„Mulholland Drive“ – Eine Welt, die sich nur mehr zu spielen vermag

20 Jan

Ehe David Lynch mit Inland Empire die konzentrierteste Auseinandersetzung mit Sein und Schein der Filmindustrie wagte, warf er seine Zuschauer*innen mit Mulholland Drive bereits gehörig aus allen Rezeptionsmustern. Das Psychogramm einer Schauspielerin, die es in Hollywood versucht, dort aber in die Fänge diffuser Gestalten gerät, kennt lynchtypisch viele Brüche, Handlungs- und Figurenspiegelungen. Noch exzessiver als im Vorgänger Lost Highway löst sich der Film von einer klaren Handlungsinstanz. Verschiedene Figuren und Handlungsstränge erscheinen episodisch, geben sich untereinander Verweise, widersprechen sich.

Deutlich wird hingegen das Bild, das Lynch von der Traumfabrik zeichnet. Die ist ein kalter Apparat, der träumerisch-ungreifbar die Parameter der Realität versetzt, alle Beteiligten dem unterwirft und nicht mehr gehen lässt. Genrefiguren wie der Cowboy, der Gangster oder die laszive Noir-Dame erscheinen, ebenfalls witzige, dramatische, melodramatische Plots, scheinen Gewohnheit und Bedeutung zu geben, bleiben aber doch nur Fragmente einer verirrten Wahrnehmung. Der ist auch unsere „Heldin“ unterworfen und wird zum machtlosen Gefäß aller Träume, die Hollywood diktiert, dann aber zu einer zerfaserten Realität zwischen Traum und Wirklichkeit werden lässt. Das Resultat ist ein entfremdender Realitätszustand, der für alle ruhmessüchtigen Darsteller*innen Einsamkeit, Ohnmacht und alptraumhafte Wahnbilder bedeutet.

Mit düsteren Klangflächen, schwebender Kamera und diffus beleuchteten Innenräumen zeigt Mulholland Drive früh, dass in diesem Los Angeles nichts als Fixpunkt zu sehen ist, dass es keine klare Folie der Realität mehr gibt. In Hollywood spielt man als wäre es Realität. Von welcher Realität wollen wir also noch sprechen? Und welchen Wert haben unsere Errungenschaften dann noch? Lynch bohrt nach und schafft damit einen betörend schwarzen Film Noir, einen Horror-Loop vergeblicher Bedeutungssuche. Wer in Hollywood suche, der gehe verloren.

Mulholland Drive war am 17. Januar im aka-Filmclub zu sehen.

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