“Drop-Out Cinema”-Gründer Jörg van Bebber

Jörg van Bebber hat mit einigen weiteren Kino- und Filmbegeisterten während der Berlinale 2013 den Genossenschafts-Filmverleih “Drop-Out Cinema eG – Kooperative für Kinokultur” gegründet. Warum, wie es dazu kam und was “Drop-Out Cinema” so macht und sich wünscht, könnt ihr in folgendem Interview nachlesen:

 

 

Seit wann beschäftigst Du Dich schon mit Film und Kino? Was bedeuten diese Begriffe für Dich?

JvB: Das Medium „Film“ packt einen, sobald man auf die Welt kommt und man ein einigermaßen laxes Elternhaus hat, das einen früh mit audiovisuellen Medien in Kontakt treten lässt. „Kino“ spielte da eigentlich immer eine untergeordnete Rolle und die großen Filmmomente erlebte ich in den drei Fernsehprogrammen, die damals zur Verfügung standen. Da man keine große Wahl hatte, stürzte man sich auf die alten Klassiker (Hitchcock, Jack Arnold). Später kam dann das böse „Kassettenfernsehen“ (VHS) und das Privatfernsehen. Kino war ein seltenes, weil teures Vergnügen. Zudem gab es in unserer Stadt gar kein Kino, so dass man umständlich in die nächste Stadt fahren musste. In meiner Mediensozialisation hat Kino also keine große Rolle gespielt und den Erfahrungs- und Erlebnisraum „Kino“ habe ich erst viel spät kennen und lieben gelernt. Eigentlich erst so richtig, seit ich im Traumakino angefangen habe, mich ehrenamtlich zu engagieren: einem alternativen Off-Off-Kino im soziokulturellen Zentrum „Café Trauma“ in Marburg.

Ich hatte schon immer eher ein Faible für jene Art von Film, die es eher nicht im Kino zu sehen gab, also Klassiker und Direct-to-Video-Genrefilme und Experimental- und Mash-Up-Filme und No-Budget-Produktionen. Und als großer Freund des Horrorfilms war man in den 90er-Jahren völlig unterversorgt. Viel aufregender war da der Gang in die nächste Videothek. Auch heute finde ich den Genrefilm, den man im Kino zu sehen bekommt, eher fade und austauschbar. Die Programm- und Arthouse-Kinos könnten hier eigentlich eine Lücke füllen, tun sie aber leider nicht, da Genre nicht in deren elitäres Programmprofil passt. Daher findet im Multiplex-Kino der tendenziell eher uninspirierte Genre-Mainstream statt. Natürlich gibt es da immer wieder großartige Ausnahmen.

 

Drop-Out Cinema-Gründer Jörg van Bebber © Lena van Bebber
Drop-Out Cinema-Gründer Jörg van Bebber © Lena van Bebber

 


Wie kamst Du zur Idee, “Drop-Out Cinema” zu gründen und gibt es Vorbilder – womöglich auch im Ausland?

JvB: Die Idee zu Drop-Out Cinema ist aus meiner Praxiserfahrung in der Programmarbeit im Traumakino erwachsen. Die Rahmenbedingungen, unter denen Kommunale Kinos und Filmclubs ihre wertvolle und leider in der Öffentlichkeit zu wenig gewürdigte kulturelle Filmarbeit leisten, war für mich ein stetes Ärgernis. Unterstützung von kommunaler Seite gibt es ja in vielen Fällen nicht, und die gewerbliche Kinobetreiber vor Ort setzen häufig auch alles daran, eine Konkurrenz zu verhindern – so geschehen in Marburg. Der Kinomarkt ist auf lokaler Ebene, insbesondere in kleineren Städten, völlig monopolisiert. Ein Gewinn für die Kultur ist es immer, wenn Kinos in Konkurrenz um den Zuschauer buhlen können. Daneben sollte es aber auch einen geschützten Raum für Kinoarbeit als museale Aufgabe geben.

Auf politischer Ebene fehlt leider das Bewusstsein, filmmuseale und nicht-kommerzielle Kulturarbeit zu fördern. Die Filmförderung fördert die kommerziellen Arthousekinos mit z.B. 1,5 Mio. Euro jährlich über die Kinopreise des BKM (Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, Anm. Red.), während man die Kommunalen Kinos mit 20.000 Euro über den Kinemathekspreis abspeist. Es wäre ja für eine Kommune einfach und wohl auch nicht teuer, sich eine filmmuseale Programmschiene zu leisten – z.B. als Untermieter in einem gewerblichen Kino. Um aber Repertoire-Titel sehen zu können, muss man z.B. als Marburger erst nach Frankfurt ins Filmmuseum fahren.

In Marburg hatten neue Kinoinitiativen, wie z.B. das Uni-Kino, aber auch das Traumakino in seiner Frühphase, stets Probleme mit den gewerblichen Kinobetreibern. Die Hürden zur Gründung neuer Kinoinitiativen (Filmclubs, Off-Off-Kinos, KoKis) müssten gesenkt werden, dann würden sich sicherlich Enthusiasten finden lassen, die öffentlich Kinoprogramm machen, das war meine Idee bzw. hatte ich ja auch selbst erfahren, als mich ein Studienfreund auf die Unifilm Agentur aufmerksam machte, die ein sehr komfortables „Rundum-sorglos-Paket“ zur Filmclubgründung bietet. Allerdings versorgen die einen nur mit nicht-gewerblichen Vorführrechten, die u.a. auch die Werbetätigkeit stark einschränken. Hier ist also keine Konkurrenz zu den gewerblichen Kinos erwünscht. Genau diese Konkurrenz aber brauchen wir, um die wichtige Vermittlungsarbeit leisten zu können, um den Leuten Filmgeschichte und alternatives Kino nahezubringen. Kino könnte mehr sein, als bloßer Auswertungsort für aktuelle Kinostarts. Kino könnte ein Kulturraum sein, so wie das Theater oder das Konzerthaus oder das soziokulturelle Zentrum. Das Problem des Kinos ist: Kino funktioniert noch einigermaßen auf dem freien Markt, während Theater und Konzerthäuser massivste Subventionen benötigen. Daher sieht die Politik wenig Handlungsbedarf. Ein besseres Kino wäre möglich, aber dazu müsste wahrscheinlich erst ein Kinosterben her.

Die Kommunalen Kinos – oder besser: die „Kulturkinos“ (denn die allerwenigsten Kinos im Bundesverband kommunale Filmarbeit sind kommunal gefördert oder gar in deren Trägerschaft) – sind ein sehr heterogener Haufen, irgendwo verortbar zwischen Bildungsauftrag, Gegenkultur und bloße Initiative in einer unterversorgten Provinz. Diese Kinos sind einerseits den Marktgesetzen unterworfen und müssen schauen, dass sie die Verleihmindestgarantien von 80-130 Euro aufbringen, was bedeutet, dass man also Filme häufiger als einmal spielt, was dadurch auf Kosten der Programmvielfalt geht. Vielerorts funktioniert man auch als Arthouse-Kino-Ersatz und spielt die Arthouse-Top-10.

Bei uns im Traumakino hatten wir vor drei Jahren nur max. 3 Filme pro Monat gespielt, dabei jeden Film mindestens zwei- bis dreimal. Mehr als zwei Vorstellungen pro Woche konnten wir aufgrund unserer ehrenamtlichen Strukturen nicht bewältigen. Zu teuer wurde es aber, wenn man Filme nur einmal zeigte. Sechs Filme pro Monat waren personell (wegen der Koppelarbeit [16mm- und 35mm-Filme werden aufgeteilt in Akte auf ca. 4-6 Filmrollen geliefert, diese werden dann gekoppelt bzw. zusammengesetzt und neu aufgespult, damit sie dann in der richtigen Reihenfolge vorgeführt werden können, Anm. Red.]), aber vor allem finanziell nicht zu bewältigen, weil wir nur selten mit unseren Erlösen über die Mindestgarantien kamen. Dementsprechend mussten wir uns in der Kinogruppe (dem „Programmrat“) immer auf Filme einigen. 2009 hatte ich die Idee für eine regelmäßige Programmschiene, die – ohne Rücksicht auf die fiktive Zuschauerschaft – radikales Genre- und Kunstkino liefert. Alte B-Movies, No-Budget-Undergroundproduktionen, Experimentalfilme, aktuellere Nischenproduktionen und obskure Ausgrabungen aus den entlegendsten Teilen der Filmgeschichte. Beim Rechteclearing hatte ich dann natürlich schnell die Erfahrung gemacht, dass es für diese und die meisten Repertoire-Titel gar keinen deutschen Verleih gibt, und dass es auch im Ausland oftmals schwierig ist, den entsprechenden Rechteinhaber ausfindig zu machen. Oftmals ist ein großer detektivischer Aufwand nötig, aber hatte man den entsprechenden Rechteinhaber erstmal gefunden (und hatte er einem geantwortet), gab es zwar auch schwarze Schafe, die exorbitante Mindestgarantien forderten (1000 Euro für eine Vorführung ist auch schon vorgekommen – und zwar ohne Vorführkopie, d.h. die musste man sich gesondert bei einem Archiv besorgen, oder im nächsten Elektromarkt des Vertrauens…). Es gab aber auch etliche Rechteinhaber, bei Undergroundproduktionen nicht selten die Filmemacher selbst, die hocherfreut waren, dass man ihre Filme in einem Kino zur Aufführung bringt – und die auch sehr oft gar keine Filmmiete wollten.

Den allermeisten Filmschaffenden sollte auch eigentlich klar sein, dass die Kinorechte von Filmen, die jetzt gerade nicht durch eine große Marketingkampagne gepusht wurden und die auch schon als DVD verfügbar sind, im Prinzip ziemlich wertlos sind (im ökonomischen Sinne). Selbst bei großen Klassikern der Filmgeschichte kann man davon ausgehen, wenn man als Kinobetreiber nicht geschickt wirbt oder ein entsprechendes Stammpublikum entwickelt hat, dass der Besucheransturm ausbleibt. Warum sollte man sich Klassiker im Kino anschauen, wenn man die auch daheim im Fernsehen oder auf DVD sehen kann? Die Auswertung auf DVD/BluRay ist da ökonomisch betrachtet eher aussichtsreich (und da gibt es ja etliche Nischenlabels, die auch mit den obskursten Titeln erfolgreich sind).

So kam mir irgendwann die Idee, dass eine Institution schön wäre, die sich der Kinorechte von Repertoire- und Undergroundtiteln annimmt. Natürlich gibt es da auch schon Initiativen wie z.B. das Arsenal (Institut für Film und Videokunst e.V.), aber die Konditionen orientieren sich leider zu oft an den allgemeinen Marktgesetzen, d.h auch hier werden Mindestgarantien gefordert, die in keinem Verhältnis zur Publikumsakzeptanz stehen: selbst wenn man beim Abspiel auf eine eigene Vorführkopie (eine BluRay oder DVD) zurückgreifen will. BluRay hat sich für die kleineren, von der Digitalisierungsförderung ausgeschlossenen Kinos (die „Drop-Out Kinos“, wie sie Bernd Neumann nannte) mittlerweile zum Parallelstandard entwickelt. Wieso also nicht insbesondere für dieses Kinosegment neue Rahmenbedingungen schaffen, ein Filmverleih, der bei der Kinonachverwertung gänzlich auf Mindestgarantien verzichtet. Und mehr noch: Ein Verleih, der die vollen Kinorechte auch an Kleinstinitiativen und Filmclubs vergibt, also keinen Unterschied zwischen einer Vorführung in einer Volkshochschule oder Café oder in einem Kino macht. Die Bedingungen für eine Filmclubbewegung, wie es sie in Deutschland mal auf breiter Fläche gab, sind ja durch die neuen digitalen Vorführmöglichkeiten so günstig wie noch nie: FullHD-Beamer in Kombination mit BluRay liefert ja Ergebnisse, die sich durchaus mit dem teils armseligen Projektionsverhältnissen in vielen Kinos messen lassen können. Viele Kneipen, Cafés und Kulturzentren sind – auch im Zuge des Public-Viewing-Trends während der Fußballwelt- und Europameisterschaften – ja bereits mit Leinwänden und Projektoren ausgestattet. Warum nicht diesen Orten zu risikoarmen Konditionen die Vorführung von Filmen ermöglichen? Drop-Out Cinema kann also nicht nur den „Drop-Out Kinos“ ( Diese Idee von einem Verleih mit gutem Zweck und kulturpolitischer Agenda trug ich also schon geraume Zeit mit mir herum.

Dass dies ein gutes Stück Arbeit bedeuten würde, war mir klar. Weil ich aber nun mit mittlerweile zwei Kindern gesegnet bin, musste ich allmählich Abstand von der Kinoarbeit nehmen, die mit ihren späten Arbeitszeiten (ab 18 Uhr Kino vorbereiten etc.) nicht wirklich familienkompatibel ist. Die Schaffung einer beruflichen Perspektive (aus dem Ehrenamt heraus) erschien mir zudem immer weniger erstrebenswert, zumal die Stellensituation in der Kulturkinoszene – gelinde gesagt – sehr dürftig ist. So ergab sich also die Hinwendung zur Verleiharbeit. Ganz ursprünglich hatte ich an ein Einzelunternehmen gedacht. Da mir aber die Idee demokratischer Strukturen (die es in der Arbeitswelt viel zu selten gibt) durch die Arbeit im basisdemokratischen Café Trauma absolut zusagt, prüfte ich die Möglichkeiten eines Vereins. Gemeinnützige Vereine genießen zwar auch Vorteile, aber von Wirtschaftsförderungen (auch in der Filmförderung ist 90% Wirtschaftsförderung) wird man ausgeschlossen. Vereine dürfen einen Geschäftsbetrieb nur als Nebenzweck betreiben.

Die Alternative dazu ist die leider noch zu unbekannte Geschäftsform der Genossenschaft, ein wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb, der aber wie ein Verein demokratisch organisiert ist. Trotz der hohen Kosten dieser Geschäftsform – allein für die Gründungsprüfung durch einen Genossenschaftsverband muss man fast 2000 Euro bezahlen – erschien mir diese Rechtsform am zukunftsfähigsten. Allerdings war mir – in Anbetracht der Gründungs- und regelmäßigen Prüfkosten – sehr schnell klar, dass ich Drop-Out Cinema etwas größer planen musste.

 

Drop-Out Cinema  © Joachim Sperrl
Drop-Out Cinema
© Joachim Sperrl

 

Wie genau funktioniert ein genossenschaftlicher Verleih? Was unterscheidet euch von anderen Verleihern?

JvB: Als genossenschaftlicher Verleih sind wir offen für neue Mitglieder. Jedes Mitglied – ob natürliche oder juristische Person (z.B. ein Verein) – hat die gleichen Mitbestimmungsrechte. Unabhängig von der Zahl der gezeichneten Geschäftsanteile hat man gleiches Stimmgewicht, z.B. bei der Wahl der Vorstands oder des Aufsichtsrats, Änderungen der Satzung oder der Geschäftsordnung.

Die Mitglieder entscheiden über die Geschäftspolitik, z.B. über die Verwendung der Gewinne, die nicht ausgeschüttet werden sollen, sondern direkt in den Betrieb fließen. Insbesondere die Mitgliederkinos, bzw. die Mitglieder, die in Filmclubs oder sonstigen Kinoinitiativen aktiv sind, haben die Möglichkeit, in der Verleiharbeit aktiv zu werden, Rechte an Land zu holen, von denen dann nicht nur deren eigene Kinos nutznießen: Auch allen sonstigen Kinos werden diese Filme dann einfacher zur Verfügung stehen. Filmrechteclearing und Filmakquise bündeln wir bei Drop-Out Cinema, so dass Rechterecherchen nicht doppelt und dreifach betrieben werden. Die Kinos sind also nicht mehr alleine von den Verleihern abhängig, sondern haben nun auch die Möglichkeit, selbst in der Funktion des Verleihers aktiv zu werden. Wenn ein Kino von einem Film begeistert ist, der bislang noch keinen deutschen Verleih fand, können die im Rahmen der Infrastruktur von Drop-Out Cinema den Film selbst auf den Markt bringen. Insbesondere auch bei Klassikern wäre es zudem wünschenswert, einen deutschen Verleih zu haben. Sobald Filmrechte von Repertoire-Titeln zu „Hollywood Classics“ oder „Park Circus“ abwandern, sind die Filme im Grunde für die kleinen Kinos verloren. Hier verlangt man ja leider gerne mal 200$ und mehr für eine Vorführung. Kürzlich liefen bei „Neue Visionen“ etliche Lizenzen aus, wodurch diese Filme für die Kulturkinos unbezahlbar geworden sind. Und ich bezweifle auch, dass Repertoire überhaupt noch von irgendwelchen gewerblichen deutschen Verleihern angekauft werden, denn Repertoire rechnet sich – abgesehen von einigen Dauerrennern – einfach nicht. Hier wird man in Zukunft den teuren Lizenzagenturen ausgeliefert sein.

In der traditionellen Kinoverwertungskette „Produzent – Verleih – Kino“ ist die Mittlerrolle des Verleihs eine ziemlich mächtige. Produzenten sind vom Verleih abhängig, der ihre Filme vorfinanziert und später auswertet. Die Kinos auf der anderen Seite sind vom Verleih abhängig, dass er sie mit den Filmen beliefert bzw. lediglich die einfachen Nutzungsrechte erteilt – und zwar zu den Konditionen, die der Verleih festlegt. Dies ist natürlich einer ökonomischen Logik geschuldet und wenn man Film als bloße Ware betrachten würde, dürfte man zufrieden sein. Dass aber Film auch ein Kulturgut ist, hat die nicht am Profit orientierte Bewegung der Filmclubs und später die Kommunalen Kinos ins Leben gerufen, wo filmbegeisterte Kinomacher die vom Markt verschmähten Werke wieder zur Aufführung brachten, also Repertoire ebenso wie unabhängige Filme, die keinen Verleih fanden.

 

Wie kommt ihr an die Filme in eurem Programm? Gibt es in Deutschland ein Publikum dafür oder ist das Angebot als Nische im riesigen Sumpf der Großproduktionen gedacht?

JvB: Die Frage ist natürlich etwas tendenziös: Natürlich können auch Großproduktionen ganz wunderbare Filme sein. Insbesondere würde ich mir auch wünschen, dass man die Gelegenheit hat, außereuropäische bzw. US-amerikanische Großproduktionen hierzulande im Kino zu sehen. Gerade Mainstreamfilme aus anderen Ländern (Japan, Südkorea, China, Indien, Russland, Brasilien, Nollywood, etc.) sind ja der beste Einstieg in eine andere Kultur. Zudem wünsche ich mir auch mehr großproduzierte Klassiker im Kino. Insgesamt wünsche ich mir einfach ein viel breitgefächertes Programm in den Kinos, statt 20 Filmen könnten ja auch 40 oder 50 Filme pro Woche in einer mittleren Stadt wie z.B. Marburg laufen. Stattdessen – und das ist der Marktmechanik geschuldet – werden Filme wochenweise zigmal gespielt. ZIEMLICH BESTE FREUNDE blockierte ungefähr (gefühlt) 40 Wochen einen kompletten Kinosaal. Viele Filme, die es verdient hätten, konnten in diesem Saal nicht gespielt werden, weil der Film so erfolgreich war.

Wie also kommen wir an unsere Filme? Wir sind derzeit mit einer ganzen Reihe von Rechteinhabern und unabhängigen Filmemachern in Verhandlungen. Eine erste Verleihstaffel bestehend aus 12 Titeln hoffen wir Ende April anbieten zu können. Dann werden in unregelmäßigen Abständen – vielleicht einmal im Monat – weitere Verleihstaffeln folgen. Ein buntes Programm wird angestrebt, dass insbesondere Filmenthusiasten auch anregen sollte, vielleicht selbst vor Ort eine Filmclub-Initiative zu starten oder sich im Rahmen eines Kommunalen Kinos in der Nähe zu engagieren.
Mein Herz schlägt insbesondere für Genrekino und Experimentalfilme (und alles dazwischen), was sich sicherlich in der Filmauswahl niederschlagen wird.
Ob es dafür ein Publikum bereits gibt, wage ich nicht zu beantworten: Denn ich denke – und das ist die große Aufgabe der Filmenthusiasten in den KoKis und Filmclubs – ein solches Publikum muss man sich erst schaffen. Der Erfolg eines Films hängt ja sehr stark vom Marketing ab, weswegen bei Hollywood-Blockbustern nicht selten das Marketing-Budget ein Drittel der Herstellungskosten und mehr beträgt. Werbung für einen guten Film zu machen ist sicherlich einfacher, aber Hollywood schafft es ja auch mit schöner Regelmäßigkeit einen immensen Hype um mittelmäßige Filme zu erzeugen. Die Vermittlungsarbeit ist also sehr wichtig: da wird sicherlich Drop-Out Cinema auch einen Beitrag zu leisten können, wenn ein Werbebudget zur Verfügung steht. Eine Imagekampagne für das Kino als musealen Erfahrungsraum wäre z.B. flächendeckend denkbar, damit Publikum und Kinobetreiber Lust bekommen, Klassiker im Kino zu erleben. Dafür ließen sich sicherlich bei der Filmförderung Geldtöpfe anzapfen. Es muss sich nur jemand die Mühe machen einen entsprechenden Antrag zu stellen. Nur so wird sich ein breiteres Publikum jenseits elitärer Kreise zum Besuch eines Repertoirefilms bewegen lassen.

Bei der Programmgestaltung im Traumakino haben wir natürlich sehr viel experimentiert und da gab es auch häufiger dürftige Besucherzahlen. Um so schöner aber dann, wenn Nischenvorführungen wie das Troma-Trash-Movie SURF NAZIS MUST DIE! oder Alejandro Jodorowskys SANTA SANGRE oder ein Abend mit Pornfilmfestival-Kurzfilmen brechend voll waren. Dann hat sich unser ja doch sehr verschnarchtes Marburg ein bisschen wie NYC oder Berlin angefühlt. Tatsächlich habe ich aber die mit 10-12 Kinogästen besuchten Vorführungen von REFLECTIONS OF EVIL, ARREBATO oder VALERIE – EINE WOCHE VOLLER WUNDER fast noch mehr genossen, insbesondere weil man im Anschluss an den Film doch eher ins Gespräch mit dem Publikum kam. Als Kinomacher habe ich versucht, auf lokaler Ebene ein Publikum für diese Filme zu finden. Nun versuche ich das auf der Ebene des Verleihs – und dank genossenschaftlicher Struktur kann jeder mitmachen. Insbesondere die sozialen Medien werden dabei eine große Rolle spielen.

 

Ihr wollt Filme ohne Mindestgarantie anbieten. Was bedeutet das für die Kinomacher?

JvB: Üblicherweise verlangen Verleiher eine Mindestgarantie in Höhe von 80-130 Euro, selbst bei einzelnen Aufführungen, bei denen es völlig unrealistisch ist, dass genügend Publikum zusammenkommt. Dies bedeutet, dass Kulturkinos häufig drauflegen müssen, d.h. der Kinobetrieb kann nur über Subventionen oder Spenden oder – wie beim Café Trauma – durch interne Quersubventionierung durch ertragreichere Veranstaltungen finanziert werden. Beim uns gibt es gottseidank! eine erfolgreiche wöchentliche Partyveranstaltung, die Geld in die Kassen spült. Aufs Jahr gerechnet machen wir sicherlich 4000-5000 Euro Miese durch den Kinobetrieb. Zuschüsse von Stadt und Land sind äußerst dürftig. Und es geht alles ehrenamtlich zu.

 

In welchem Format werden eure Filme geliefert? Wie muss das Kino ausgestattet sein?

JvB: Langfristig werden wir versuchen, sämtliche Formate verfügbar zu machen. D.h. DVD bzw. BluRay für die Spielstellen ohne Kinoserver, DCPs für die Spielstellen mit Kinoserver (E-Cinema oder D-Cinema), 35mm in Kooperation mit Archiven. Das Analogabspiel ist unbedingt erhaltenswert und auch – wie ich finde – förderungswürdig. Es ist eine Schande, dass im Zuge der Digitalisierung überall die voll funktionsfähigen Projektoren rausgebaut werden. Das Modell des Hybrid-Kinos (digital und analog) müsste eigentlich staatlich gefördert werden. Mit jedem Ausbau einer 35mm-Anlage ist ein Kino weniger in der Lage, bei Bedarf auch mal zum Filmmuseum zu werden und originale 35mm-Prints zu spielen. Wir hoffen, ein Modell zu entwickeln, dass die Kosten für 35mm-Abspiel auch in Zukunft (für Repertoire-Titel) ermöglicht.

 

Was wünscht sich “Drop-Out Cinema” für das heimische Kino?

JvB: Eine kleinteilige Kinolandschaft bis in das kleinste Dorf hinein mit einem starken Bürgerengagement und viel cinéphiler Hingabe. Eine Überwindung der Spaltung in Arthouse-Mainstream und Multiplex-Mainstream zu Gunsten einer Zersplitterung der Publikums-Geschmäcker.
Eine neue Wertschätzung von Kino als Erlebnisraum. Weniger Aufmerksamkeit für die belanglosesten neuen Kinofilme, und mehr Aufmerksamkeit für Klassiker-Wiederaufführungen. Überhaupt wäre es schön, wenn es weniger Hype um „das Neueste“ zugunsten eines allgemeinen Interesses für das Gestrige gäbe.
Mehr Filme im Originalton mit Untertiteln.
Mehr kreative Programmarbeit und viel mehr demokratische Strukturen. Am besten sollten alle Kinos in Genossenschaften oder Vereine umgewandelt werden oder sollten sich zumindest für Programmräte öffnen.

 

Das Interview führte Jennifer Borrmann

08.04.2013

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