Kurzkritiken der Woche (3)

12 Nov

aka-Filme

Tausendschönchen – Weibliches Begehren in Zeiten der ökonomischen Rationalität

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrer Streitschrift „Die potente Frau“ genau über das, worüber Tausendschönchen handelt: Wie soll ein weibliches Begehren entstehen, wenn patriarchale Denkmuster die Rationalität einer Gesellschaft bestimmen? „Nur wenn die Frau in die (eigene) Potenz findet, kann sie Autonomie nicht nur einfordern, sondern auch leben“ schreibt Sie. Das, was wir unter der #metoo Debatte in den sozialen Medien erleben beschreibt Flaßpöhler allerdings als bloße Reproduktion dieser patriarchalen Machtmethoden. Dort wird der Mann auf seine vermeintlich triebgesteuerte Natur reduziert und die Frau degradiert sich selbst in eine einseitige Opferrolle. Dies zeigt sich daran, dass die Forderungen nicht über härtere Gesetze, die diesem „Tier“ Einhalt gebieten sollen, hinausgehen. Passivität, also eine bloße „Nein heißt Nein“-Negativität, negiert die Existenz und das mögliche Herausarbeiten eines eigenen, weiblichen Begehrens, dass vollständig auf ein dominantes, männliches Begehren verzichten kann. Flaßpöhlers Verweise auf die bio- und machtpolitischen Gründe von Michel Foucault kulminieren daraufhin in der Einsicht, und das wird am Ende von Tausendschönchen ersichtlich, dass in einer neoliberalen Gesellschaft, in der die ökonomische Rationalität herrschend ist, das weibliche Begehren etwas „Unsagbares“ und „Ausgeschlossenes“ ist. Deshalb können die beiden Figuren in diesem Film am Ende nur scheitern. Es wird höchste Zeit, solch ein Begehren zu entwickeln. Dies wird allerdings nur möglich, wenn sich gleichzeitig etwas an den ökonomischen und hegemonialen Verhältnissen verändert: „Ich kann – aber ich muss nicht; Hauptsache ich werde die, die ich bin“. (DS)

Flaßpöhler, S. (2018). Die potente Frau: Für eine neue Weiblichkeit. Ullstein Buchverlage.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – Kurzkritik zu „Tausendschönchen“

Die Welt ist verdorben, also müssen wir auch verdorben sein – so beginnt das Spiel von Marie I und Marie II, die in einer Tschechoslowakei der 1960er Jahre beschließen, jegliche Vernunft fahren zu lassen. Wer sollte sich an Gesetze halten, wenn er sie brechen kann? Wer hungern, wenn es Essen gibt? Wer zahlen, wenn das andere tun können? In bunten Farben und mit quietschenden Stimmen springen unsere Protagonistinnen von Szene zu Szene, nehmen sich das, wonach ihnen gerade ist, den Wein der Tischnachbarin, das Trinkgeld der Putzfrau, das Festgelage der Herren, immer kichernd, immer hüpfend, immer unbedacht, aber zu viel Nachdenken versalzt ja auch den Brei … oder so.

Und dann wechseln sich doch wieder Kriegsbilder mit psychedelisch farbfrohen Schienenfahrten ab, Anarchie als einzige Antwort auf die unvorstellbaren Gräuel der vorhergehenden Weltkriege. Wenn immer älter werdende Männer unsere jungen Heldinnen beim Essengehen verführen wollen, hilft nur eins: Mit beiden Händen zugreifen und danach um Himmels willen den Greis loswerden, bevor er Wurzeln schlagen kann! Denn die moderne Frau strebt hier weder nach Männern noch Macht, sondern nur nach der existenziellsten Lust: Der Nahrungsaufnahme. Und das schamlos, da wälzt frau sich auch mal in Torten und begießt sich mit Whisky, es fließt der Wein und Champagner, die Häppchen, das Fleisch, die mühevoll angerichteten Pasteten, und während wir anfangs noch mit triefendem Speichel und knurrendem Magen die Speisen beäugen, verwandelt sich nach und nach die Fresserei selbst in ein vollendetes Schlachtfeld, das dann doch den Appetit etwas zu zügeln vermag. Andererseits – sind wir doch einmal ehrlich mit uns: Wer würde nicht insgeheim ebenso gerne hemmungslos im Essen baden und auf Tischen tanzen?

Dass der Film recht rasch verboten wurde, überrascht nicht, zelebriert er doch genau das, was die kommunistischen Systeme der damaligen Zeit mehr fürchteten als alles andere: Die pure, irrationale, impulsive, sorgenlose Lebensfreude. Dass dieser wohl bekannteste Film der tschechischen Neuen Welle noch immer begeistert, überrascht ebenso wenig – wem tut es nicht gut, einmal zuzusehen, wie alles vermeintlich wichtige über Bord geschmissen wird, um einmal vollends seine Triebe auszuleben? 74 Minuten reinen Vergnügens garantiert (und danach vielleicht sogar ein bisschen Mut, auch mal frech zu sein). (CvH)

3 Tage in Quiberon – Film als manipulatives Medium

Das Biopic lebt! Und hat sogar eine Thematik: Wie sehr manipulieren wir eigentlich die Menschen um uns herum? Macht es einen Unterschied ob es Familie, Bekannte oder Außenseiter sind? Film an sich ist aber auch ein stets manipulatives Medium. Die Regisseurin kann stets selbst entscheiden, welche Szenen der Zuschauer zu welchem Zeitpunkt sehen soll und gegebenenfalls welche Filmmusik dort unterlegt wird. Aber das ist sich Emily Atef stets bewusst und lässt uns in einigen Fragen über die Person Romy Schneider im Unklaren. Denn nur durch einzelne biografische Splitter werden wir niemals verstehen können, was für eine Person Romy Schneider letztlich war. Genauso wenig, wie wir es jemals wissen können, was es heißt, eine Fledermaus zu sein. Die Suggestivkräfte bleiben für den Zuschauer in diesem Film vorhanden und das wunderbare Schauspiel von Marie Bäumer bringt uns Romy Schneider für kurze Augenblicke näher, ohne stets alles erklären zu müssen. Somit hebt sich der Film deutlich vom tendenziösen Journalismus ab, den dieser auch gebührend kritisiert. Und das allein ist schon eine starke Leistung. (DS)

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Fly Me To The Moon, Damien! – Kurzkritik zu “Aufbruch zum Mond“

Es gibt unter uns bestimmt Cineasten, die sind entweder Fans von Clint Eastwood oder Damien Chazelle. Ersterer hätte bei „Aufbruch zum Mond“ (Original: „First Man“) noch eine Szene eingebaut, in der Neil Armstrong die amerikanische Flagge in den Mond rammt, um noch den letzten Funken Patriotismus auszuspielen. Letzterer jedoch verzichtet Gott sei Dank darauf, um sich voll und ganz auf das Familienleben und die Geschichte hinter diesem Mammutprojekt der Mondlandung zu konzentrieren. Er gibt uns einen Einblick in das Seelenleben eines Familienvaters, der nach einem Schicksalsschlag alles dafür tut, um den sowjetischen Erzfeind zu besiegen und vor ihnen auf dem Mond zu sein. Zudem bekommt man einen Eindruck davon, wie viele Jahre an Arbeit hinter der Apollo-Mission gesteckt haben muss und wie man bei der NASA damals mit dem Konkurrenzkampf gegen die Sowjetunion umgehen musste. Die Kameraarbeit in „Aufbruch zum Mond“ dabei ist großartig! Es gibt vielleicht manche Filmliebhaber, die die Wackelkamera verfluchen, in diesem Film jedoch gibt sie ein Gefühl der Klaustrophobie und Angst, die in solch einer Raumkapsel geherrscht haben muss. Zudem verschafft uns Kameramann Linus Sandgren großartige und epische Bilder, welche in die Filmgeschichte eingehen werden. Und wer zu guter Letzt meint, dass Ryan Gosling nicht schauspielern kann, wird in diesem Film eines Besseren belehrt, ruft er die ganze Palette seines Leistungsvermögens ab – vor allem in den familiären Szenen zu beobachten. Trotz der bereits bekannten Geschichte gelingt es Chazelle perfekt, Spannung zu erzeugen, diese aufrecht zu erhalten und nie in den Kitsch abzudriften. Dabei stört es überhaupt nicht, dass die Flaggen-Szene nicht vorkommt. Ein sehr starkes Biopic, welches man sich nicht entgehen lassen sollte! (PF)

The Rider – Verstecktes Juwel

Chloé Zhao hat nach „Songs my Brothers Taught Me“ mit ihrem zweiten Spielfilm „The Rider“ ein Meisterwerk der Regiekunst abgeliefert, das den meisten Zuschauern aufgrund seiner kurzen Spielzeit und den wenigen Kinos in denen der Film gezeigt wurde wohl verborgen bleiben wird.  Zhao schafft es ihrem Ensemble aus Laienschauspieler*innen Leistungen abzuringen, die so real wirken, dass sie kaum von professionellen Kolleg*innen hätte erreicht werden können.

Die chinesische Regisseurin, die schon seit längerem in den USA arbeitet, war von der Geschichte ihres Hauptdarstellers Brady Jandreaus so fasziniert, dass sie einen Film über dessen Leben drehte und diesen passenderweise gleich mit ihm, seiner gesamten Familie und seinen Freunden besetzte. Jandreau wuchs in der Steppe South Dakotas auf, wo es wenige Perspektiven für junge Männer und Frauen gibt. Ein Ausweg ist für viele das Rodeo-Reiten, da man sich damit Ruhm und vor allem Geld verdienen kann. Jandreau war eines der größten Rodeo-Talente seines Dorfs bis er sich bei einem Unfall während eines Turniers eine schwere Kopfverletzung zuzog, die es ihm unmögliche machte den Sport weiter zu betreiben.

Zhao begleitet Jandreau, der im Film Brady Blackburn heißt, auf dem Weg zur Erkenntnis, dass er seinen Traum nicht mehr ausleben kann und untermalt dies mit atemberaubenden Aufnahmen South Dakotas. Dabei hat man das Gefühl, dass der Film und das Spielen eines Charakters, der seinem eigenen Leben sehr nahe steht aber doch nicht er selbst ist, für Jandreau eine Therapie ist, die ihm die Möglichkeit gibt einen Abschluss mit seinem alten Leben zu finden. In seinem neuen Leben kann er aufgrund seiner makellosen Leistung in „The Rider“ sicherlich ohne weiteres Schauspieler werden. Besonders in den Szenen in denen er seinen Freund Lane Scott, der ebenfalls sich selbst verkörpert und aufgrund eines Rodeo-Unfalls querschnittgelähmt ist, in der Reha besucht, kann man nicht anders als mit ihm zusammen um sein Schicksal zu hadern. (RS)

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