Realität in die Fiktion bringen: Die Regisseurin Anne Zohra Berrached über „24 Wochen“

7 Okt

cimg1350

In ihrem aktuellen Film 24 Wochen erzählt Regisseurin Anne Zohra Berrached von einem Paar, das durch Pränataldiagnistik von der Behinderung ihres ungeborenen Kindes erfährt. Astrid, deren Schwangerschaft schon recht weit fortgeschritten ist, muss sich entscheiden, ob sie das Kind dennoch austragen will.

Schon Abtreibung an sich ist ein prekäres Thema – Spätabtreibung nahezu ein Tabu. Dennoch habe sich die Empörung darüber in Grenzen gehalten, erzählt die Regisseurin beim Gespräch mit epd Film Redakteur Ulrich Sonnenschein im Frankfurter Filmmuseum. „Ich habe bei der Premiere auf der Berlinale schon gedacht, dass bestimmt viele rausgehen werden. Aber das war nicht der Fall“, sagt sie. Auch negative Reaktionen von Behindertenverbänden habe es nicht gegeben.

Einseitigkeit kann man dem Film aber auch nicht vorwerfen. Den Entscheidungsprozess des Paares beleuchtet Berrached auf einfühlsame Weise, keine der Optionen stellt sie als richtig oder falsch dar. Das sei harte Arbeit gewesen, vor allem, was das Drehbuch angeht. „Wir mussten ständig schauen, ob eine Szene nicht zu polarisierend rüberkommt. Wir wollten dem Zuschauer keine Meinung aufdrücken“, sagt Berrached. Sie hat das Gefühl, dass ihr das gelungen ist. „Ich denke, beide Möglichkeiten – das Kind zu bekommen oder es nicht zu bekommen –  werden dem Zuschauer durch den Film näherrücken. Und er wird vielleicht auch verstehen, dass man so eine Entscheidung nur treffen kann, wenn man sie treffen muss.“

Warum gerade Spätabtreibung? Berrached ist dem Thema durch einen Zeitungsartikel nähergekommen, der sie zur intensiveren Recherche bewegt hat. „Ich habe selbst mal ein Kind abgetrieben, allerdings vor dem dritten Monat“, erklärt sie. Ihre Situation sei damals eine andere als die der weiblichen Figur Astrid gewesen, aber die Erfahrung habe ihr definitiv geholfen, Julia Jentsch zu inszenieren. Über 90 Prozent der Frauen, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten, treiben es nach dem dritten Monat ab. „Ich finde, das ist eine Zahl, über die man sprechen muss“, so die Filmemacherin.

Wichtig war ihr dabei das authentische Auftreten der Ärzte. Deshalb hat sie auf richtige Ärzte, also Laiendarsteller, gesetzt. „Das machte die Sache natürlich um einiges schwieriger“, erzählt sie. „Pro Rolle habe ich 20 bis 60 Ärzte getroffen. Sie sollten so sprechen, dass es zu den anderen Darstellern passt. Sie sollten die Kamera vergessen können und genau das tun, was sie sonst auch tun.“

[ACHTUNG SPOILER!] Besonders schwer zu besetzen sei die Rolle des abtreibenden Arztes gewesen. „Niemand wollte ihn spielen“, sagt die Regisseurin. Derjenige, der schließlich zustimmte, tat dies nur unter der Bedingung, unerkannt zu bleiben und den Rohschnitt vorher sehen zu dürfen. „Das mache ich sonst nie. Aber ich hatte ja keine andere Wahl“, lacht die Erfurterin. Als er das Ergebnis sah, sei er so beeindruckt gewesen, dass ihm seine Anonymität nicht mehr wichtig gewesen sei. „Aber da war der Film schon gedreht“, sagt Berrached und zuckt mit den Schultern. Seine eigene Stimme behielt er dann aber.

Ihr Regiekonzept war: „Bringe Realität in die Fiktion“. Deshalb waren nicht nur die Ärzte echt, sondern auch die Comedyshows, in denen Julia Jentschs Charakter Astrid auftritt. Vor den Shows hatten sie jeweils zehn Minuten Zeit, die Bühne zu nutzen.  Den Bühnentext hat der Kabarettist Ralf Hussman (Stromberg) geschrieben. Für die Szenen hat Julia Jentsch sechs Wochen geprobt. „Das Emotionale hat sie drauf. Vor den Bühnenszenen hatte sie Bammel“, erklärt Berrached. Dass Comedyelement war der Regisseurin wichtig, als Gegengewicht zu dem schweren Thema. „Ich habe mir den Film einmal ohne die Bühnenszenen angeschaut“, sagt sie. „Er hat nicht funktioniert. Er war zu traurig, zu deutsch.“

Am einfachsten zu besetzen aber sei Markus‘ Rolle gewesen. Die Regisseurin wollte sie mit jemandem besetzen, der nicht sowieso ständig genau solche Rollen spielt. Bjarne Mädel war bisher eher durch komödiantische Rollen aufgefallen, wie in Mord mit AussichtDer Tatortreiniger oder Die Könige der Nutzholzgewinnung. Als Berrached ihn fragte, sagte er innerhalb von 24 Stunden zu. „Der hatte auf genau sowas gewartet“, lacht sie.

 

 

 

No comments yet

Leave a Reply

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.