I’m gay and I’m your son – Rezension zu „Der verlorene Sohn“

22 Feb

Filme über die katholische Kirche kennen wir zu genüge – nicht erst seit Hitchcocks legendärem „Ich beichte“, in dem ein von Montgomery Clift verkörperter Priester in einen Mordfall verstrickt wird. In der heutigen Gesellschaft gibt es immer vermehrt Themen, die uns – egal ob als Studenten, Berufstätige oder Privatpersonen und auch im Zusammenhang mit der Kirche – tagtäglich immer mehr beschäftigen. Gerade wir Studierenden reden sehr oft über ein Thema: Gender! Darüber gibt es in den letzten Jahren unzählige Filme, die dies ansprechen. Aktuell läuft der zweite Spielfilm „Der verlorene Sohn“ (OT: Boy Erased) des Schauspielers Joel Edgerton im Kino, der sich genau dieser Thematik nach der Biographie von Garrard Conley annimmt und auch weitere, schlimme Tatsachen ans Tageslicht kommen lässt.

© UPI

Stell dir vor, du bist ein junger Mann, dein Vater ist Pfarrer und du selbst merkst an der Uni, dass du verstärkt etwas für Männer empfindest. Das kommt gerade beim Vater nicht gerade gut an, so auch bei dem von Jared, der seinen Eltern von der brutalen Vergewaltigung durch seine College-Liebe Henry sowie dem Aufeinandertreffen mit dem homosexuellen Künstler Xavier erzählt und dessen alter Herr sehr geschockt und schlussendlich konsequent darauf reagiert, in dem er seinen Sohn zu „Love in Action“ schickt – einer Konversionstherapie, in der Homosexuelle umgepolt werden sollen, um nicht komplett von ihrem Glauben abzukommen. Denn sowohl Jareds Vater als auch Victor Sykes, Leiter von „Love in Action“, stehen zu ihrer Aussage, dass Jared durch seine Homosexualität nicht mehr an die Werte des Christentums glaubt und nur durch diese Konversion wieder zu sich selbst finden kann. Die ständige Diskussion, ob man schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell sein darf – und das merkt man dem Film an – ist Regisseur Joel Edgerton sehr wichtig. So hat man auf der einen Seite die Mutter (großartig gespielt von Nicole Kidman), welche ihren Sohn auch dann lieben würde, wenn er homo- oder bisexuell wäre und alles daran setzt, dass er aus dieser Therapie aussteigt und auf der anderen Seite den gläubigen Vater, der der festen Überzeugung ist, dass die Denkweise seines Sohnes der kirchlichen Gemeinde erheblich schaden und er so nicht mit ihm unter einem Dach leben kann. Man sieht perfekt, wie heftig noch heute die Debatte um diese Konversionstherapien, welche tatsächlich auch in Deutschland nachgewiesen sind, geführt wird und kann selbst kaum glauben, dass in den USA diese stark umstrittene Methode immer noch praktiziert wird. Allein am Charakter des Victor Sykes kann man erkennen, wie sehr diese „Lehrer“ für ihre „Schüler“ gekämpft haben, um diese zu bekehren. Privatsphäre für die Gepeinigten? Fehlanzeige! Dies zeigt vor allem die Szene, in der Jared in seinem abgegebenen Notizblock entdeckt, dass dort eine Seite ausgerissen wurde, obwohl diese nur – so Jared – eine einfache Geschichte von zwei Personen beinhalte. Sykes jedoch vermutet direkt, dass es sich dabei um eine Geschichte von zwei Homosexuellen handelt und mahnt seinen „Schüler“, solche Dinge in seinem Haus zu unterlassen. Es zeigt die Strenge und Härte, wie dort diese Menschen psychologisch zu einem Wrack abgefertigt, ja sogar zu unkonventionellen Taten wie Selbstmord gezwungen werden. Der Gipfel an diesen Konversionen ist schließlich, dass die Eltern sehr viel Geld (Vermutungen nach bis zu 5.000 Dollar) für zwölf Tage Therapie zahlen müssen. Dabei ist es doch meiner Ansicht nach einfacher, das Kind zu Hause auf eine vernünftigere Art und Weise wie alltägliche Gespräche von ihrer Denkweise abzubringen. Am besten jedoch lässt man sie einfach in Ruhe und homosexuell sein, denn ein jeder Mensch hat seine Daseinsberechtigung, egal wen und wie er liebt. Dass dies viele Leute in der aktuellen Gesellschaft jedoch anders und ihre Glaubensrichtung wie Jareds Vater dadurch verletzt sehen, kann so oder so kritisiert werden – auf eine Meinung wird man aber nie kommen. Kommen wir nun zu den weiteren Darstellern. Hierbei ist vor allem Lucas Hedges als Jared stark hervorzuheben. Er spielt diese Figur so glaubwürdig und souverän, sodass man selbst als hartgesonnener Mann die ein oder andere Träne verdrücken muss. Ein Schauspieler, der zuletzt in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, „Ben is back“ und dem großartigen „Manchester by the Sea“ zu sehen war und bei dem man ohne wenn und aber sagen kann, dass ihm und auch einem Timothée Chalamet die Zukunft sowie irgendwann einmal ein Oscar sicher ist. Auch Russell Crowe als Jareds Vater nimmt man den strengen Pfarrer, der durch den Segen zweier Kollegen den Sohn zur Therapie zwingt, problemlos ab – man bekommt das Gefühl, dass er als normaler Weltbürger jahrelang nirgendwo anders als in der Kirche anstatt in der Schauspielbranche gearbeitet hat. Der Dialog am Ende zwischen Vater und Sohn, um wieder zum Film selbst zu kommen, macht den Befürwortern der LGBTQ-Bewegung Hoffnung, dass auch in Zukunft offener und ehrlicher mit dieser und der Thematik der umstrittenen Konversionstherapien umgegangen wird. Die Aussage „I’m gay and I’m your son“ von Jared selbst kann diese These nicht besser unterstreichen. Zu guter Letzt lässt es bei jedem nicht nur eine Träne im Auge, sondern auch ein Lächeln auf den Lippen als man im Abspann die Nachricht liest, dass gerade der kaltherzige und homophobe Therapeut, der im wahren Leben nicht Victor Sykes sondern John Smid heißt, heute mit seinem Ehemann zusammenlebt und somit auch homosexuell ist.

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