Interview mit Philipp Döring

13 Jan

Der Freiburger Philipp Döring hat sich nach seinem Studium der Germanistik, Slavistik und Kognitionswissenschaften 2004 für ein weiteres entschieden: Regie. Mit seinem Film „Torero“, über die Wohnungssuche in Freiburg, hat er den Sprung in die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg geschafft. In diesem Jahr hat er sein Studium mehr als erfolgreich beendet: mit dem 1. Preis, den „First Steps Award“. für seinen Abschlussfilm „Am anderen Ende“ mit Ursula Werner (Wolke 9), den er am 25. August 2009 erhielt.

Erzähl doch mal über Deinen neuen Film „Am anderen Ende“, Dein Diplomfilm der Ludwigsburger Filmakademie, für den Du den 1. Preis in der Kategorie Kurzfilm gewonnen hast – den First Steps Award. Wie seid ihr – die Drehbuchautorin Katharina Kress hat ja für das Drehbuch zum Film den Sonderpreis gewonnen – auf das Projekt gekommen?

Eigentlich wollte ich zunächst einen anderen Film als Diplom machen, einen Langfilm, für den ich dann aber keine Finanzierung bekommen habe. Innerhalb ziemlich kurzer Zeit musste ich dann auf einen Kurzfilm umsatteln. Da habe ich mich an einen Zeitungsartikel erinnert, den ich vor einiger Zeit gelesen hatte, ein Porträt über eine Frau, die bei der Telefonseelsorge arbeitet. Obwohl das natürlich erstmal ein sehr „unfilmisches“ Thema ist, jemandem dabei zuzugucken, wie er am Telefon sitzt und anderen Leuten zuhört, hat mich diese Situation von Anfang an fasziniert. Dann habe ich Katharina, der Autorin, von dieser Idee erzählt, sie fand es spannend und so war der Anfang gefunden.

Ziemlich schnell war dann auch die Ausgangssituation klar: Es muss ein Film sein über eine Frau, die zwar anderen wunderbar helfen kann, mit ihren eigenen Problemen aber nicht richtig klarkommt. Und von Anfang an war eigentlich auch klar, dass es ein Film über EINE Figur sein sollte, eigentlich mehr ein Porträt als ein Film über einen Konflikt.

Dann haben wir etwas 4 Monate an dem Drehbuch gearbeitet, dabei auch schon gecastet, und dann im März 2009 gedreht.

Kann man sich den Film „Am anderen Ende“ irgendwo ansehen? Von 42 Einreichungen in den Kurzfilm-Wettbewerb für Abschlussfilme hat Deiner gewonnen. Hast Du die anderen Filme gesehen?

„First Steps“ ist ja kein Festival, eher eine Art Gala nach dem Vorbild der Oscar-Verleihung. Das heißt, man sieht von allen Filmen nur kurze Ausschnitte, von den Gewinnern dann immerhin 3 Minuten. Von den anderen Filmen habe ich deswegen auch nur Trailer gesehen. Am interessantesten in unserer Kategorie fand ich „Never drive a car when you’re dead“, ein Animationsfilm aus Potsdam.

Der Film selbst ist noch nirgends gelaufen. Wir haben ihn jetzt bei mehreren Festivals eingereicht, mal sehen wer ihn haben will… Und voraussichtlich im November gibt es eine Premiere in Berlin.

Wie bist Du an Ursula Werner gekommen, die aktuell viele noch aus dem letzten Andreas Dresen Film „Wolke 9“ kennen? Wie war die Arbeit mit ihr?

Die Arbeit mit der Uschi Werner war unglaublich toll, da staune ich immer noch wenn ich daran zurückdenke. Als wir angefangen haben, das Drehbuch zu entwickeln, habe ich Wolke 9 im Kino gesehen, und da hat sich gleich im Hinterkopf die Uschi Werner als „Marianne“ (so heißt die Hauptfigur von Am anderen Ende) festgesetzt. Wirklich damit gerechnet hatte ich aber nicht, Wolke 9 war ja schon ziemlich erfolgreich in Cannes gelaufen.

Dann habe ich bei ihrer Agentur angerufen – auch in Deutschland hat praktisch jeder Schauspieler eine Agentur – und der Agent hat erstmal gelacht. Dann hab ich mich aber ganz gut mit ihm unterhalten, und er hat das Drehbuch an die Uschi Werner weitergeleitet. Ihr hat es gefallen, wir haben uns in Berlin getroffen, und anscheinend war ich ihr sympathisch … Sie hat wohl einige Angebote nach Wolke 9, die aber immer etwas mit Dreiecksbeziehungen im Alter zu tun hatten, und da hatte sie kein Lust drauf – und bei uns geht es eben um etwas ganz anderes.

Für Filmhochschüler ist es eigentlich gar nicht sooo schwer, Top-Schauspieler auch mit großen Namen zu bekommen, weil die Rollen häufig interessanter sind als das, was man im Fernsehen zu sehen bekommt.

Die Arbeit mit ihr war wirklich wunderbar. Immer wieder hab ich mir gedacht, dass sie eigentlich viel tiefer verstanden hat, um was es geht! Nein, im Ernst, für mich war es das erste Mal, dass ich mit einem richtig tollen Schauspieler zusammengearbeitet habe. Sie hat eine tolle Intuition und ist dabei technisch sehr sehr präzise. Wir haben ja meistens nur eine Einstellung gedreht, alles Plansequenzen, und wenn ich ihr gesagt habe „Hier, nach zwei Minuten musst du für die Kamera 10 cm weiter links stehen“, dann konnte sie das immer behalten, ohne dabei die Natürlichkeit zu verlieren.

Sie ist wirklich das Gegenteil von einer Diva und reißt ständig Witze am Set. Es war wirklich eine sehr schöne Erfahrung.

Öffnet sich durch den Gewinn des 1. Preises eventuell eine Tür, die sonst nicht so schnell in Sicht gewesen wäre?

Das wird sich zeigen, aber jetzt kommen schon einige Anfragen von Produktionsfirmen, die meinen Film sehen wollen, und der Preis hat inzwischen doch ein großes Renommee in Deutschland. Man kann schon davon ausgehen, dass es leichter wird, sein Debüt (so nennt man den ersten Film nach der Filmhochschule) zu finanzieren.

„Am anderen Ende“ wurde ja auch zusammen mit drei Fernsehsendern gemacht, und die Redakteurinnen haben sich auch sehr gefreut, das macht es vielleicht auch ein bisschen einfacher. Trotzdem muss man immer noch jemanden finden, der den Stoff gut findet, den man da machen will.

Du bist in Freiburg geboren und hast hier studiert, warst im akaFilmclub aktiv und hast hier Deine ersten Filmerfahrungen gesammelt. Könntest Du Dir vorstellen, noch einmal – „Torero“ spielte ja bereits hier – in oder über Freiburg zu drehen? Kommst Du ab und zu wieder in Deine Heimat Freiburg zurück?

Ich bin gar nicht so selten in Freiburg, weil meine Eltern inzwischen wieder in ihrer Traumstadt Freiburg leben. Ansonsten hängt das natürlich immer sehr vom Stoff ab. Beim „Torero“ war natürlich das Freiburger Ambiente sehr wichtig. Im Moment habe ich nichts in der Schublade, was in Freiburg spielen könnte, aber wer weiß – was mich reizen würde, wäre eine Geschichte, die ein anderes Gesicht von Freiburg zeigt. Freiburg sol ja eine ziemlich hohe Kriminalitätsrate sein, und nicht nur Fahrraddiebstähle, das passt so gar nicht zu den pittoresken Bächle.

Wie gehst Du an ein neues Filmprojekt heran? Was muss alles bedacht werden, wie viel Zeit und Aufwand steckt beispielsweise in so einem Kurzfilm?

Am anderen Ende war ein Projekt, das richtig „geflutscht“ ist, das war ein Dreivierteljahr von Beginn bis zum Master. Normalerweise dauert es aber viel länger, da entwickelt man erst einmal ein bis zwei Jahre das Drehbuch, dann sucht man Geld, und bis man dann endlich dreht… Deswegen ist es auch sehr wichtig, eigentlich immer mehrere Projekte in verschiedenen Entwicklungsstadien zu haben.

Gott sei Dank habe ich mich schon vor dem Preis wieder an die Geschichte gemacht, die ich eigentlich als Diplom machen wollte, und so habe ich jetzt nicht das Problem, mir schnell irgendetwas neues einfallen lassen zu müssen. Das habe ich immer wieder an der Filmhochschule erlebt – man stürzt sich mit aller Energie in eine Projekt, und wenn es endlich fertig ist, ist man total leer und müsste eigentlich das nächste Expose schon in der Tasche haben. Viel angenehmer ist es, wenn da Ideen so langsam im Hintergrund vor sich hinwachsen, und dann kann man gar nicht sagen, wie lange so etwas dann wirklich gedauert hat.

Ich habe gemerkt, dass für mich die Recherche enorm wichtig ist. Auch für Am anderen Ende waren wir ein halbes Dutzend mal in der Stuttgarter Telefonseelsorge, und ein paar mal auf der Entzugsstation. Ich muss immer viel sammeln, und dann merke ich irgendwann, wo im Dunstkreis von einem Stoff genau die Geschichte ist, die mich interessiert.

Würdest Du sagen, dass ein bestimmter Regisseur ein Vorbild für Dich ist oder dass Dich ein bestimmter Regisseur besonders beeinflusst (hat)?

„Am anderen Ende“ ist ganz klar beeinflusst von den Dardenne-Brüdern, die ich sehr bewundere, gerade was die Kamera angeht. „Le fils“ finde ich einen sehr beeidruckenden Film. Ich liebe Abbas Kiarostami für seine Einfachheit, das ist eigentlich „pures Kino“ für mich, ich bewundere Godard und Antonioni, und ich mag Lubitsch und Buster Keaton sehr. Die letzten beiden Filme, die mich im Kino beeindruckt haben, waren „Alle anderen“ von Maren Ade und „Stellet Licht“ von Carlos Reygadas.

Wusstest Du schon immer, dass Du Regisseur werden magst?

Auf keinen Fall. Die Liebe zum Film kam eigentlich erst sehr spät, während meiner Uni-Zeit in Freiburg im aka-Filmclub. Der Film, bei dem ich zum ersten Mal dachte, dass Filmemachen doch eine unglaubliche Sache sein muss, war „Lost Highway“, den ich auch im aka Filmclub das erste Mal gesehen habe.

Was sind Deine Träume oder Wünsche in Bezug auf Filmprojekte: Würde Dich ein bestimmter Filmstoff besonders interessieren? Würdest Du gerne mit jemand bestimmtes zusammenarbeiten?

Im Moment konzentriere ich mich erst einmal darauf, meinen ersten langen Film zu machen. Das wird der Stoff, den ich eben eigentlich schon als Diplom machen wollte, da geht es um einen jungen Mann, der auf der Straße lebt und mit seiner Freundin ein Kind bekommt, das ihm dann weggenommen werden soll. Für die Hauptfigur gibt es ein reales Vorbild in Stuttgart, mit dem ich mich oft getroffen habe. Wir haben jetzt einige Szenen, ein Expose und ein paar Stunden Recherchematerial. Ich hoffe darauf, den Film nächsten Sommer zu drehen …. Und ich möchte auf jeden Fall in den nächsten Jahren auch einmal einen Dokumentarfilm machen, aber das Thema ist noch nicht gefunden.

Und es gibt auch Leute, mit denen ich gern einmal arbeiten würde, unter den Schauspielern z.B. Devid Striesow und Victoria Trauttmansdorff. Und ich würde gern ein paar Leute von der Zeitung „revolver“ und der Berliner Schule kennenlernen, für mich die interessanteste Strömung im deutschen Film seit langem.

Außerdem würde ich auch sehr gerne einmal am Theater inszenieren. Ich habe gerade ein paar Wochen eine Hospitanz am Thalia Theater in Hamburg bei Luk Perceval gemacht, da habe ich unglaublich viel gelernt, und es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Da hat man ganz andere Zeiträume zu Arbeit mit den Schauspielern, und die Auseinandersetzung mit dem Stoff findet viel mehr in der Gruppe statt, das finde ich sehr spannend.

 

Das Interview führte Jennifer Borrmann (13.01.2010)

 

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