Kurzkritiken der Woche (1)

29 Okt

Mit diesem Beitrag startet in unserer Filmzeitschrift eine neue Reihe von Kurzkritiken zu Filmen, die entweder aktuell im aka-Filmclub zu sehen waren, oder aktuell im Kino zu sehen sind (und vielleicht bald bei uns!). Folgt man der Philosophie Siegfried Kracauers, dass Filmkritik stets auch Gesellschaftskritik ist („denn Filme sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft“), wird einem die Dringlichkeit nach mehr Auseinandersetzung mit dem Medium Film bewusst. Euch erwarten deshalb in diesem Semester jede Woche Kurzkritiken zu ausgewählten Filmen.

Da wir uns aber auch stets als diskussionsfreudig verstehen, dürft ihr selbst gerne Gastkritiken an uns senden, die wir gerne in dieser Reihe veröffentlichen. Auch eure Ansicht zu unseren Filmkritiken könnt ihr gerne in den Kommentaren hinterlassen!

Die ersten Kurzkritiken der Reihe behandeln die Filme „Lady Bird“ und „Der Bunker“, die in den ersten beiden Wochen bei uns im aka liefen, sowie „A Star Is Born“ und „Bad Times At El Royale“, welche beide noch im (Freiburger) Kino zu sehen sind.

aka-Filme

Subjektivismus und liberale Gesellschaft Das fiktive Biopic „Lady Bird“

Lady Bird scheut die Konflikte seiner Zeit. Die Geschichte des ersten Freundes von Lady Bird, der sich in seiner nahen Zukunft vor seinen erzkonservativen religiösen Eltern outen muss, wird letztlich fallen gelassen um den Fokus auf die Hauptfigur nicht zu verlieren. Dies passiert mit den meisten Figuren über die gesamte Laufzeit des Films. Das macht aus diesem Film kein (Indie-)Sozialdrama, sondern ein fiktives Biopic, dass sich nicht abzuheben weiß von bekannten Hollywood-Coming of Age Dramen. Übrig bleiben subjektivistische Konflikte zwischen Lady Bird und ihrer Mutter. Zwischen diesen Konflikten schleicht sich jedoch ein Konservatismus ein, welcher in unserer heutigen liberalen Gesellschaft alltäglich zu beobachten ist. Wenn sich Mutter und Tochter als Freizeitbeschäftigung und Problembewältigungsmechanismus leerstehende Häuser von Reichen anschauen, darf man sich wundern: Wenn die Familie sich doch nur eines dieser Häuser leisten könnte, wären viele der eigenen Problemchen gelöst! Dass hier nicht an den allgemeinen Verhältnissen zwischen arm und reich (hier sogar: Mittelstand und arm) gerüttelt werden soll, ist bezeichnend für eine linksliberale Identitätspolitik, die diesen Konservatismus gerne und unkritisch übernommen hat: „1% of the richest people in the world own 40% of the world’s wealth“ – „what a shame, atleast half of them should be women, black or LGBTQIA+!“. (DS)

Rationalität und Humanismus Weiterführende Fragen zu „Der Bunker“

  • Ist Rationalität an die derzeitige Gesellschaft gebunden?
  • Was wäre wenn sie eines Tages ausgetauscht würde?
  • Funktioniert dann unsere Definition von Wissenschaft und Fortschritt nicht mehr?
  • Gibt es dann das Humane noch?

Den Irrglauben, dass Empirismus und Positivismus die Welt ausreichend erklären können, hat auch Tarkowski schon stets in seinen Filmen thematisiert. Ganz gleich dem Jungen am Ende von Tarkowskis Film „Opfer“ geht hier „der Student“ auf die Suche nach der Wahrheit, doch wird dies hier nicht als eindeutiger Kreislauf skizziert (erst das Vater giert nach der Wahrheit, dann der Sohn) sondern der Bunker dient als verrückt erscheinende Parallelwelt, die aber bei genauem hinsehen sich nicht sehr von der unseren unterscheidet. Die Logik des Fortschritts, die Suche nach einer Wahrheit, wird auch hier nachgegangen, wenn auch auf unkonventionelle Weise. Hier wird noch Wissenschaft mit Aberglauben gleichgesetzt, durch Akkumulation von (unnützem) Wissen meint man, sich einer allgemeinen Wahrheit zu nähern. Mit der Aufklärung scheint man sich vom Mythos verabschiedet zu haben, doch hier sind sich beide Konzepte erstaunlich nahe und entwickeln sich unweigerlich zu Horrorszenarien. Wenn wir am Ende den Bunker verlassen, sind wir genauso schlau wie vorher. Wurde ein wissenschaftlicher Fortschritt erreicht? Und was ist, wenn der Sohn wirklich zum Präsident wird? Alles scheint wieder möglich, wie früher in den Mythen. Längt besiegt geglaubte Geister der Vergangenheit scheinen uns wieder einzuholen. Mit unserer gegenwärtigen ökonomischen Rationalität werden wir ihnen nichts entgegenzusetzen haben. (DS)

 

Aktuelle Kinofilme

Keineswegs „shallow“! – eine Kurzkritik zu „A Star Is Born“

 

Musikfilme gibt es schon genug wie Sand am Meer, das wissen wir ja alle mittlerweile bestens! Einen solchen wie das fulminante Regie-Debüt „A Star Is Born“, die mittlerweile vierte Neuauflage dieses Films, inszeniert von Bradley Cooper, gab es aber so definitiv noch nicht, ungelogen! Ein Film, der den Menschen mitnimmt auf eine psychische Reise eines abgehalfterten Country-Musikers, der nach dem Prinzip „Sex, Drugs, Rock’N’Roll“ lebt, ja auch diese Filme kennen wir nur zu genüge und dessen Stern durch die Entdeckung einer jungen, unbekannten Sängerin unterzugehen droht. Auf der einen Seite das klassische Prinzip des American Dream, auf der anderen ein feinfühliges, stark gespieltes und wuchtiges Drama, welches von Minute eins begeistert. Dies liegt zum einen an der großartig geschriebenen und performten Musik, die, auf Wunsch von Hauptdarstellerin Stefani Germanotta, die viele nur als Lady Gaga kennen, ausschließlich live performt wurde und dadurch sehr authentisch und ehrlich wirkt. Gerade die Gesangskünste von Regisseur und Hauptdarsteller Bradley Cooper haben mich am meisten überrascht und überlegen lassen, ob er denn nicht auch, wie sein Kollege Jeff Bridges, eine Band gründen sollte – das Talent dazu hat er auf jeden Fall, auch dank dieses Films. Auf der anderen Seite überragt die, hier schon erwähnte, schauspielerische Leistung, die von beiden Hauptakteuren auf allerhöchstem Niveau dargeboten wird und sehr wahrscheinlich mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt wird, alles andere würde mich zumindest sehr überraschen. Auch hier ist wieder die Leistung von Bradley Cooper herauszuheben, der seine Figur mit einer derartigen Zerrissenheit und Glaubwürdigkeit spielt, die ich so noch nie auf der großen Leinwand erlebt habe und aufgrund derer man jede Sekunde mit ihm fühlt und leidet, bis zur letzten Minute eines, unübertrieben, Meisterwerks, welches kein Auge, auch meins, trocken lässt, einen Menschen fertig machen kann und welches ich zweifellos als eines der stärksten Regie-Debüts eines Schauspielers seit langem ansehe. Zudem ist er schon jetzt ein großer Kandidat auf mehrere Nominierungen bei den anstehenden Oscar-Verleihungen im Februar und ist keineswegs, wie es in einem Song heißt, „shallow“, also flach! Unbedingt anschauen! (PF)

Figurenentwicklung par excellence in „Bad Times At The El Royale

Besser geht es nun wirklich nicht! Ein mehr als großartiger Film, bei dem man zu keiner Sekunde weiß, in welche Richtung er geht! Zudem beweist Regisseur Drew Goddard hier par excellence, wie er das Publikum an der Nase herumführen kann. Ein in sich sehr stimmiger und düsterer Film, der sehr schön Elemente des Neo-Noir-Films wie auch bei „Drive“ von Nicolas Winding Refn einfängt. Zudem gefällt mir die Grundidee, den Film in den 1960er Jahren anzusiedeln, der Stil dieses Jahrzehnts passt einfach perfekt als Kontrast zur überwiegend düsteren Stimmung und Thematik des Streifens! Es werden insgesamt sieben Charaktere aufgezeigt, die unterschiedlicher und unberechenbarer kaum sein könnten, angefangen bei dem von Altmeister Jeff Bridges gespielten Pater Flynn, wo man bis zum Schluss nicht immer weiß, ob er nun seinen Job wirklich ausübt oder es nur eine Tarnung ist und endend bei Lewis Pullmans Figur Miles Miller, dessen Figurenentwicklung während des Films mir am meisten gefallen hat und herausgestochen ist. Allgemein sind die Charaktere so gut geschrieben und gespielt, man bekommt in jeder Szene das Gefühl, dass man selbst in dieser Situation drinsteckt und dieser nicht mehr entkommen kann, gar mit der Figur mitfühlt bzw. mitleidet. Die Spannung wird stets hochgehalten und fällt nie wirklich ab, sodass die am Anfang erwähnte Unvorhersehbarkeit noch authentischer wirkt. Ein einzigartiges und ehrlich gesagt ziemlich geiles Set-Design, in das man sich direkt verliebt und in das man gerne eintauchen möchte sowie eine starke Handlung mit einem Ende, welches man nicht besser hätte inszenieren können, und eine clever eingesetzte und zeitlose Musik mit vielen Mowtown-Klassikern machen „Bad Time At The El Royale“ auf der einen Seite unbestritten zeitlos in seinem Genre als Neo-Noir-Thriller und auf der anderen zu einem meiner Ansicht nach Überraschungskandidaten bei den nächsten Oscar-Verleihungen 2019 wie damals „Get Out“! Ein Film, der trotz 142 Minuten Laufzeit zu meiner Überraschung sehr kurzweilig geworden ist! Eine große Empfehlung meinerseits für alle Filmfans – egal, ob aus dem Independent- oder Mainstreampublikum! (PF)

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