Lauter leere Worte – Xavier Dolans Theateradaption „Einfach das Ende der Welt“

5 Jan

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Xavier Dolan ist der Meister der Farben, Muster, extravaganten Kleider und verschwommenen Lichtspiele. Zum zweiten Mal hat sich der nur 27-jährige franko-kanadische Regisseur an eine Theateradaption gewagt: „Einfach das Ende der Welt“ heißt das Familiendrama, 1990 geschrieben von Jean-Luc Lagarce.

Auch seinem sechsten Film hat er seine Signatur verpasst: bereits die ersten Minuten lassen ahnen, welcher Macher hinter dem Werk steckt, wenn der Protagonist Louis erst nach einiger Zeit erkennbar wird, weil die Kamera vorher nicht scharf stellt. Aber sonstige Spielereien und kreative Elemente sucht man diesmal vergebens – Dolan beschränkt sich allein auf den Konflikt seiner Figuren, ohne ihn auszuschmücken.

Der Protagonist Louis (Gaspard Ulliel) kommt gleich zur Sache: Er besucht das erste Mal seit sehr langer Zeit seine Familie, um sich zu verabschieden, weil er sterben wird. Familiendramen sind eines der großen Themen Dolans, in I Killed My Mother und Mommy geht es um die schwierige Beziehung zwischen Mutter und Sohn, in Sag Nicht, Wer Du Bist porträtiert er die Machtspiele zweier Brüder. Auch im Transvestitendrama Laurence Anyways spielt die Familie des Protagonisten eine Rolle, deren Unterstützung er nicht bekommt. Diese Konflikte, die sich hinter den eigenen vier Wänden abspielen, kann der junge Regisseur präzise und mit ungeheurer Gefühlswucht darstellen. Dabei spielt sicher eine wesentliche Rolle, dass all seine Geschichten auch Geschichten seiner selbst sind –  immer wieder spielen die Themen Homosexualität oder die Beziehung zwischen Mutter und Sohn eine Rolle. Man merkt, dass sein Herzblut in diesen Filmen steckt, sie sind für ihn ein Weg persönlichen Ausdrucks, und deshalb sind die dargestellten Gefühle auch so authentisch und ungefiltert.

Einfach das Ende der Welt ist da anders. So sehr das Thema auch Potenzial aufweist und man am Anfang noch denkt, der Stoff sei wie gemacht für Dolan – irgendetwas fehlt hier. Anstatt wie sonst seine Charaktere mit ihm vertrauten Schauspielern zu besetzen, mit denen er bereits viel zusammengearbeitet hat und deren uneingeschränktes Verständnis seiner Vorstellungen er sich sicher sein kann, setzt er auf Prominente wie Vincent Cassel, Marion Cotillard oder Léa Seydoux. Das lockt Zuschauer an, und doch wird schnell deutlich, dass deren Schauspielkünste hier hinter leeren Dialogen verpuffen, dass Tränen nicht gleich Tränen sind. Wenn man an Frédériques (Suzanne Clément) ausweglose Situation in „Laurence Anyways“ zurückdenkt, an ihre unendliche Trauer, und sie mit Suzannes (LS) Tränen vergleicht, dann liegen Welten zwischen der emotionalen Wucht dieser Szenen.

Das liegt daran, dass wir von den Figuren viel zu wenig erfahren. Nicht alles zu erzählen kann spannend sein, aber es bedarf einer gewissen Informationsbasis, durch die man die Charaktere und dessen Handlungen und Äußerungen nachvollziehen kann. Man muss nicht alles verstehen, aber wenn sich eine Familie 90 Minuten lang anschreit, dann reichen keine Andeutungen auf den Kern des Konflikts. Es reicht nicht, dass Suzanne rauchend auf ihrem Bett sitzt und erzählt, wie sie Louis‘ Postkarten sammelt, dass Antoine seine Frau anfährt und überarbeitet ist, oder dass die Mutter über Louis‘ Wortlosigkeit und angedeutetes Lächeln sinniert. Und dass Antoines Frau Catherine (MC) Louis auf übernatürliche Weise zu verstehen scheint, wirkt aufgesetzt und unglaubwürdig.

Vielleicht ist es schlichtweg die Vielzahl an Charakteren, die Dolan überfordert. Auch Sag nicht, wer du bist war eine Theateradaption, in der er die rasante Verfolgungsjagd und den blanken Hass Francis‘ gegenüber seinem Bruder Tom überzeugend inszeniert. Zwei Menschen gegenüberzustellen, deren Chemie, Leidenschaft, Eifersucht und Verletzbarkeit zu porträtieren, darin brilliert der junge Regisseur. Vielleicht sucht er auch deshalb in Einfach das Ende der Welt diese Zweierbeziehungen, versucht, durch Vier-Augen-Gespräche die große Gruppe aufzuteilen. Aber diese Szenen wirken hastig, oberflächlich, nicht zu Ende gedacht. Keinem der Figuren ist man am Ende wirklich nahe gekommen, nicht einmal dem Protagonisten.

In I Killed My Mother oder Laurence Anyways sprudeln die Konflikte mit ehrlichen, wenn auch schmerzvollen Worten. Aber in dieser Adaption merkt man, dass die Worte ihren Ursprung nicht in Dolans Kopf haben. Die Dialoge so anzupassen, dass sie von ihm kommen könnten, ihnen die ihm eigene Intensität und Mischung aus Gnadenlosigkeit und tiefer Verletzbarkeit zu injizieren, ist ihm hier leider nicht gelungen. Es bleibt abzuwarten, ob sein nächster Film vielleicht wieder aus eigener Feder stammt – auf deren Genialität war bisher Verlass.

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