Interview mit Fatih Akin und der Filmcrew von „Soul Kitchen“

24 Dez

„Bei Fatih ist halt Rock’n Roll“

Während am Dienstag Abend, 15. Dezember, in zwei ausverkauften Kinosälen der Harmonie-Kinos die Zuschauer gespannt auf die Leinwand und den neuen Akin-Film „Soul Kitchen“ schauten, wurden draußen fleißig Interviews mit Filmemacher Fatih Akin und den Schauspielerinnen Pheline Roggan und Anna Bederke, die selbst Regie studiert hat, geführt. 

JB: Jasmin Ramadan hat ja das Buch „Soul Kitchen. Der Geschichte erster Teil – das Buch vor dem Film“ geschrieben. Wie kamt ihr oder wie kamst Du auf die Idee, einen Zweiteiler mit verschiedenen Medien zu machen? War es ein gemeinsames Projekt mit der Autorin?

Fatih Akin: Jasmin Ramadan und ich kennen uns seitdem wir 16 sind und sie ist sehr involviert in den Lebenstil, wovon der Film eben auch erzählt: also spontane Parties machen, Essen, Trinken, Feiern. Wir hatten auch mal eine Band früher, mit 17 oder 18, der (Adam) Bousdoukos, sie und ich und sie ist halt Schriftstellerin geworden und wir sind halt beim Film gelandet. Ich finde es auch immer schön, wenn es Begleitliteratur zum Film gibt und dann habe ich sie eben gefragt, nicht nur weil ich die Art des Schreibens von ihr sehr schätze, das tu ich. Aber auch weil sie uns halt eben kennt. Besser nun als Selim Özdogan oder sonst wer oder als Feridun Zaimoglu. Da haben wir sie halt gefragt, ob sie nicht Lust hätte Literatur zum Film zu schreiben und sie kann da total frei sein, kann da machen was sie will.

JB: Also, es war ihre Idee.

Fatih Akin: Es war ihre Idee, das zu erzählen, wovon sie erzählt. Und ich war sehr angetan und begeistert davon.

JB: Oft liest man, Fatih Akin ist einer der großen deutschen Autorenfilmer. Siehst Du Dich selbst als einer?

Fatih Akin: Ja, eindeutig. Ich bin Autorenfilmer. Fertig aus.

JB: Sind Filme, bei denen Du selbst Regie führst für Dich eine größere Herzensangelenheit, als Filme, bei denen Du nur die Produktion machst oder nur das Drehbuch schreibst oder ist es für Dich einfach eine andere Herangehensweise an das Thema Film?

Fatih Akin: Ja, natürlich ist es eine größere Herzensangelegenheit. Ich bin kein sehr aufmerksamer Produzent oder so was. Ich bin nicht einmal ein leidenschaftlicher Produzent. Das war mein Partner Andreas Thiel, der gestorben ist. Ich suche mir Filmemacher, die sehr autark arbeiten und die ein Dach brauchen und wenn ich das Vertrauen in diesen Filmemacher oder diese Filmemacherin habe, wo ich weiß, die können autark arbeiten, die brauchen jetzt keine 24-h-Betreuung, was andere Regisseure brauchen und auch berechtigt brauchen, dann kann ich diesen Leuten mein Dach anbieten oder mein soziales Netzwerk. Aber es ist niemals dasselbe, als wenn ich jetzt selbst einen Film mache.

JB: Wie entscheidest Du dann welche Rolle oder Position Du bei einem Filmprojekt übernimmst?

Fatih Akin: Das entscheidet sich von selbst. Also wenn ich einen Film schreibe und das auch inszenieren möchte, dann werde ich es auch produzieren. Meistens weiß ich von vornherein: Ok, ich schreibe das jetzt für jemanden. Oder es passiert, dass Freunde von mir oder Bekannte von mir, einen Stoff anbieten und ich weiß dann als Regisseur, die und die Person ist autark genug, das zu wuppen. Davon hängt das ab.

JB: Wie würdest Du jemandem, der nicht sehen kann, die visuelle Ästhetik von „Soul Kitchen“ beschreiben?

Fatih Akin: Fließend. Sehr fließend. Der Film fließt wie Wasser über Stein, so würde ich das beschreiben. Wie kaltes Wasser, das über heiße Steine fließt.

JB: Was drehst Du am liebsten: Komödien, Tragödien oder Dokumentarfilme?

Fatih Akin: Ich dreh alles gerne. Letztendlich sind all die Filme, die ich mache, Facetten meiner Persönlichkeit. Einige sind einfacher als andere. Das kann ich leichter beantworten, was einfacher ist, aber nicht, was mir mehr liegt. Mir liegen alle meine Filme gleichermaßen. Tragödien sind einfacher. Es ist einfacher die Leute zum Heulen zu bringen. Musst sie nur gegens Schienbein treten. Beim Lachen muss man sich was ausdenken.

JB: Anna Bederke, Du hast Regie studiert und zwei Abschlussfilme gedreht. Wie war das jetzt für Dich, vor der Kamera zu stehen?

Anna Bederke: Es ist auf jedenfall was ganz anderes. Ich hab das sehr genossen. Ich meine, ich hab ja keine Riesenfilme gedreht, also kürzere Filme, aber es ist schon eine andere Arbeitsweise, weil man bei Regie den ganzen Apparat die ganze Zeit halten muss. Wenn man Studentenfilme macht, musst Du halt auch eigentlich noch mehr machen, als man eigentlich als Regisseurin macht. Und das fand ich, war mal eine ganz gute Abwechslung, das von einer anderen Seite zu sehen.

JB: Und konntest Du die Regisseurin in Dir ganz abstellen?

Anna Bederke: Es gab so ein paar Situationen, wo es nicht ging. Wo ich gedacht hab: Oh Gott, Du darfst das jetzt nicht verkacken. Also dass man dann eher so das Gefühl hat, der Regisseur will irgendwas und man muss es jetzt auch mal machen – also solche Momente. Aber sonst eigentlich nicht. Es gab eher so ein paar Situationen, weil sowieso überall so viele Profileute um mich herum waren: Schauspieler, Kameramann etc., wo ich dann irgendwie gesehen hab, krass, das sind alles so richtig begabte Menschen um mich herum. Und ich musste mir dann selbst sagen: Gib Dir jetzt bloß Mühe.

JB: Was hat die Arbeit an diesem Film von anderen unterschieden? Du warst ja glaube ich schon bei zwei anderen Filmen von oder mit Beteiligung Fatih Akins dabei.

Pheline Roggan: Die waren nie wirklich von ihm. Bei dem ersten, bei „Kebab Connection“, hat er das Drehbuch geschrieben und Anno Saul hat Regie geführt und das Zweite war bei „Chiko“, da war Fatih Produzent. Also bei Anno Saul und Fatih ist es total unterschiedlich. Bei Özgür (Y?ld?r?m, Regisseur von „Chiko“) würde ich sagen, dass er – der kommt ja auch aus dem Haus – naja, abgeguckt ist zuviel gesagt, aber die haben so ein bißchen eine ähnliche Art. Sie fragen beide so viel nach und wollen viel wissen und auch proben. Bei Fatih ist halt Rock’n Roll, ne? (beide Schauspielerinnen lachen). Also es ist sehr energetisch und auch emotional. Was man für einen Unterschied bei Fatih merkt ist, was für eine Lust er daran hat, also wie unbedingt er das Projekt will. Deshalb geht das auch mal in beide Richtungen, also es knallt auch mal am Set, aber nie irgendwie bösartig, dass man Angst kriegt. Aber er steht unter Hochdruck, er hat richtig viel Energie.

JB: Ihr seid alle drei in Hamburg geboren und aufgewachsen. Der Film „Soul Kitchen“ und ein wichtiger Teil des Films bilden die Drehorte in Hamburg. Wie war der Dreh in der eigenen Heimatstadt? Der Film wird ja oft als Heimatfilm bezeichnet. Haben sich bestimmte Orte für euch verändert, seht ihr die Stadt anders oder bringt es für euch genau das Hamburg rüber, das es für euch ist?

Anna Bederke: Ich meine, wir sind jetzt alle aus so ungefähr der gleichen Ecke. Wir treiben uns auch alle in den ähnlichen Läden und Gefilden rum. Und ich meine, was halt so passiert ist eher, dass es diese ganzen Plätze, die meisten Drehorte, wo wir gedreht haben, ja nicht mehr gibt. Dass die gerade so ein bißchen den Platz räumen müssen und das ist für mich jetzt eher so ein bißchen wie ein Fotoalbum, was zurückbleibt.

Pheline Roggan: Er hat das konserviert, ja. Das Hamburg, das eigentlich die Heimat ist.
Anna Bederke: Das hat er auch gut gemacht finde ich.

Pheline Roggan: Da hat er auch ein gutes Gespür für, das war ja alles noch gar nicht so im Gespräch, weder das Gängeviertel noch das alte Karstadt, das jetzt Ikea werden soll oder die Astra-Stube, Sternbrücke. Das kommt irgendwie alles auf einmal, dass das jetzt weg sein soll.
Anna Bederke: Das würde ich auch so sagen, aber sonst hat sich nichts für mich verändert dadurch, also bei mir auf jedenfall.

Pheline Roggan: Meine Sicht auf Hamburg auch nicht.

Anna Bederke: Aber dafür sind wir auch zu lange da.

Pheline Roggan: Man hat ja sein eigenes… selbst wenn das ein Heimatfilm ist und ich erkenne da ganz viel wieder, von dem was ich in Hamburg sehe. Es ist halt beim Film immer komprimiert. Da hat jeder noch sein Privatleben, das irgendwie anders abläuft. Aber gerade so ein bißchen durch das Rumreisen und durch die Fragen, die man gestellt bekommt, ist es doch so… Ich dachte, es wär ein bißchen mehr überall so wie in unserem Hamburg und das ist es gar nicht. Also mir wurden zum Beispiel immer ganz viele Fragen gestellt in der Art: „Ja, und der Türke und der Grieche und wer ist das und wer ist das?“ Und das ist, so wie ich Hamburg kenne oder wie es meins ist, gibt es so etwas nicht. Mein Mitbewohner ist Türke, aber ich weiß ich nicht, wann ich schonmal darüber nachgedacht habe, wo er herkommt. Das wird immer so thematisiert von außen und das wusste ich nicht, das habe ich mehr als gegeben genommen, als es anscheinend ist.

 

Text: Jennifer Borrmann, 24.12.2009

 

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