Schluss, Aus, Applaus, nach Haus‘ – Locarno’14

21 Aug

[ LOCARNO ] Armin Mueller-Stahl bedankt sich für den „Löwen“, Roman Polański sagt kurzerhand ab und zwei Todesfälle erreichen unerwartet das internationale Cineastenforum: das 67° Festival del film Locarno und sein Programm wurde zwar stellenweise ungewollt dynamischer, dafür bekam der geübte Festivalbesucher – nach offiziellen Angaben kommen 4/5 der Locarno-Liebhaber wiederholt an den Lago Maggiore – jedoch wie gewohnt ein glanzvolles, bereicherndes und vor allem entspanntes Sommer-Filmfestival in ganz besonderer Atmosphäre zu genießen.

Die Programmreihen Piazza Grande, Concorso internazionale (Internationaler Wettbewerb), Concorso cineasti del presente (Debüts), Pardi di domani (Kurzfilme), Signs of Life (Experimentelles), Fuori concorso (außer Konkurrenz), Premi speciali und Histoire(s) du cinema (zu Ehren der Spezialpreisträger), I film delle giurie (Plattform für Werke der Wettbewerb-Jury-Mitglieder selbst), Retrospettiva Titanus, Open Doors (Plattform für Filmemacher, die unter schwierigen Veröffentlichungssituationen drehen), Semaine de la critique (Auswahl von Filmjournalisten) sowie Panorama Suisse boten auf dem vergangenen Samstag beendeten Internationalen Filmfestival von Locarno wieder viel Stoff, sich der zeitgenössischen und historischen Kinokunst zu nähern, wie sie so wohl nur innerhalb hoher Festivalmauern tatsächlich sichtbar wird. Währenddessen sowie zum krönenden Abschluss wurden sodann zahlreiche Spezial-, Wettbewerbs- und unabhängige Preise an würdige Filmemacher vergeben.

 

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Die Sonne ist untergegangen, die Turmuhr schlägt halb zehn – Showtime auf der Piazza Grande beim 67° Festival del film Locarno © Antje Lossin

 

Die Leoparden

Allabendlich, wenn die Sonne am Lago Maggiore untergeht, beginnt der Höhepunkt des Tages auf der malerischen Piazza Grande. Bevor auf der riesigen Leinwand ab Punkt 21:30 Uhr bis zu drei Filme unter Sternenhimmel gezeigt werden, überreichen Festivaldirektor Carlo Chatrian und Giada Marsadri regelmäßig einen der Spezialpreise in Form eines Goldenen Leoparden an eine herausragende Persönlichkeit der Filmkunst – dieses Jahr:

°  Lifetime Achievement Award – Parmigianti an ARMIN MUELLER-STAHL – Der erst seit 2011 vergebene Leopard für’s Lebenswerk erhielt nach Harrison Ford, Alain Delon und Jacqueline Bisset nun der deutsche Ausnahme-Künstler, der sich für den „Löwen“ bedankte und damit ungewollt an die Konkurrenz in Venedig erinnerte, zu der sich das im Gegensatz dazu „frei“ gegründete Festival in Locarno seit jeher in besonderer Weise abzugrenzen sucht. Mueller-Stahl bedankte sich dann aber artig mit dem flott rezitierten Gedicht „Der Gaukler“.

°  Leopard Club Award an MIA FARROW

°  Pardo d’onore Swisscom (Ehrenleopard) an AGNES VARDA – Das Herzstück der Special Awards wurde seit 1989 schon an zahlreiche bedeutende Filmemacher überreicht, die in besonderer Weise für die Programmierungstradition des Festivals, auch und gerade des Autorenfilms, stehen. Nach Ennio Morricone, Jean-Luc Godard, Bernardo Bertolucci, Terry Gilliam, Leos Carax, Werner Herzog und vielen anderen nahm die fidele, belgische »Grand-mère de la Nouvelle Vague« die Auszeichnung auf der Piazza entgegen.

°  Premio Raimondo Rezzonico an NANSUN SHI – Die Hongkonger Produzentin widmet ihren Leoparden all jenen tausenden Charakteren im Hintergrund, ohne die weder die gut zu erzählende Geschichte eines Films noch der Film selbst in all seinen handwerklichen Facetten existieren kann. Ohne jene würde sie dort oben auf der Bühne vor der Leinwand nicht stehen und bedankt sich daher bei ihren Mitstreitern hinter den Kulissen aus Jahrzehnten der Zusammenarbeit wie kein anderer Preisträger auf diesem Festival.

°  Excellence Award Moët & Chandon an

GIANCARLO GIANNINI und JULIETTE BINOCHE

°  Pardo alla carriera an VICTOR ERICE

°  Vision Award – Nescens an GARRETT BROWN – „Mr. Steadicam“, ohne dessen Erfindung weder THE SHINING noch ROCKY (beide waren ebenfalls noch im Programm zu sehen) in dieser Form denkbar und berühmt gewesen wären. Der sympathische US-amerikanische Kameramann ruft auf der Bühne gut gelaunt jeden Denker und Tüftler dazu auf, nur das zu entwickeln, was einem tatsächlich am Herzen liegt.

 

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Verleihung des Pardo alla carriera an Victor Erice, Piazza Grande 13-08-2014, 67° Festival del film Locarno © Antje Lossin

 

Spannend wird es allerdings auch und gerade am letzten Festivalabend auf der Piazza Grande: Zwar kursieren die diesjährigen Träger der Wettbewerbspreise offiziell bereits während des Tages, was nicht jeden Festivalbesucher begeistert, dennoch  lohnte sich die Verleihung der Leoparden mitzuerleben, die in den Programmreihen des Concorso internazionale, Concorso cineasti del presente, Pardi di domani (Kurzfilme) sowie Piazza Grande vergeben werden. Die wichtigsten Preisträger:

 

CONCORSO INTERNAZIONALE

Der Internationale Wettbewerb mit seinem wichtigsten Preis, dem Pardo d’oro, ist die Bühne für neuste Produktionen internationaler Filmemacher und fiel dieses Jahr durch hohes Niveau, gute internationale Durchmischung und einigen politischen Einschlag auf.

°  Pardo d’oro (Goldener Leopard) an LAV DIAZ für „Mula sa kung ano ang noon“ (From what is before) – Trotz oder gerade wegen der atemberaubenden Länge von fünfeinhalb Stunden über die Diktatur von Ferdinand Marcos fielen die Kritiken aller Jurys durchweg positiv aus und macht den philippinischen Regisseur Lav Diaz zu einem würdigen Preisträger 2014.

°  Premio speciale della giuria (Spezialpreis der Jury) an ALEX ROSS PERRY – Sichtlich enttäuscht, aber auch froh über den immerhin zweiten Platz im internationalen Wettbewerb nahm Perry den Silbernen Leoparden für seinen wunderbaren Indie-Film LISTEN UP PHILIP entgegen, den er schließlich Roman Polański widmete.

°  Pardo per la migliore regia (Preis für die beste Regie) an PEDRO COSTA für „Calvalo Dinheiro“

°  Pardo per la miglior interpretazione femminile (Leopard für die beste Darstellerin) an ARIANE LABED in „Fidelio, l’odyssée d’Alice“

°  Pardo per la miglior interpretazione maschile (Leopard für den besten Darsteller) an ARTEM BYSTROV in „Durak“

°  Die Lobende Erwähnung erhielt der brasilianische Film „Ventos de Agosto“ von GABRIEL MASCARO

 

CONCORSO CINEASTI DEL PRESENTE

Der Wettbewerb für all jene Erst- und Zweitlingswerk-Autoren, die bereits den Kurzfilmen entwachsen sind und sich innovativ, oft mit wenig Budget und experimentierfreudig in Langform das erste Mal der Welt- und internationalen Öffentlichkeit stellen. Der sympathische syrische Jury-Präsident der Sektion, Ossama Mohammed, nutzte die Bühne vor den Verkündungen zudem für die vielsagende Anmerkung, dass er kein gewählter Präsident sei.

°  Pardo d’oro Cineasti del presentePremio Nascens an RICARDO SILVA für „Navajazo“

°  Premio per il miglior regista emergente (Beste Regie) an SIMONE RAPISARDA CASANOVA für „La creazione di significato“

°  Premio speciale della giuria Ciné+ (Spezialpreis der Jury) an OSCAR RUIZ NAVIA für „Los Hongos“

°  Die Lobende Erwähnung ging an „Un jeune poète“ von DAMIEN MANIVEL

 

OPERA PRIMA

Der Preis der Stadt und Region Locarno für das beste Debüt, das im Rahmen des Concorso internazionale, Concorso Cineasti del presente oder auf der Piazza Grande gezeigt wurde.

°  Pardo per la migliore Opera Prima an SOON-MI YOO für „Songs from the North“

°  Die Lobende Erwähnung ging an Parole de kamikaze von MASA SAWADA

 

PIAZZA GRANDE

Das Publikum auf der Piazza Grande ist nicht nur Teil eines ganz besonderen Kinoraumes, sondern gehört Abend für Abend ebenso der Jury des Prix du Public UBS an. Daneben vergeben Kritiker des US-amerikanischen Fachblatts Variety ihren Preis an eine Welt- bzw. internationale Premiere auf der Piazza Grande.

°  UBS-Publikumspreis an SCHWEIZER HELDEN von Peter Luisi

°  Variety Piazza Grande Preis an MARIE HEURTIN von Jean-Pierre Améris

 

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Die Leoparden stehen bereit: Verleihung der Wettbewerbspreise auf der Piazza Grande 16-08-2014, 67° Festival del film Locarno © Antje Lossin

 

Neben den Leoparden wurden am letzten Festivaltag ebenfalls die prestigeträchtigen Preise der unabhängigen Jurys vergeben, unter anderem:

°  Ecumenical Prize (Ökumenische Jury) an Durak von Yury Bykov

°  FIPRESCI Prize (Preis der Internationalen Filmkritik) an Mula sa kung ano ang noon von Lav Diaz

°  Europa Cinemas Label (Europäischer Film) an Fidelio, l’odyssée d’Alice von Lucie Borleteau

°  FICC / IFFS Prize (Preis der Internationalen Filmclubs) an Mula sa kung ano ang noon von Lav Diaz

°  Preise der Semaine de la critique an 15 Corners of the world von Zuzanna Solakiewicz und Le mort du Dieu serpent von Damien Froidevaux

 

»Signorina, I am sorry, I don’t speak Italian« – Persönliches Resümee

So bemüht ehrlich hat es Ossama Mohammed, syrischer Regisseur und diesjähriger Jury-Präsident der Concorso Cineasti del presente, während der Verleihung der Wettbewerbspreise auf der Piazza Grande neben der fast ausschließlich auf Italienisch durch den Abend führenden Giada Marsadri auf den Punkt gebracht. Offizielle Festivalsprachen sind natürlich Italienisch und Französisch, zweitrangig wird ins Englische und Deutsche übersetzt. Und natürlich sind Filmfestivals immer eine hevorragende Gelegenheit, seine Fremdsprachkenntnisse mithilfe der Filme in Originalversion mit zumeist zwei Untertitel-Sprachen zu trainieren, will man den Film nicht allein aus den Bildern dekodieren.

Seit meinem letzten Besuch in Locarno 2012 jedoch, als Olivier Père letztmalig als Festivaldirektor in Locarno fungierte, bevor er noch im selben Jahr überraschend zu Arte France Cinema wechselte, war mir diesmal unter der Festivalleitung von Carlo Chatrian auffällig, dass meist chaotischer und monolingualer moderiert wurde. Unter Père war der Moderationstext stets in kleine, verdauliche Häppchen, unterbrochen für eine Übersetzung durch seine Assistentin in eine zweite und sogar dritte Sprache, unterteilt, was dem Verständnis durch ein sehr internationales Publikum zugute kam. Bleibt die Hoffnung, dass der noch sehr jung wirkende Italiener Chatrian seinen ansonsten sympathischen Stil die nächsten Festival-Jahre weiter verbessern wird.

Die Programmierung durch den Retrospektiven-Spezialisten Chatrian indes war, wie auch früher schon unter Olivier Père, durch fast alle Sektionen hindurch eine gewohnt gelungene Mischung von kreativ-avantgardistischen, deshalb nicht immer ganz verständlichen, aber ungemein spannenden (Autoren-)Filmern aus jeglichen Teilen der Welt. Lediglich dem Spielplan der Piazza Grande hätte die ein oder andere Korrektur manchmal gut getan – Warum den schon durch alle Verwertungsstufen genudelten VENUS IM PELZ zeigen, wenn doch ROSEMARY’S BABY – der allerdings zu Ehren von Mia Farrow und weniger Polanski wegen im Programm lief – ein würdigerer Piazza Grande-Klassiker gewesen wäre?

Auch mit Grandseigneur Jean-Luc Godard und seiner kleinen, persönlichen 3D-Studie ADIEU AU LANGAGE (Frankreich 2014, Fuori concorso) aus netten, nicht immer geglückten und durch die Bank überflüssigen Bildercodes zum Beispiel, noch dazu im winzigen Rialto-Kino gezeigt, ließ auf weniger Eigenständigkeit des Festivals schließen als man es auch und gerade vom kleinsten der A-Festivals erwarten darf.

Und wie immer hat man so vieles aus den Sektionen nicht gesehen, was man sich vorgenommen hatte, insbesondere die immer lohnenswerte Semaine de la critique oder auch die Pardi di domani (Kurzfilme), die stets einen guten Einblick in die nächste Filmemacher-Generation gibt. Anderes, wie die diesjährige Retrospektive über die traditionsreiche italienische Produktionsfirma Titanus, erregte weniger meine Neugier, aus der ich lediglich zur feierlichen Vorstellung der Programmreihe auf der Piazza Grande den dreistündigen, aber wirklich umwerfend inszenierten Autorenfilm DER LEOPARD (1963 ) von Luchino Visconti bei zwischenzeitlich strömenden Regen gesehen habe.

 

 

 

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Das 68° Festival del film Locarno wird vom 5. bis 15. August 2015 stattfinden.

 

Text: Antje Lossin, 21.08.2014 – Locarno’14

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