Kurzkritiken der Woche (6)

18 Nov

aka-Filme

Hereditary – Neuer, irrealer Horrorfilm

Nein, jetzt aber wirklich. Vor einiger Zeit habe ich noch auf Twitter gelesen, dass der aktuelle Horrorfilm voll da sei, selbst aber erwidert, dass die wirklichen Kracher noch fehlen, „It Follows“ mal ausgenommen. Bisher nämlich hängt sich auch das innovativere zeitgenössische Horrorkino noch zu sehr an alte Genremuster, bleibt im ganzen noch gemütlich und vorhersehbar. Mit „Hereditary“ scheint es zunächst nicht besser zu sein: Verlustgeschichte, Séance, Trauer und Imagination. Seltsam nur, wie lange sich der Film Zeit nimmt, sein Trauma in Bild und Dialog zu setzen, wie sehr einzelne Motive und Figuren immer wieder aus dem Fokus treten, große Unsicherheiten im Narrativ. Das bringt auf seine horroruntypischen zwei Stunden Ungeduld, Toni Collettes ständige Beunruhigung zugleich die nötige Grundspannung. Als schließlich der typische Okkultismus seinen Platz findet, eskaliert die Lage auf besondere Weise. Realität und Traum drängen sich an ungeklärten Punkten zusammen, das Psychodrama rückt mit seinen verspielt-morbiden Bildern in regelrechte Horrortableaus, der Film bricht zwischen Irrsinn und halluzinativer Paranoia. In diesem Zwischenraum findet „Hereditary“ zu ganz eigenen Bildern, die in ihrer surrealen Collage teils eher an Acid-Art à la Jodorowsky erinnern als an den klassischen Horrorfilm. Ari Asters Debüt dreht völlig frei und missachtet alle Sehgewohnheiten, eine klare Dramaturgie bis dahin sowieso. Darunter ein sperriger, manchmal fast autonom gesetzter Soundtrack, der mit seinen grollenden Beats akute, schwelende Unruhe schafft. Aster hat vollends verinnerlicht, dass Okkultismus und Wahn unvorhersehbare Strukturen benötigen, um wirklich miterlebt werden zu können, oder: Wer kann Wahnsinn, Halluzination, das Unbewusste darstellen, wenn er nur gewohnte, bewusste Darstellungsweisen bemüht? Ich sage es immer wieder und danke Ari Aster: Der Horrorfilm muss irreal werden, vollständig und gegen jede Sicherheit. Hier setzt „Hereditary“ an. (Autor: Fabian Lutz)

Rocketman – Musical mit platter Message

Das Musical Rocketman (als Film kann ich dieses Werk beim besten Willen nicht bezeichnen) behandelt einen Ausschnitt aus dem Leben von Reggie Dwight bzw. Elton John, wie er sich später selbst nennt. Natürlich kann sich der Zuschauer an den quitschbunten Kostümen oder den ordentlich inszenierten Musical- und Tanzeinlagen ergötzen. Dies verdeckt aber eigentlich nur den überaus konventionellen, schon tausendfach gesehenen, Handlungsbogen und eine von Kitsch triefende Geschichte. Natürlich gibt es auch Szenen mit guten Ansätzen. Z.B. wenn sein Freund und Songwriter die extrovertierten Kostüme Elton Johns kritisch betrachtet und ihn fragt, ob er nicht als er selbst auf die Bühne gehen will, worauf dieser begegnet, dass die Leute Elton John und nicht Reggie Dwight sehen wollten. Die Menge will eben unterhalten werden, der Mensch dahinter stört da eher nur. Diese Momente, die den Zuschauer zur Reflexion anregen könnten, werden aber leider sofort wieder durch einen „witzigen“ Spruch oder die nächste Musicalsequenz übertönt. Am Ende fehlt dann noch die passende Message, welche in einer Szene dargestellt wird, die platter nicht sein könnte: Der erwachsene Elton John, gerade einen Drogenentzug hinter sich, umarmt sein junges Ich. Du musst dich einfach nur selbst akzeptieren, dann findest du auch dein Glück! Für das Fazit zitiere ich Elton Johns Manager, der mit diesen Worten die zwischenzeitliche Erfolglosigkeit seiner Musik begründet: „Zugekokste Mainstream-Scheiße“! (Autor: Robin Pfefferle)

 

Aktuelle Kinofilme

Leid und Herrlichkeit – Film als Selbsttherapie

Wie schon Alfonso Cuarón mit Roma im letzten Jahr, verarbeitet nun auch Pedro Almodóvar seine Vergangenheit mit einem Film. Vor drei Tagen hatte ich noch nie einen Film von Pedro Almodovar gesehen. Vor zwei Tagen schaute ich mir deshalb noch schnell seinen Film Volver an, um nicht völlig unvorbereitet ins Kino zu stolpern. Ich wusste ja, dass es sich um ein, zumindest in Teilen, autobiographisches Werk handelt. Und da kann es nicht schaden wenigstens einen Film seines bisherigen Schaffens gesehen zu haben, so dachte ich. War das sinnvoll? Bestimmt. War es notwendig? Nein! Leid und Herrlichkeit zieht einen auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse und trotz seines gemächlichen Tempos in den Bann. Almodóvar braucht dafür auch keine außergewöhnliche Geschichte oder gar einen Plot Twist. Der Sog entfaltet sich hier durch die wunderschönen Bilder, durch die grandiosen Schauspieler*innen und durch die ruhige Inszenierung, die nie in Langeweile abdriftet. Der Film handelt vom Leid und von der Herrlichkeit in jedem Moment des Lebens. Das Leid zeigt sich in den ärmlichen Verhältnissen in denen der Protagonist Salvador als Kind aufwächst, in seinen Beziehungen und in unverarbeiteten Schicksalsschlägen, vor allem aber manifestiert es sich in seinen körperlichen Beschwerden, die ihn daran hindern sein Leben wie gewohnt zu bestreiten. Weder Medikamente noch Heroin ermöglichen ihm eine langfristige Besserung. Erst als er sich wieder auf das Filmemachen besinnt (Salvador ist, wie Almodóvar, Regisseur), und einen Film über seine Kindheit dreht, geht es ihm wieder merklich besser. Schlussendlich ist es das Kino, das ihm, genauso wie uns, die Herrlichkeit des Lebens offenbart. (Autor: Robin Pfefferle)

Gemini Man – Technische Gimmicks und fragwürdige Ethik

Bis auf die technischen Spielereien wie HFR oder die Technik, mit der Will Smith um 25 Jahre verjüngt wurde ist Gemini Man ein sehr konventioneller und vorhersehbarer Action-Thriller. Der Twist wird auch schon gleich auf dem Cover verraten. Die Agentenstory wird nach Schema F abgehandelt, außer ein paar mehr oder weniger spektakulären Actionsequenzen kommt dann nicht mehr viel. Neben der belanglosen Handlung ist auch die Aussage des Films sehr bedenklich. Das Leben eines Menschen sei anscheinend allein durch seine DNA vorherbestimmt. Dies wird vor allem an Will Smiths Figur deutlich. Henry ist zwar ein Auftragsmörder, das ist aber nicht weiter schlimm, da die Schuld ja seine Gene tragen. Eigentlich ist er ein sau netter und empathischer Typ. Leider wurden auch die ethischen Fragen, die das Klonen von Menschen betreffen, nur oberflächlich behandelt. Darauf, dass das Klonen zum Erschaffen von menschlichen Kampfmaschinen nicht korrekt ist, können sich wohl die meisten noch einigen. Wie steht es jedoch, wie vom Protagonisten nur beiläufig angesprochen, mit Ärzten oder einem Nelson Mandela? Damit kann oder will sich der Film dann lieber doch nicht beschäftigen. Schlussendlich ein extrem uninspirierter Film, der sich dem Denken verweigert, uns aber nochmals verdeutlicht, dass die alleinige technische Entwicklung ohne inhaltlichen oder künstlerischen Anspruch der Zukunft des Kinos mehr schadet als hilft. (Autor: Robin Pfefferle)

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