Kurzkritiken der Woche (2)

5 Nov

aka-Filme

Blade Runner 2049 – Misslungene Kopie eines Meisterwerks

Ich muß zugeben: Gut unterhalten habe ich mich während der knapp drei Stunden im Kino durchaus. Die Bilder waren schön; was auf der Bildfläche passierte war spannend; gelangweilt hab ich mich selten. Nur geärgert. Viel Gutes hatte ich von diesem Remake gehört. Tatsächlich hätte mich die Besetzung aber bereits skeptisch machen müssen: Ryan Gosling, der offenbar nur einen einzigen Gesichtsausdruck kennt, spielt einen Androiden mit Starallüren. Äh, nee.

Der Plot verdient seinen Namen nicht: Zwei (mutmaßliche) Androiden machen ein Kind. Ja, und? Ich weiß, es ist müßig, bei Filmen nach dem „warum?“ zu fragen. Es gibt keinen Grund, das hat uns Quentin Dupieux gelehrt, und vielen Streifen verzeihe ich ihre Inkohärenz. Diesem jedoch nicht. Dafür sonnt er sich zu sehr im Ruhm seines Vorbilds, an das er nicht einmal ansatzweise herankommt. Die Einfallslosigkeit in der Handlung wird mit Blutdurst, der Einführung völlig irrelevanter Charaktere, mit nicht nachvollziehbaren Wendungen, Effekthascherei und einem alternden Harrison Ford kaschiert, der mit seinen 76 Jahren als Actionheld halt leider auch nicht mehr überzeugt. Soundtrack und Bildästhetik wird eins zu eins vom Original kopiert; das Ganze wird garniert mit sexistischen Stereotypen, hinter denen der/die ZuschauerIn wohl irgendwie Tiefgang, eine Suche nach Identität und Liebe oder so etwas ähnliches vermuten soll. Leider ist da aber nichts.

Diesmal gibt es kein Rätseln um „echt“ oder „unecht“; kein Bangen um den „Helden“; kein moralisches Dilemma darum, ob es okay ist, Androiden in den „Ruhestand“ zu versetzen; kein Fiebern mit dem illegitimen Liebespaar; nicht einmal das kleinste fantastische Element, das doch den Charme eines jeden Sci-Fi-Films ausmacht. Und das Schlimmste ist, es gibt noch nicht einmal Einhörner. Es bleibt bleibt alles nichtssagend, pathetisch, oberflächlich, Popcornkino halt. Und dann nimmt der Streifen sich selbst auch noch so furchtbar ernst. Nicht einmal die kleinste unfreiwillige Komik läßt Regisseur Villeneuve zu. Früher, meine lieben Kinder, war das ja noch ganz anders…
Einzig dies hat mich erfreut: Die kleinen Verweise an das Original von Ridley Scott anno 1982. Offenbar aber hatte aufgrund ihrer (Nicht-)Reaktion die Mehrheit des jungen Kinopublikums dieses nicht einmal gesehen.

Schade. (MB)

Aktuelle Kinofilme

Mit Vollgas zum Überraschungserfolg – Kurzkritik zu „25 km/h“

So muss eine Roadtrip-Komödie heutzutage, egal aus welchem Land und von welchem Regisseur, aussehen! Bjarne Mädel, vielen bekannt als Tatort-Reiniger, und Lars Eidinger schaffen es als Brüderpaar Christian und Georg, neben der eigentlichen Geschichte einer Reise vom Schwarzwald an die Ostsee zum Timmendorfer Strand, welche sie nur mit Mofas durchführen, auch ihre eigene Geschichte so zu verpacken, sodass es sich von der Emotionalität und Glaubwürdigkeit her perfekt in die Handlung einwebt. Allgemein ergänzen sich beide Figuren innerhalb der Handlung wirklich sehr gut und hätten für diesen Film nicht besser besetzt werden können! Ein Streifen, der nie seinen Humor verliert und trotz seiner fast zwei Stunden Lauflänge keine Sekunde langweilig wird – bei deutschen Komödien heutzutage nicht immer der Fall! Doch hat der Film auch ein wenig seine Schwächen, die größten hierbei sind einige Nebenfiguren und Nebenhandlungen, die hier nicht unbedingt hätten sein müssen. Abgesehen davon ist „25 km/h“ ein toller und sehr unterhaltsamer Roadtrip geworden, für den es sich auf jeden Fall lohnt, ins Kino zu gehen und das Abenteuer der beiden auf der großen Leinwand miterleben zu dürfen! (PF)

This Will Rock You! – Kurzkritik zu “Bohemian Rhapsody”

Näher und besser kann man die Geschichte einer der legendärsten Bands aller Zeiten um ihren Frontmann Freddie Mercury nicht auf die große Leinwand bringen! Ein Film, der vor allem schauspielerisch auf ganzer Linie überzeugen kann und nicht nur wegen der weltbekannten Songs von Beginn an begeistert! Am meisten jedoch überrascht der offene und ehrliche Umgang mit den sexuellen Vorlieben von Mercury und dem Thema Homosexualität allgemein. Man bekommt durch diesen Film einen ganz anderen Blick hinter die Fassaden des egozentrischen und energiegeladenen Sängers, der mehr als großartig von Rami Malek verkörpert wurde. Da stört es überhaupt nicht, dass Sasha Baron Cohen damals die Rolle schlussendlich „aufgrund kreativer Differenzen“ ablehnte. Man bekommt einen wunderbaren Einblick in das Bandleben, seien es die Tatsachen, dass Mercury immer zu spät zu den Proben kam oder dass man „A Night At The Opera“ in einem alten Bauernhaus abseits von London aufgenommen hatte – Details, die man so zuvor als Laie vielleicht nicht wusste. Insgesamt gerät der Film trotz seiner 135 Minuten Lauflänge ehrlich gesagt ein wenig zu kurz – nur zu gerne hätte ich den Film mindestens 10 Minuten länger gehabt aufgrund seiner Handlung und der stark gespielten Figuren! Insgesamt in meinen Augen eines der stärksten Musiker-Biopics, die in den letzten Jahren im Kino liefen und definitiv eine stattliche Anzahl an Nominierungen bei den kommenden Oscar-Verleihungen erhalten wird! (PF)

Ein filmisches Stück Geschichte – Kurzkritik zu „Der Trafikant“

Ein weiterer und eindrucksvoller Beweis dafür, wie wichtig Historienfilme, egal ob nach wahren Begebenheiten oder hier nach einer literarischen Vorlage, für unser geschichtliches sowie kollektives Gedächtnis und die Aufarbeitung der Vergangenheit sind und wie stark das österreichische Kino zurzeit ist. Dabei ist unter anderem die Grundidee, das ganze Szenario in Österreich anzusiedeln und dort aufgrund der Buchvorlage eine starke und interessante Geschichte von einem Jungen, der in einer Trafik (in der damaligen Zeit der Name für einen Tabak- und Druckwarenladen) arbeitet, großartig und richtig gut umgesetzt. Schauspielerisch können vor allem Simon Monzé als Franz und Bruno Ganz als Sigmund Freud überzeugen. Gerade jedoch von den Figuren Freud und Anéska, gespielt von Emma Dragonova, wäre hierbei mehr etwas Hintergrundwissen angebracht gewesen, weshalb es hierfür einen kleinen Abzug gibt. Doch trotz des genannten Kritikpunktes machen die ideale Lauflänge, die bereits erwähnte starke schauspielerische Leistung und eine toll inszenierte Handlung „Der Trafikant“ zu einem schönen und unterhaltsamen Kinoerlebnis, dem man definitiv eine faire Chance geben sollte! (PF)

Streit im lauten Kämmerlein – Kurzkritik zu „Der Vorname“

Sehr unterhaltsam und mit überwiegend sehr schwarzem Humor versehen! Ein sehr gelungener Film von Sönke Wortmann, der sich dem französischen Original annimmt und dies perfekt umsetzt. Eine Darstellerriege rund um einen Florian David Fitz, Christoph Maria Herbst oder auch eine Iris Berben tun ihr Übriges dazu! Gerade das Duo Fitz/Herbst beeindruckt mit teils sehr bissigen Dialogen, ergänzen sich somit gegenseitig ideal. Ja, der Film ist in manchen Stellen vorhersehbar und doch schafft er es immer wieder, mit einem neuen, noch nicht bekannten Detail eines Charakters um die Ecke zu kommen. Ein großer Störfaktor jedoch ist die Figur des René, die ein wenig zu eindimensional und langweilig geraten und leider fehl am Platz ist, auch wenn sein Detail im letzten Drittel des Films alle sehr überrascht. Ein Monolog von Carolin Peters, der den Zuschauer entsetzt aber auch ein wenig bestätigt in Sachen der Entwicklung einzelner Charaktere im Film zurücklässt. Ein starkes Kammerspiel mit überwiegend starker, schauspielerischer Leistung machen diesen Film in seinem Genre, aber auch im Hinblick auf seinen Vorgänger von 2013 auf jeden Fall sehenswert! (PF)

Das Elend der Wikipedia-Filme – Eine Polemik zu „Werk ohne Autor“

These: Es gibt sie doch, die Wikipedia-Filme. Filme im Genre des Biopics verfallen mitunter oft durch eine (willkürliche) Anreihung biografischer Splitter zu Machwerken, die sämtliche Ereignisse, die nicht nur individualistisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich geschehen, genau durch diese gezeigten Details meinen, erklären zu können. Besonders ärgerlich wird es dann, wenn dies mit einer relativierenden Ästhetisierung bestimmter Konflikte oder brutaler Szenarien einhergeht. Genau dies macht von Donnersmarck, wenn im ersten Viertel des Films die Schrecken des KZ zeitgleich mit der Bombardierung Dresdens geschieht, um beim Zuschauer noch die restlichen Betroffenheitsnerven zu treffen um mit den Figuren (hoffentlich) mitleiden zu können. Niemanden verwundert es dann, wenn im späteren Filmverlauf gänzlich auf Dramaturgie verzichtet wird, sondern der Kitsch, mit Hilfe der vorangegangenen Betroffenheitsbilder, sämtliche Arbeit verrichtet. Nicht nur die Farbe trieft hier von der Leinwand, sondern ebenso der Kitsch. Wenigstens einen interessanten Gedanken lässt der Film am Ende zu: Korreliert eigentlich die Länge des Wikipedia Eintrags zum Thema mit der Länge des Films? (DS)

Aussichtslose Identitätssuche – Postidentitäre Gedanken zum gelungenen Remake „Suspiria“

„There is no such thing as woman (il n’y a pas La femme)“ sagte einmal Jacques Lacan, der bekannte Psychoanalytiker, in einem seiner Seminare. Luca Guadagnino wandelt dies in diesem Remake um in „There is no such thing as a man“ mit seinem Female-only cast und diskutiert nebenher die Themen des deutschen Herbstes, als ob Fassbinder selbst hinter der Kamera stehen würde. Von Schuld ist die Rede, auch von Scham, aber niemals von Vergebung oder Sühne. Zwischen völkischen Tänzen, die uns eine reine (homogene) Identität vorgaukeln sollen, aber reale und tödliche Konsequenzen für die Menschen haben, werden Erinnerungsfetzen durch Albträume ersetzt, ganz wie es nur die Ideologie vermag. Am Ende, wenn der einzige Mann in der Geschichte (gespielt von Tilda Swinton) der Beweisträger dieser fürchterlichen „Neuerung des Bösen“ sein soll, aber kurz danach von seinem Leid erlöst wird, stellt Guadagnino die wohl brisanteste Frage des Films: Wie haben wir (Deutschen) es eigentlich mit der Erinnerungskultur? Ist sie eigentlich selbst nur noch ideologisiert und ritualisiert, und sehen wir auch deshalb wieder ein Erstarken des autoritären Nationalradikalismus? Schließlich, und das ist das Dilemma das der Film anspricht, ist das mit sich selbst identische Volk ein Phantasma, sodass, um mit Claude Lefort (bzw. Oliver Flügel-Martinsen) zu sprechen, „solche Hoffnungen, die feste Einheit eines Kollektivs zu begründen, letztlich grundlos bleiben müssen. Deswegen […] können Versuche, eine einheitliche Identität des Volkes im Singular herzustellen, zwangsläufig nur eine gewaltsame Form annehmen“1. (DS)

1 Flügel-Martinsen O., Postidentitäre Demokratie. Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 2018:10-30.

 

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