Purer Optimismus: Über Sven Regeners Figuren in „Magical Mystery“

10 Sep

In Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, dem neuen Film von Arne Feldhusen (Stromberg, Der Tatorteiniger), sehen wir Charly (Charly Hübner), Ferdi (Detlev Buck), Raimund (Marc Hosemann) und Co. Alles alte Kumpels aus der Vor-Wende-Zeit. Während die letztgenannten in Berlin seit Jahren erfolgreich ein Elektrolabel managen, verschlug es Karl „Charly“ Schmidt zunächst in die Irrenanstalt und dann in ein betreutes Wohnprojekt für ehemalige Drogenabhängige. Jetzt, Mitte der 90er, haben die Elektro-DJs den Kommerz erst einmal satt und wollen in den alten Clubs auf Tournee gehen. Und dafür brauchen sie einen Fahrer, der im Gegensatz zu ihnen zuverlässig und nüchtern ist: Charly.

Wenn man sich fragt, warum dieser Film so begeistert – schließlich sind ein paar schräge Vögel, die schräge Dinge tun, weder neu im Kino noch per se ein Garant für gute Laune – und dann etwas genauer hinschaut, dann fällt der Blick neben vielen wunderbaren Dingen, die der Film mitbringt (Kostüme! Musik!! Frisuren!!!), dann doch wieder auf die Figuren. Diese sind typisch für die Geschichten von Sven Regener (Herr Lehmann, Neue Vahr Süd), der die Romanvorlage und das Drehbuch schrieb. Denn sie zeichnet etwas Besonderes aus.

Die Handlung ist an sich gar nicht so exklusiv. Manches in diesem Roadmovie läuft nach Plan, anderes geht krachend schief. Es sind, wie gesagt, die Charaktere. Die sind bei Regener in der Regel wunderlich, begriffsstutzig (eigentlich nur die Männer, die Frauen überblicken das Chaos meist hervorragend) aber im Gegenzug immer erfrischend ehrlich. Die würden einem nie etwas tun, daher werden sie einem mit ihren gesammelten Skurrilitäten schnell sympathisch. Und sie nehmen das Leben sportlich. Immer mit der Bereitschaft, zu scheitern und vielleicht auch mit einem gewissen Spaß am Scheitern. Dieses Risiko ist dann eben der Einsatz für die Freiheit, die man im Gegenzug bekommt. Man spürt irgendwie: Komme was wolle, denen kann nicht viel passieren. Mit denen ist man auf der sicheren Seite. Der Prototyp dieser Gattung ist freilich Herr Lehmann aus dem gleichnamigen Werk.

Deswegen ist der Humor in den Geschichten, für die Sven Regener verantwortlich zeichnet, auch weit vom Klamauk entfernt. Vielmehr entsteht die Komik klassisch aus der Situation heraus, nämlich immer dann, wenn die merkwürdigen Eigenarten der Protagonisten zum Vorschein kommen und dann über den Umweg des Chaos‘ doch irgendwie zum Ziel führen. Das hat etwas Befreiendes und zutiefst Optimistisches. Das Kino wird damit einer seiner wichtigsten Funktionen gerecht – den Zuschauern den Kopf zu verdrehen, indem ihnen ein Märchen erzählt wird. Hier: Man kommt schon irgendwie durch, vielleicht muss man gar nicht immer so viel nachdenken, wichtig sind vor allem Lebensmut und die passenden Leute. Und im Gegensatz zur Fabel schafft es Magical Mystery  sogar, dies ganz ohne Moralkeule zu vermitteln. Immer wieder hält man die Luft an und denkt, jetzt kippt die Story, jetzt kommt die große Katastrophe. Von wegen. Deswegen macht der Film so viel Spaß und entlässt einen gut gelaunt und bestärkt. Dass der eine Spruch oder der andere Gag explizit auf Lacher abzielen – geschenkt.

Man möchte gerne abtauchen und mit den Kumpels ihre Abenteuer bestreiten, bevor man am Ende, natürlich, sicher ankommt. Und wenn das nicht geht, ihnen zumindest dabei zuschauen

Denen kann keiner was: Charly (r.) und Co
© DCM Film

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