Interview mit Hans-Christian Schmid zu seinem Film „Sturm“

24 Nov

Hans-Christian Schmid, Drehbuchautor, Produzent und Regisseur, studierte Ende der 1980er/ Anfang der 1990er Jahre an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Sein Drehbuch-Interesse vertiefte er in L.A. an der University of Southern California. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen „Nach fünf im Urwald“, „23“, „Crazy“, „Lichter“ und „Requiem“. Er gilt als Entdecker von Franka Potente und auch August Diehl. Gemeinsam mit Bernd Lange hatte er bereits für „Requiem“ das Drehbuch verfasst, nun schrieben sie auch für „Sturm“ die Basis für sehr eindringliche Bilder, die zum Nachdenken anregen.

„Sturm“ erzählt die Prozessgeschichte gegen den ehemaligen Befehlshaber der jugoslawischen Volksarmee Goran Duric (Drazen Kühn) in Den Haag. Die Anklägerin Hannah Maynard (Kerry Fox) arbeitet bereits lange am Kriegsverbrechertribunal. In diesem Prozess widerspricht sich einer der wichtigsten Augenzeugen, weshalb eine Delegation in das ehemalige Jugoslawien fliegt, um der Sache nachzugehen. Hier findet man den Zeugen später tot in seinem Hotelzimmer. Seine Schwester Mira (Anamaria Marinca), die selbst Opfer Durics war und diese Tatsache bis jetzt geheim hielt, ist nach Zweifeln bereit, vor dem Tribunal auszusagen. Aus verschiedenen Richtungen wird jedoch versucht, Miras Zulassung als Zeugin abzuwenden, selbst von Seiten der Richterschaft.

Am 24.11.2009, 20 Uhr, ist Hans-Christian Schmid zu Besuch im aka-Filmclub (Vorstellung im KG II, HS 2006) wo er seinen neuen Film STURM vorstellen wird.

Sie haben in diesem Jahr für Ihren neuen Film STURM den Bernhard-Wicki-Filmpreis erhalten. Dieser Preis wurde bisher an stark sozialkritische und vor allem auch an Filme vergeben, die sich mit der Aufarbeitung von (Kriegs-)Geschichte befassen, meist dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Film ist zeitlich vergleichsweise noch sehr nah an den Geschehnissen im ehemaligen Jugoslawien dran – sie sind gerade mal 15 Jahre her und der Filmcharakter von Anamaria Marinca lebt seit Jahren in Deutschland und versucht sich von seiner Vergangenheit zu trennen. Sehen Sie Ihren Film auch als Teil einer Vergangenheitsbewältigung bzw. als Kommentar über Vergangenheitsbewältigung?

Nein, mir geht es in erster Linie um die Gegenwart. Die Arbeit des Tribunals in Den Haag dauert ja noch an. Uns war wichtig, dass das im Film klar wird, wir wollten ganz bewusst nicht einen Fall nacherzählen, der schon vor Jahren in Den Haag verhandelt wurde. Die Leute in Den Haag beschäftigen sich zwar mit einem zurückliegenden Krieg, aber die Urteile, die am Tribunal gefällt werden, haben eine Auswirkung auf die gegenwärtige Situation in den Nachkriegsgesellschaften auf dem Gebiete des ehemaligen Jugoslawien. Wenn ich einen Film mache, geht es mir aber weniger um eine bestimmte Botschaft, als viel mehr darum, eine spannende Geschichte zu erzählen. Im Mittelpunkt stehen die Menschen und deren Konflikte. In „Sturm“ geht es um die Frage, ob man sich seine Integrität bewahren kann, auch wenn man starkem Druck ausgesetzt ist.

In einer Woche beginnt die Verhandlung gegen Radovan Karadzic. In STURM wird an einer Stelle vorwurfsvoll gefragt: „Was ist das für ein Gericht? Wozu ist es eigentlich da?“ Welche Erwartungen oder Gedanken begleiten für Sie die Verhandlungen, nachdem Sie nun auch Einblick in die Arbeit des International Criminal Tribunal for the former Yogoslavia bekommen haben (Auch mit dem Hintergrund, dass der UN-Sicherheitsrat das ICTY aufgefordert hat, seine Arbeit bis 2010 abzuschließen)?

Als Drehbuchautor verteile ich meine Haltung auf verschiedene Figuren, die jeweils ihre eigene Meinung äußern. Jeder hat seine Gründe und oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Ich verbinde nach wie vor große Hoffnung mit dem Tribunal und fände es einen Fortschritt wenn Kriegsverbrecher oder Diktatoren in Zukunft damit rechnen müssten, sich vor einem internationalen Strafgericht zu verantworten. Gerechtigkeit kann so ein Gericht aber nur herstellen, wenn die Rahmbedingungen stimmen.

Das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien steht unter großem Zeitdruck, weil die Vereinten Nationen keine weiteren finanziellen Mittel aufbringen und das Mandat des Tribunals nicht über 2010 hinaus verlängern wollen. Somit bleibt vor allem die Wahrheitsfindung auf der Strecke, denn die Ankläger werden von den Richtern angehalten, bestimmte Punkte erst gar nicht in die Anklagen aufzunehmen.

„Es gibt keine Gerechtigkeit a la Carte“ hat Carla del Ponte, die ehemalige Chefanklägerin des Tribunals gesagt. Man kann nicht einfach die Augen vor bestimmten Vergehen verschließen, weil deren Aufarbeitung nicht mit dem straffen Zeitplan des Gerichts vereinbar ist. Im Prozess gegen Karadzic wird es sicher nur um einen Ausschnitt des Geschehens gehen, das man eigentlich verhandeln müsste.

Ich stelle es mir schwierig vor, einen Film, der ein sehr ernstes Thema zum Inhalt hat, zu verbildlichen, also Inhalt und Visuelles in Einklang zu bringen. Haben Bernd Lange und Sie sich bereits beim Drehbuchschreiben Gedanken zu Kameraeinstellungen, Farbfiltern o.Ä. gemacht oder hat sich dies sozusagen kreativ am Set entwickelt?

Beim Drehbuchschreiben geht es in erster Linie darum, innere Konflikte anschaulich zu machen. Wir haben versucht, zwei Hauptfiguren mit all ihren Facetten zu beschreiben und den Konflikt, in den diese beiden Frauen geraten, für die Zuschauer mit den Mitteln des Kinos zu erzählen. Es ging darum, das, was die beiden bewegt, auch zu einer emotionalen Erfahrung zu machen. Auch wenn es in „Sturm“ um vieles andere geht: in erster Linie erzählen wir die Geschichte einer Frau, die um ihre Überzeugungen kämpft. Über die Kamera, das Farbkonzept, das Szenenbild oder die Kostüme mache ich mir nach der Drehbucharbeit Gedanken, gemeinsam mit dem Kameramann oder dem Szenenbildner. Vieles entsteht auch erst kurz vor Drehbeginn, etwa bei der Besichtigung eines Motivs; das ist ein Prozess, der eigentlich erst am Drehtag selbst abgeschlossen ist.

Sie haben in mehreren Interviews bereits erzählt, dass Bernd Lange und Sie auf das Thema durch eine Deutsche, die seit ca. 10 Jahre in Den Haag arbeitet und dort mit Kriegsverbrechen zu tun hat, gekommen sind. In STURM wollten Sie beide eine Geschichte drum herum bauen, die auch gleichzeitig die Arbeit im Tribunal widerspiegelt. Hätten Sie sich den Film auch mit einem anderen Thema als dem Bosnien-Krieg vorstellen können oder gab es auch dafür einen speziellen Grund (Mira lebt ja in Berlin)?

Die Begegnung mit einer deutschen Anklägerin am Tribunal war ausschlaggebend für uns. Wir hatten davor nur eine sehr vage Vorstellung von der Arbeit dieses Gerichts und haben aus dieser Begegnung viele neue Eindrücke mitgenommen. Wenn man eine Geschichte über so eine Anklägerin erzählen will und man sich damit beschäftigt, worum es in ihrem beruflichen Leben geht, erzählt man natürlich auch etwas über Bosnien, Kroatien oder Serbien, denn mit diesen Regionen beschäftigt sich das Tribunal. Unsere Wahl für die Herkunft des mutmaßlichen Kriegsverbrechers im Film fiel auf den serbischen Teil Bosniens, die Republika Srpska, weil dieser Teilstaat Bosniens nicht besonders kooperativ ist, wenn es um die Belange des Gerichts in Den Haag geht. Das waren also dramaturgische Erwägungen, wir haben nach Widerständen für unsere Hauptfigur gesucht.

Auch in LICHTER und REQUIEM geht es sehr stark um moralische Fragen, um politische und kulturelle Grenzen, um subjektive und objektive Wahrheiten und Gerechtigkeiten. Das sind alles sehr grundlegende und gesellschaftsspezifische Themen. Könnten Sie sich auch vorstellen einen Film zu machen, der thematisch eher leichfüßig daher kommt oder sehen Sie Film gewissermaßen als Medium und diskussionsstiftendes Element für gesellschaftlich relevante Themen?

In meinen früheren Arbeiten wie „Nach Fünf im Urwald“ oder „23“ stehen die gesellschaftlich relevanten Bezüge nicht so sehr im Vordergrund. Aber ich habe mich weiter entwickelt in den letzten Jahren und meine Interessen haben sich verändert. Moralische Fragen beschäftigen mich, es ist nur sehr schwer, für bestimmte Fragestellungen eine packende filmische Handlung zu finden. Aber ich wäre unzufrieden, wenn ein Film wie „Sturm“ lediglich ein Sprungbrett für einen gesellschaftlichen Diskurs wäre. Er muss auch für sich stehen, es geht darum, eineinhalb Stunden spannendes Kino zu bieten. Wenn das nicht im Vordergrund stehen würde, würde ich Sachbücher schreiben.

Rückblenden fehlen völlig. Ob nun gewollt oder nicht: Dies visualisiert, für mich jedenfalls, Miras Wunsch, die Vergangenheit komplett auszublenden und genau deshalb empfand ich es nicht als negativ. Aber das zentrale Thema ist ja dennoch die Vergangenheit. Hat sich für Sie an irgendeinem Zeitpunkt die Frage gestellt, ob Sie den Krieg visuell und nicht als mündliche Nacherzählung, darstellen oder war von Anfang an klar, dass alles im Jetzt spielt?

Wir wollten von Anfang an in der Gegenwart erzählen. Ich glaube generell nicht so sehr an die Wirkung von Rückblenden, das merke ich jedes Mal, wenn ich im Kino sitze und ein Film versucht, mir mit Hilfe von Rückblinden etwas als die verbindliche Wahrheit zu verkaufen. Ich glaube, es ist viel stärker, wenn man Mira bei ihrer Erzählung zuhören kann – alles andere spielt sich im Kopf der Zuschauer ab.

Haben Sie bereits Reaktionen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens wie Bosnien, Serbien oder Kroatien auf den Film bekommen bzw. gelesen? Wenn ja, welche?

Wir haben den Film im August auf dem Filmfest in Sarajevo gezeigt und vor wenigen Wochen auch in Pristina, im Kosovo. Die Reaktionen waren beide Male sehr gut; die Menschen dort hatten offenbar kein Problem damit, dass sich jemand von außen einen Blick auf die Gesellschaft dort zutraut. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass es als positiv gesehen wurde, dass sich jemand von außerhalb mit den jeweiligen Ländern beschäftigt. Es gibt auch einen Verleih in Sarajevo, der den Film in Bosnien, Serbien und Kroatien ins Kino bringen wird.

Sind Sie bereits an einem neuen Projekt, über das Sie etwas verraten können?

Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir über einen neuen Stoff Gedanken zu machen, da es für „Sturm“ auch nach der Premiere im Februar auf der Berlinale viel zu tun gab. Wir haben an einem Trailer gearbeitet, eine deutsche Synchronfassung hergestellt und ein Buch zum Film herausgegeben, mit Interviews, Fotos und Hintergrundberichten. Es gibt allerdings ein neues Projekt meiner Produktionsfirma 23/5, wir drehen gerade eine deutsch-französische Koproduktion mit dem Titel „La Lisiére“, Regie führt Géraldine Bajard.

Links:

www.sturm-der-film.de
www.235film.de
www.geraldvonforis.de

Text: Jennifer Borrmann, 24.11.2009

 

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