Interview mit Dani Levy und Markus Hering zu ihrem Film „Das Leben ist zu lang“

31 Aug

Was gab den Ausschlag, eine Komödie zu drehen? Die Geschichte hätte ja auch gut (mit anderen Schwerpunktsetzungen und anderem Ende) als Tragödie funktionieren können?

DL: Das ist richtig. Wobei ich ehrlich gestehen muss, dass ich mir das vorher gar nicht so genau überlege. Für mich ist auch die Grenze zwischen Tragödie und Komödie sehr fließend. Ich glaube in der Komödie steckt im Kern eigentlich immer eine Tragödie. Die Komödie ist natürlich eine Lebenshaltung. Und zwar einerseits eine Lebenshaltung, die man im Kino erlebt als Zuschauer, aber auch eine Lebenshaltung für mich als Filmemacher. Ich habe drei Tragödien gedreht und liebe die auch sehr. Eine Komödie zu drehen, ist – jetzt rein energetisch fürs Leben generell, auch für mein Leben und das ist ja doch ne Menge Lebenszeit, die ein Film in Anspruch nimmt – auf eine Art sicher die bessere Energie. Weil es natürlich damit zu tun hat, die Krisenhaftigkeit fürs Leben, die Widersprüche, denen man als Mensch täglich begegnet, wenn Dinge schief gehen, die man sich anders vorgestellt hat oder sich das Leben sehr komliziert gestaltet, wo man dachte, das wird alles ganz einfach oder einem plötzlich Ereignisse widerfahren, die eigentlich traurig sind. Eine filmische Komödie ist dabei dann ein humoristischer oder auch versöhnlicher Film. Die Komödie versöhnt ja, hat ja auch damit zu tun, sich selber aus dem Schlamassel rauszuziehen. Sie hat einen ganz starken Mut zur Heilung und Heiterkeit.

Deshalb auch Katharsis-Film (Name der Produktionsfirma im Film)?

DL: Ja, natürlich ist Film – auch Drama – Katharsis. Weil manchmal ein wirklich vielleicht auch sehr lebensbedrohliches oder zumindest lebensbelastendes Problem zu einer Explosion führt. Deswegen eine wie auch immer geartete Art von Erlösung. Deswegen ist Filmemachen, meiner Meinung nach, auch gesund. Auch Filmeschauen ist für mich etwas gesundes, weil man beschäftigt sich mit dem Leben und mit den Schwierigkeiten, denen man begegnet im Leben. Aber in der Komödie empfinde ich das noch klarer: Die Aufgabe, eine Lösung zu finden. Weil sie schon in der Darstellung der Not oder des Dramas eine positive Haltung hat. Aber wie gesagt, ich überlege mir das nicht so hin, sondern ich schreibe eine Geschichte, die mich interessiert und es gibt Szenen, die werden wesentlich ernster, als ich vielleicht gedacht habe, dass sie werden. Und es gibt Szenen, die werden plötzlich komödiantisch, wo ich gar nicht dachte, dass ich darüber lachen könnte. Und manchmal ist es auch so, dass beim Schreiben eines Drehbuchs es gar nicht richtig kalkulierbar und vorhersehbar ist, wie die Zuschauer letztendlich, ich sag jetzt mal ein oder zwei Jahre später, im Kino wirklich auf die Filme reagieren. Ich bin immer wieder überrascht, wie ich mich täusche mit Filmen. Wie Sachen, die eigentlich ganz ehrlich und durchlässig und traurig waren, zu Heiterkeit führen, weil man so ein Mitgefühl oder einen Spaß an der Ehrlichkeit hat, wie andere Dinge, die vielleicht ganz lustig sind, plötzlich ganz tragisch empfunden werden. Wenn Leute sagen „Ich konnte da gar nicht lachen, weil das fand ich eigentlich total traurig“.

Ich habe den Film in zwei verschiedenen Kinos gesehen und die Stimmung heute im Vergleich mit gestern war komplett gegenteilig. Gestern hat fast niemand gelacht und heute hat der ganze Saal mitgelacht, eben als ich rausgegangen bin, lief die Szene, in der die beiden im Bett liegen und Alfie sagt „Im Dunkeln siehst Du aus wie früher“.

DL: Das gibt es sicher auch, das ist ja das Tolle am Kino. Weil es natürlich auch eine Gruppendynamik ist. Ein Kinosaal hat wirklich auch eine starke Energie, die hängt von der Fülle ab, definitiv vom Saal ab, vom ganzen Ambiente, ein nicht zu unterschätzendes Element. Und ich muss aber auch sagen, ich war schon in Komödien, wo kein Mensch gelacht hat und ich dann auch nicht laut rausgelacht habe und ich mich trotzdem amüsiert hab, innerlich. Es gibt ja auch ein seelisches Lachen. Eine innere Heiterkeit, die sich gerade nicht dadurch äußert, dass sie expressiv ist. Das ist nicht immer ein Maßstab, wir müssen da aufpassen. Gerade als Komödienregisseur muss man manchmal auch aufpassen, dass Du nicht einfach mit dem Notizblock im Publikum sitzt und die Lacher zählst und daraus dann die Kraft und den Erfolg eines Films misst. Weil lautes Lachen ist zwar was Schönes, ist aber nicht immer ein Maßstab. Ich hatte schon Vorstellungen, wo ich so dachte, um Gottes Willem, die Leute reagieren überhaupt nicht, der Film kommt ja überhaupt nicht an und danach kamen die Leute zu mir und haben erzählt, wie sehr sie sich trotzdem amüsiert haben. Ich hab dann gesagt: „Aber ich hab ja nichts gehört!“, „Aber ich hab trotzdem in mich hineingelacht“, und so – also man kann das nicht immer so beurteilen.

MH: Jeder Abend hat so seine eigene Gruppendynamik. Wie haben es ja jetzt gerade auch auf unserer Kinotour erlebt, die vielen Kinosäle, die wir gesehen haben. Es ist so unterschiedlich, wie der Film wirkt. Wie abends die Stimmung ist. Wie er aufgenommen wurde, das war gar nicht so unterschiedlich, aber was man so live erlebt.

DL: Das war auch so krass bei „Mein Führer“. Da gabs Vorführungen, da haben die Leute nur gelacht und das war wirklich eine riesen Gaudi und es gab Vorführungen, wo wirklich Totenstille war. Manchmal hab ich das überhaupt nicht zusammengekriegt. Und mit dem Film bin ich ja wirklich um die Welt gereist, also da habe ich Vorstellungen in Japan, in Russland, in den USA, in Italien – also ich war wirklich in vielen Kontinenten mit dem Film. Immer wieder anders, unglaublich interessant.

Sie durchbrechen in diesem Film immer wieder den vorgegebenen Raum, indem das Publikum direkt angesprochen wird oder es kommen Texteinblendungen, der Zuschauer soll aktiv werden, hören und sehen. Wird dabei nicht gerade die Illusion zerstört, die sich ein Kino-Zuschauer doch häufig wünscht? War es klar, dass das Medium bzw. Material selbst thematisiert wird?

DL: Das war eigentlich von Anfang an klar, aber auch immer als Experiment gemeint. Es war ja klar, dass es eine Zäsur ist, aber hab ich mich natürlich bemüht, dass der Film auch als unterhaltsamer Film danach weitergeht, aber er hat so bestimmte Verunsicherungen implantiert, von denen ich glaube, wenn man Spaß daran hat, hat man einen doppelten Spaß, weil es einen eben auch mit der Illusion konfrontiert. Er macht ja auch irgendwie klar, ok, ich werde jetzt hier aufgeweckt aus meinem Traum, oder ich falle in eine andere Ebene. In Träumen werden ja auch Realitäten einfach gewechselt und das ist ja auch manchmal schmerzhaft. Man ist in etwas drin und findet das unglaublich schön und klack, dann geht’s wieder in eine andere Ebene und bekommt plötzlich eine Logik, die gar keine ist, die man miterlebt.

Aber es ist durchaus ein Versuch und sicherlich nicht für alle gleich schön oder gleich produktiv und ansprechend. Es gibt sicher auch Leute, die diese Erwartung an Kino haben: Ich möchte von A bis Z in einer Narration, in einer Illusion bleiben, ich möchte keine Brüche erfahren. Es gab eine Zeit, in der Film vielmehr auf dem Prüfstand war, mit und durch Godard und Romer, selbst jemand wie Truffaut, Antonioni oder wer auch immer. Auch übrigens das New Hollywood, wo Film eben nicht einfach nur die – ich mein das gar nicht negativ – die hermetische Berieselung war, sondern wo Film selber auch reflektiert wurde, also das was es ist, was es bedeutet. Das ist natürlich eine Tradition, die mich auch mitgeprägt hat. Ich werde jetzt nicht in jedem Film eine Wake-Up-Call machen, meine Filme waren ansonsten auch runde Filme, die man so anschauen kann. Aber in diesem Film hab ich das einfach ausprobiert, das eben auch ein Film ist übers Filmemachen und ein Film über Film, über Realität und darüber was Realität, was abgebildete bzw. inszenierte Realität ist und all diese Themen, die für mich subkutan mit damit zu tun hatten.

Sie haben eben von Filmgeschichte gesprochen. Es gab sehr viele liebevolle Details im Film: filmhistorische Zitate von Roy-Black-Photos im Produzentenzimmer über Zitate von Filmemachern (24x pro Sekunde) bis zu den Namen der Filmkinder Romy und Alain. Beschäftigen Sie sich viel mit der Geschichte des Films und verorten Sie sich dort auch? Oder war es eine kleine Liebesgeschichte an einzelne Personen oder Zeiten?

DL: Ja, ich bin ein Kind des Kinos. Ich habe es spät entdeckt, weil wir sind eben ohne Fernsehen in meiner Kindheit aufgewachsen sind – nicht wie Truffaut, damit kann ich nicht aufwarten. Es war eine etwas spätere Liebe, aber natürlich eine leidenschaftliche Liebe und auch eine leidenschaftliche Liebe im weitesten Sinne für die Nouvelle Vague, die ja überall stattgefunden hat. Wobei da für mich auch schon „Fahrraddiebe“ dazu gehört. Es geht um eine Modernität des Gedankens und auch Film zu verstehen als eine Kunstform, die eben nicht nur Konsum ist, sondern auch geistige Debatte, Politik, gesellschaftliches Befinden, aber auch stilistisches Experimentieren. Ich finde, Hollywood kehrt jetzt ein Stück weit auch wieder dahin zurück. Ich hab manchmal das Gefühl, die entdecken auch gerade die Schönheit der unlinearen Erzählung wieder, z.B. die Erfolg von Iñárritu, dessen Filme auch wirklich Verweise auf das filmische Erzählen beinhalten, das eben nicht ganz klar linear sein muss, sondern mit Brüchen zu tun hat, auch mit Gedankensprüngen, mit Geheimnis, mit Rätseln. Ich bin auf jedenfall total Cineast. Und scheu mich auch vor nichts zurück, ich guck auch totalen Trash an, ich guck auch Popcornkino und ziehe auch da immer ne ganze Menge heraus.

Markus Hering, ich hatte das Gefühl, dass Sie in der Rolle richtig aufgegangen sind und viel Spaß hatten. Sie spielen ja normalerweise Theater, was hat Sie an der Rolle gereizt?

MH: Beim Lesen des Drehbuchs hat mich besonders die Traurigkeit dieser Figur gereizt, gemischt aber mit der Komik, die Dani eben beschrieben hat. Die Rolle war mir eigentlich sofort sehr nah. Wir haben uns ja persönlich nicht gekannt und dann muss man erstmal den Regisseur kennenlernen: „Die Rolle würde mich sehr interessieren, die spricht mich auch irgendwie an, da könnte ich denken, das ist meine Rolle.“ Ich kenne ja auch als Schauspieler, weil ich ja seit 1993 Fernsehfilme oder -serien, die Situation, in der man als Schauspieler auf Filmparties rumhängt und peinlich einen Regisseur seines Vertrauens stehen sieht und denkt: Mensch, den muss ich jetzt anquatschen, wie mach ich das? Also was Alfie mit seinen Drehbüchern macht in der ersten Szene. So etwas ist für mich persönlich immer peinlich gewesen und gleichzeitig konnte ich aber auch neben mir stehen und sagen, es ist eigentlich total absurd und wahnsinnig komisch, weil alle auf dieser Filmparty haben ein ähnliches Problem. Die Regisseure, die ich da bewundere, die gucken wahrscheinlich gerade einen Produzenten an, dem gegenüber sie genauso denken, wie kann ich dem jetzt mein Drehbuch unterjubeln für mein nächstes Projekt. Also Filmparties haben manchmal auch was wahnsinnig Trauriges in ihrer Gesamtheit. Weil Leute immer auf der Suche nach dem nächsten Job sind, egal, was sie gerade machen. Das finde ich auch unglaublich komisch, weil die Branche immer so tut, als sei das nicht so. Als würde hier alles Flutschen und man ist gerne zusammen und man feiert und trinkt und isst und freut sich, Bussi hier, Bussi da, „Ja, dass ich Dich wieder sehe!“, „Dankeschön, wir sehen uns später“ und diese ganzen Floskeln, das ist so eine oberflächliche Geschichte und da hatte ich einfach meine Erfahrung erstens der Filmbranche und zweitens mit meinen Kindern als Familienvater, das ein großer und wichtiger Teil dieses Films ist. Also der wichtigere für mich. Das ist ja ein Mann in der schwersten Krise seines Lebens. Da würde ich jetzt auch erstmal den Beruf des Alfie Seliger ganz hinten anstellen und sagen, ob er jetzt Regisseur ist oder Tischler, das ist Wurscht. Es ist ein Mann einfach, dem es ganz schlecht geht, der beruflich den Bach runtergeht und der beschließt sich umzubringen. Der dann irgendwann feststellt, vielleicht auch als Glück oder Rettung, dass er vielleicht gar nicht der ist, der er eigentlich meinte, in seinem Leben gewesen zu sein. Dieses Spiel mit der Wirklichkeit und der Fiktion, das fand ich beim Lesen schon ganz toll und dachte, das würde ich gerne mal spielen und das reizt mich einfach, mich damit auseinander zu setzen. Dann haben wir uns kennengelernt und dann habe ich Dani bei einer Tasse Kaffee, der berühmten, als Typ kennengelernt, der unheimlich lustig und gescheit mit seinem Humor darüber reden kann und ich hatte sofort das Gefühl, da sitzt jemand, mit dem trau ich mir mehr zu. Da ich ja wenig Filmerfahrung in der Größenordnung hatte, muss man sich selber da schon überprüfen, ob man sich da drauf einlassen kann. Das geht ja immerhin um 2,5 Millionen-Projekt für so eine Hauptrolle und da hatte ich aber bei Dani sofort das Gefühl: In die Arme kann ich mich werfen. Da bin ich irgendwie zu Hause. Das hat sich dann bei den Dreharbeiten auch Gott sei Dank so bestätigt oder ist aufgeblüht.

Und ist Ihnen Theater generell so lieber, also, wenn man den direkten Publikumskontakt hat? Jetzt konnten Sie den Kontakt sozusagen spielen und haben die Kamera angesprochen und sich dahinter das Publikum vorgestellt. Oder ist es generell einfach anders, Film und Theater?

MH: Also ich mach beides sehr gerne. Im Moment reizt mich eigentlich eher noch der Film. Ich will Theater gar nicht sein lassen, weil Theaterspielen eine ganz wichtige Voraussetzung ist. Diese Art, wie man im Theater probiert, sich 9 Wochen auf Irrwege begeben kann mit den Kollegen, das ist eine ganz tolle Schule fürs Filmen. Du musst dann beim Film vielmehr selbst arbeiten vorher, von morgens am Drehtag mit den Kollegen. Also diese Erfahrung vom Theater ist glaube ich ganz wichtig um so einen Drehtag ordentlich vorzubereiten. Also man muss halt vielmehr für sich arbeiten. Und dann trifft man an dem Tag meinetwegen die Meret und weiß, mit der Meret muss ich heute diese Bettszene spielen und heute abend ist die im Kasten. Was wir heute abend nicht geschafft haben, schaffen wir auch nicht mehr. Das ist eine riesen Verantwortung für einen Schauspieler und da erleb ich beim Film einfach ein Team, ein technisches Team und ein Schauspielerteam und ein Regieteam, ein Kamerateam, das jetzt in Danis Fall auch so wahnsinnig liebevoll und respektvoll miteinander umgegangen ist.

Dani hat mit seinem liebevollen, kreativen Chaos, was er verbreitet. Mit einem Teppich der Sympathie für die Schauspieler, für die Figuren wurde eine Atmosphäre geschaffen, dass die Schauspieler, dass wir, dann morgens aufeinander treffen konnten und einfach loslegen konnten. Dani lässt sich auch gerne überraschen, ich habe mit Meret noch nie gespielt und dann erfindet man als Schauspieler, es ergibt sich im Zusammenspiel irgendetwas, was Dani vielleicht erwartet oder erhofft hat oder nicht erhofft hat oder sich damit überraschen lässt. Diese Art von Eigenverantwortung von Film, das macht mir im Moment viel mehr Spaß als Theater.

Wie viel von Dani Levy steckt in Alfie Seliger?

MH: Wie ich gelesen hab, ich kannte Dani eigentlich nur aus Rezensionen von „Mein Führer“. Und hab bei den Rezensionen zu „Mein Führer“ schon gedacht, das ist doch absurd, dass das deutsche Feuilleton damals immer geschrieben hat, Hitler-Film ist in Deutschland nicht möglich, es sei denn ein Jude dreht ihn. Und Dani Levy als Jude darf den drehen. Das fand ich immer schon sehr abstrus und hab dann im Drehbuch dieses Zitat fast wörtlich wiedergefunden. Also die Verarbeitung davon und dass dem Alfie Seliger immer wieder jemand begegnet und sagt: „Naja, Sie, als Jude, super.“

So wie der Produzent sagt: „Ich bin ja sogar ¼ Jude.“?

MH: Genau, es ging auch bei mir gar nicht darum Dani Levy nachzuspielen, das wär auch wahrscheinlich in der Kürze der Zeit gar nicht gegangen. Ich glaube, Dani zu spielen, hätte mich auch gar nicht so gereizt. Alfie Seliger hat glaube ich biographische Eckpunkte von Dani, die Erfahrungen aus der Filmbranche, aus seiner Familie und das ist natürlich für die Komödie total zugespitzt. Dani hat ja, Gott sei Dank, und ich auch nicht, diese Krisenerlebnisse von Alfie Seliger gemacht. Dann muss ich aber auch irgendwann diese Rolle aus meinen Erfahrungen kreieren. Insofern ist Alfie Seliger glaube ich, ein selbständiger Charakter geworden, der an manchen biographischen Ecken von Dani vielleicht kitzelt, aber nicht Dani Levy ist. Und ich finde es für den Film auch gar nicht so wichtig, was ich vorhin sagte, dass es ein Filmregisseur ist, sondern mich hat mehr interessiert, diesen Mann in der Krise zu spielen.

Ich wurde auch ein paar mal gefragt, wie hat man sich denn ans jüdisch sein als Schauspieler anzunähern? Das ist ja ne total blöde Frage. Das musst Du vielleicht machen, wenn Du wie bei „Alles auf Zucker!“ jüdische Rituale kennen musst, um wie Sebastian Blomberg, der den fanatischen Sohn spielt. Aber Alfie Seliger ist ein jüdischer Regisseur, der relativ unreligiös und ohne religiöse Riten zu Hause lebt, insofern ist das eine Ebene, die man nicht spielen muss. Und den jüdischen Humor, den Dani glaube ich hat, der steht ja im Drehbuch drin. Das muss ich ja nur auswendig lernen. (DL lacht).

Haben Sie hier noch etwas hinzuzufügen?

DL: Bei mir ist es ja nicht ganz so einfach, weil ein Stück weit Drehbuchschreiben ja auch mit Unterbewusstsein zu tun hat und es hat ja auch damit zu tun, intuitiv etwas zu schaffen.
Alfie Seliger ist eine fiktive Figur, die unabhängig von meiner eigenen Biogrpahie entwickelt wurde. Alfie wird auf eine Reise geschickt, die ich so nicht erlebt habe.

Eine letzte Frage, die im Grunde nicht direkt mit dem Film zu tun hat, sondern nochmal auf den Humor zurückkommt. Thilo Sarrazin ist ja momentan in aller Munde. Welche Macht hat Humor? Wie weit geht Humor, kann man z.B. rassistischen und dummen Aussagen und pseudo-Argumenten von Thilo Sarrazin überhaupt noch mit Humor begegnen? Oder hört Humor hier auf?

DL: Ne, ich glaube, da ist Humor echt auf den Plan gerufen. Rassisten und Idioten kann man am Besten mit Humor begegnen meiner Meinung nach. Im Großen und Ganzen finde ich ist Humor schon ein sehr großes politisches Mittel und auch ein Handwerkezeug. Also Kabarettisten und Humoristen, Cartoonisten, Karikaturisten kamen in jeder Zeit hervor, in jeder Diktatur waren die die Gefürchtetsten, weil beliebt im Volk. Natürlich hat Humor eine unglaublich subversive Kraft und die wurde auch immer von allen Diktatoren – egal wer – gefürchtet wie das Weihwasser. Das ist auf jedenfall eine gute Möglichkeit, um Idiotie in einer Gesellschaft oder einem politischen System – wenn man denn überhaupt die Möglichkeit hat, etwa zu tun, das war ja in bestimmten Perioden lebensgefährdend. Also ein Witz über Hitler zu machen konnte Dir den Kopf kosten, selbst wenn es in der Kantine eines Theaters war.

MH: Was mich unglaublich ärgert, ist dass Sarrazin mit seinen pseudowissenschaftlichen Thesen über angebliche Juden- und Basken-Gene hervortritt und damit Werbung für sein Buch machen will und es auch noch schafft.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Jennifer Borrmann (31.08.2010)

 

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