Roma – Ein Liebesbrief

17 Dez

Coyright Netflix 2018

Alfonso Cuaróns Kamera könnte auch in seinem neuesten Werk Roma bedenkenlos für die beste Hauptrolle nominiert werden. Und das nicht etwa, weil die Schauspieler und vor allem die Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio nicht hervorragend wären, sondern weil es die intelligente Kameraführung ist, die es Cuarón erlaubt diese kleine persönliche Geschichte einer zerrütteten Familie in Mexico-Stadt der 70er Jahre gebührend einzufangen. Roma erzählt die Geschichte einer jungen Haushälterin in einer wohlhabenden mexikanischen Familie und basiert zu großen Teilen auf Erfahrungen des Regisseurs selbst, der in ähnlichen Umständen in Mexico-Stadt aufgewachsen ist.

Wie hervorragend die Kameraarbeit mit der Handlung des Filmes interagiert, wird schon in der hypnotischen ersten Szene des Filmes klar. Noch während die Credits über die Leinwand flimmern, zeigt Cuarón in einer Kamerafahrt die so langsam ist, dass sie für die ersten dreißig Sekunden des Films wie ein Standbild wirkt, eine der banalsten alltäglichen Haushaltshandlungen, die man sich vorstellen kann. Obwohl die Szene weder die Charaktere zeigt, noch die Szenerie einführt, noch dialogisch oder musikalisch untermalt ist, versetzt sie den Zuschauer mit jeder verstreichenden Sekunde tiefer in die Welt des Filmes. Jedes kleine Detail das hier Schritt für Schritt offenbart wird, wirft neue Fragen auf, die nicht nurauf die Stimmung und das Tempo des Films einstimmen, sondern deren Bedeutung für die ganze Dauer des Filmes im Mittelpunkt stehen. Die tatsächliche Tiefe der Szene wird erst im Laufe der Handlung klar.

Solche Kameraeinstellungen wirken zu keinem Zeitpunkt als stünden die schönen Bilder selbst im Mittelgrund, sondern beziehen sich zu jeder Zeitauf die Handlung und vor allem auf Haushälterin Cleo (Aparicio), die in fast jeder Szene im Fokus der Kamera steht. Die Kamera bleibt hier interessanterweise auf Distanz und zeigt Personen und Emotionen nur sehr selten in Nahaufnahmen. Viel typischer sind lange ununterbrochenen Szenen, die entweder statisch oder in langsamen Kamerafahrten die Handlung verfolgen. Diese Szenen erlauben es dem Publikum, sich in der Welt des Films zu verlieren und auch die unzähligen kleinen Details in den wunderschönen Sets wahrnehmen zu können.

Oftmals verlaufen die Kamerafahrten in flachen Bewegungen, parallel zu den Bewegungen der Charaktere, was diesen Szenen eine zweidimensionale Qualität verleiht. Das gemächliche Tempo und die starke Fokussierung dieser Momente bieten Gelegenheit sich intensiv mit den Charakteren im Mittelpunkt der Szenen oder auch mit Details der großartigen Kulissen zu beschäftigen. Die Inszenierung dieser Szenen in den Straßen einer Millionenmetropole ist oft gewaltig und sind in ihrer logistischen Komplexität vermutlich nur in Cuaróns eigenen Werken (Childrenof Men, Gravity) übertroffen. 

Paradoxerweise hat die distanzierte Kamera jedoch einen entgegengesetzten Effekt, denn sie bestärkt eine Identifizierung und die empathische Bindung an die Figuren. Dieser Effekt wird auch dadurch verstärkt, dass die Kamera oftmals auf die Charaktere selbst gerichtet bleibt, auch wenn sich außerhalb des Sichtfelds des Zuschauers dramatische Szenen abspielen. Hierbei wird klar wie sehr Cuarón – der hier in vielerlei Hinsicht seine eigene Kindheit verfilmt – seine Figuren in den Mittelpunkt stellt. Die erheblichen sozialen Spannungen Mexicos Anfang der 70er Jahre sind zentrale Elemente des Films, aber eben nur insofern sie die Gefühlswelt der Charaktere betreffen.

Höhepunkt hierbei ist mit Sicherheit eine Schlüsselszene in einem Krankenhaus, in der Cuarón zu keiner Sekunde von Cleos Seite weicht. Dem Publikum bleibt nichts anderes übrig als sich in der mehrminütigen, ununterbrochenen Szene voll auf die Emotionen des Charakters zu konzentrieren.

Damit wird die Kameraführung zum Ausdruck der Verwicklung zwischen Regisseur und den autobiographischen Elementen der Handlung. Die Art und Weise wie Cuarón diese Geschichte erzählt zeugt von einer tiefen Bewunderung für die Figur der Cleo, die offensichtlich auf einer wahren Person basiert. Roma ist ein Liebesbrief an eine Haushälterin, die in den jungen Jahren des Regisseurs eine prägende Rolle spielte – für die sie vielleicht von dem Jugendlichen selbst nie die verdiente Anerkennung erlebt hat. Mit seiner Kamera rückt Cuarón den Fokus seines Films genau auf die Person, deren liebe- und aufopferungsvoller Einsatz zuvor nie ausreichend gewürdigt wurde.

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