekannteste, beliebteste und bedeutendste Komiker Hongkongs – ein asiatischer Superstar dem der internationale Erfolg wohl auf ewig verwehrt bleiben wird. Zu sehr ist sein als Mo-Le-Tau bekannt gewordener Humor mit seiner kantonesischen Muttersprache verbunden – in der Untertitelung auch dann noch zum Totlachen, wenn man kaum die Hälfte mitkriegt, in Synchronfassung sicherlich jedoch so langweilig wie Spaghetti ohne Soße – es fehlt die Würze, der Pfiff. Selbst unter Liebhabern des Hongkong-Films hierzulande ist Stephen Chow meist unbekannt: aus Hongkong kommen eben nur Action- und Kung-Fu-Filme. EBEN NICHT!!!

Man muß sich oft wundern, welch zweitklassige Werke den Weg in deutsche Videotheken bzw. ins Abendprogramm schaffen. Billige Actionstreifen, olle Kamellen aus den 70er/80ern, alberne Klamotten mit Jackie Chan … und wenn’s mal ein Klassiker ins Nachtprogramm schafft, dann eher selten. Auf den ersten Blick wirken Stephen Chows Filme einfach nur überdreht und albern – es gibt jedoch handfeste Gründe warum sie nicht wie etwa die Filme Jackie Chans zum Exportschlager werden können. Zu sehr bezieht sich Chow in seinen Filmen auf frühere Werke, andere Hongkong Filme, Stoffe aus der chinesischen Literatur oder auch nur auf bestimmte Werbespots, auf aktuelle Ereignisse im öffentlichen Leben Hongkongs, das Verhältnis zwischen Hongkong und China oder die Gesellschaft der ehemaligen Kronkolonie. Viel an Chows Werk ist Parodie, viel ist schlichtweg Nonsense – denn Mo-Le-Tau bedeutet in etwa „ohne Hirn“. Mit dem todernsten Gesichtsausdruck eines Buster Keaton, kann Chow den größten Schwachsinn von sich geben, in absoluter Ernsthaftigkeit den größten Unfug anstellen. Auch der amerikanische Film kennt den komödiantischen Wert von Labertaschen a la Joe Pesci oder Eddy Murphy: Stephen Chow redet sie alle an die Wand.

Der am 22.6.1962 in Hongkong geborene Chow Sing-chi ist ein Multitalent. 1982 bewarb er sich gemeinsam mit seinem Jugendfreund, dem international bekannten Hongkong-Darsteller Tony Leung an der Schauspielschule – und wurde abgelehnt. Chow besuchte Abendkurse in Schauspielerei, absolvierte eine Kung-Fu Ausbildung. Als großer Bewunderer Bruce Lees ist Kung-Fu fester Bestandteil in vielen seiner Komödien, meist von besserer Qualität als in so manchem Actionfilm. Ein Jahr nach seiner Ablehnung an der Schauspielschule bekam Chow sein erstes Engagement als Moderator einer Kindersendung „430 Space Shuttle“. Die folgenden fünf Jahre empfand Chow sicherlich als „sehr lange“. Denn im Grunde mag er eigentlich gar keine Kinder – man sollte beim Betrachten seiner Filme nur einmal darauf achten wie selten man eines zu Gesicht bekommt. Folglich war er weder allzu geduldig, noch allzu freundlich ihnen gegenüber – und die Show wurde ein Hit. Ein Kinderhasser als Moderator einer Kindersendung: Chow hatte Erfolg, war jedoch nicht zufrieden. 1987 bekam er seine erste Rolle in einer TV-Serie, 1988 sein Film-Debüt. Zunächst spielte er vor allem in Dramen und Action-Filmen, der Durchbruch blieb aus. 1990 übernahm er erstmals die Hauptrolle in einer Komödie: „All for the Winner“. Der „Winner“ hieß Stephen Chow. Zu verdanken hat er dies in gewisser Weise seinem Namensvetter: Chow Yun-Fat. Nach „A Better Tomorrow“ (1986) welcher John Woo, Leslie Cheung und Chow Yun-Fat – mittlerweile allesamt international bekannt – zum Durchbruch verhalf setzte Chow Yun-Fat einen zweiten Meilensteil seiner Karriere, er wurde zum „God of Gamblers“ (1989). Der Charakter wurde zur Legende, wer immer einen „Gambler-Film“ drehen wollte konnte zwar Bezug auf die Figur nehmen (was häufig) geschah, sie jedoch nie selbst verkörpern. Der „God of Gamblers“ war Chow Yun-Fat – und nur er. Stephen Chow jedoch war derjenige, der in den meisten „Gambler Filmen“ die Hauptrolle spielte – immer in Bezugnahme auf das parodierte Original um Kartentricks, Magie und Glücksspiel. „All for the Winner“ markierte auch den Beginn der dauerhaften Kooperation von Stephen Chow mit Ng Man Tat und brach alle Rekorde an Hongkongs Kinokassen. Chow hatte die Hongkong-Komödie neu erfunden. Seine Darstellung des Kleinen Mannes aus der Unterschicht der mit Idealismus, Hartnäckigkeit und viel Witz seinen Weg nach oben erkämpft verkörperte den Geist Hongkongs. Vor dem Schatten der herannahenden Übergabe an China verkörperte Chow die Selbstbehauptung des Stadtstaates. Elf Filme 1990, sieben 1991, sieben 1992 – trotz kurzer Drehzeiten waren die meisten überraschend gut. 1993 folgte der erste Flop: Mad Monk. Mit Regisseur Johnny To hatte Chow sich heftigst über das Drehbuch gestritten. Von nun an drehte Chow weniger Filme und begann mehr Einfluß auf deren Inhalt zu nehmen. „Love on Delivery“ markierte die Rückkehr zu seinen Wurzeln: der Underdog auf dem Weg nach oben, dazu eine herzergreifende Liebesgeschichte – die in keinem seiner Filme fehlt. Es folgten ambitionierte Projekte wie die Bond-Parodie „From Beijing with Love“ (1994) und der Zweiteiler „Chinese Odyssey“ (1994) angelehnt an die Geschichte vom Affenkönig, einem der vier bedeutendsten chinesischen Romane. Die Filme der folgenden fünf Jahre waren von durchaus wechselnder Qualität. Doch gerade als Chows Sterns zu sinken began erreichte er eine Stufe künstlerischen Schaffens. Mit „King of Comedy“ (1999) und Shaolin Soccer (2001) wurden seine Filme reifer und in ihrem Humor erwachsener. Aber alberne Klamotten waren seine Filme noch nie.

Zu erwarten das Stephen Chow vielleicht doch einmal der Durchbruch im Westen gelingt ist kurz- und mittelfristig illusorisch. Shaolin Soccer soll jedoch 2003 in den USA in modifizierter Fassung in die Kinos kommen. Hierzulande hat es auch gedauert, bis Jackie Chans Filme aus den 80ern populär wurden. Wie in anderen Ländern auch, so ist vieles was in Hongkong produziert wird Dutzendware: heute „hui“ und morgen schon „pfui“. Gerade „Shaolin Soccer“ hat jedoch das Potential ein echter Klassiker zu werden. Gerade Chows Parodien sind in Bezug auf eine Gesamtbetrachtung etwa der als „New Wave“ bekannten Renaissance des Wuxia-Kung Fu Films oder auch der „Gambler-Filme“ höchst interessant. Wie bereits erwähnt besteht eine starke Bezugnahme Chows auf filmische Trends, aktuelle Ereignisse, Gesellschaftsordnung und Lebensgefühl Hongkongs. Auch deshalb dürfte Chows künstlerisches Werk interessant werden. Doch die positive Hervorhebung seiner schauspielerischen Leistungen sollte jedoch bei alledem nicht zu kurz kommen. Seine Filme sollen nämlich trotz aller Tiefe vor allem eines sein: lustig.

Wer sich schon immer gefragt hat warum Chinesen eigentlich die ganze Zeit grinsen und lachen der sollte sich mal einen Film mit Stephen Chow ansehen.

 

Link:

  • Stephen Chow Biographie
    Eine Ausführliche Biographie Stephen Chows. „Hong Kong Cinema – View From the Brookly Bridge“ ist die umfassendste und qualitativ hochwertigste Fanseite zum Hong Kong Kino.

 

Text: Daniel Walter (30.08.2002)

 

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