„Ich wollte einen Film machen, in dem Männer keine Funktion haben“ – Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“

29 Jun

SAM_4854 Die Idee für seinen neuen Film The Neon Demon bekam der in Kopenhagen geborene Regisseur Nicolas Winding Refn, als er eines morgens aufwachte und realisierte, dass er nicht mit Schönheit gesegnet ist. Seine Frau aber schon. „Ich fragte mich: Wie muss das wohl sein, schön zu sein?“, erzählt er einen Tag vor Filmstart im Lincoln Center New York.

In der Tat geht es in seinem neuen Werk ausschließlich um Schönheit. Die 16-jährige Jesse, die nach Los Angeles kommt, um Model zu werden, ist schön. Der Film stellt Schönheit als unverrückbaren Zustand dar: Entweder man ist mit ihr geboren, oder man wird sie niemals haben. Das müssen die drei Konkurrentinnen von Jesse erfahren, als sie neben ihr verblassen, unsichtbar werden. Jesse hat eine ungemeine Wirkung auf die Fotografen und Modedesigner, denen sie sich präsentiert. Eine ihrer Mitstreiterinnen fragt sie, wie sich das anfühlt, wenn man in einen dunklen Raum kommt und die Sonne ist. „Es ist alles“, antwortet Jesse kühl.

Lange Zeit wusste Refn nicht, wie er die Hauptrolle besetzen sollte. Keiner der bekannten Gesichter kam in Frage, und auch als er unbekannte castete, wurde er nicht fündig. Auf Vorschlag seiner Frau hin traf er sich schließlich mit Elle Fanning, die wie im Film nur 16 Jahre jung war. „Ich wusste nicht, wie ich überhaupt mit einer 16-jährigen reden soll. Zuletzt habe ich mit Ryan Gosling gearbeitet“, erzählt er dem Publikum in seiner trockenen Art. Der Entschluss, dass sie die richtige für die Rolle war, basierte letztendlich auf einem recht kurzen Wortwechsel. „Ich fragte sie, ob sie denkt, dass sie schön ist. Sie war etwas überrumpelt von der Frage, doch dann sagte sie: ‚Ja‘. Da wusste ich, sie ist es.“

Die Männerrollen – Karl Glusman als Jesses Freund, Keanu Reeves als Besitzer des Motels,  Charles Baker als Modedesigner und Desmond Harrington als Fotograf, verblassen hinter Elle Fannings Ausstrahlung und dem Neid der anderen Frauen. Die Figur des Modedesigners Mikey ist da noch die interessanteste von ihnen, aber auch er hat nur zwei kurze Auftritte. Dean, den Jesse allerdings nur als „friend“ und nicht als „boyfriend“ vorstellt, ist charakterlos, schwach und undynamisch. Naiv glaubt er an die innere Schönheit und bemerkt dabei nicht, dass es Jesses Äußeres ist, das ihn anzieht. Und je selbstbewusster Jesse wird, desto deutlicher wird auch, dass er in ihrer Welt nicht mithalten kann. Die Männer sind hier nichts als Randfiguren, die von der Schönheit der Frauen kontrolliert werden und durch sie schmerzhaft an ihre eigene unsichtbare Existenz erinnert werden. Der Fotograf verhält sich zwar überlegen gegenüber Jesse, ist aber letztendlich ein Niemand hinter der Kamera. Er ist im Dunkeln, während Jesse im Scheinwerferlicht steht. Mikey wählt Models für sein Label aus und glaubt, dadurch in einer Machtposition zu sein. Tatsächlich aber schafft Jesse es, ihn mit zwanzig Schritten, die sie mal eben aus dem Ärmel schüttelt, zu erobern, Macht über ihn zu haben. Er ist ihr erlegen. Sie ist der Star, der seine Bühne einnimmt.

„Ich wollte einen Film machen, in dem Männer keine Funktion haben“, sagt Refn. Die Männer in The Neon Demon seien das, was die Rolle der „Freundin“ in anderen Filmen darstelle: Charaktere, die keinerlei Einfluss auf den Plot haben und nur dazu da sind, die eigentlichen Hauptpersonen einzuführen und zu beschreiben. „Ich liebe Frauen. Ich denke, sie sind viel fortschrittlicSAM_4853her als Männer.“

Bei den Filmfestspielen in Cannes hat Refns Film wegen seiner brutalen und sexuellen Elemente für Aufsehen gesorgt und polarisiert, in Amerika läuft er unter der Bewertungskategorie „R“ (ab 17). Auch Refns vorherige Filme Drive und Only God Forgives strotzen vor Brutalität. In The Neon Demon aber nimmt Gewalt eine neue, sexualisierte Dimension ein. Bedrohung und Begierde vermischen sich, Blut wird zu etwas Ästhetischem. Dabei provoziert Refn allerdings nicht nur, er nimmt dem Horror-Genre auch den Wind aus den Segeln – etwa, wenn Jessie ihren blutüberströmten Oberkörper nach dem Fotoshoot lässig vor dem Spiegel reinigt oder wenn er die Gewalt stilistisch bricht, indem er ihr mit hartem Schnitt eine ohrenbetäubende Szene im Cabrio anfügt.

Als Grund für seine brutalen Filme nennt Refn den Wunsch danach, aus dem Metier seiner wohlhabenden Eltern auszubrechen. Noch effektiver sei Gewalt, wenn man sie sexualisiere. Denn Sex und Gewalt seien beides Urinstinkte, deren Kombination sie wirkungsvoller mache.

Ähnlich wie bei Drive legt Refn seinen Fokus hier weniger auf Dialoge sondern vielmehr auf Stimmung und Atmosphäre, was ihm durch visuelle Spielereien, kräftige Farben und einem synthetisch-surrealen Soundtrack gelingt. Statt einer Moralpredigt über die Modeindustrie mit Aufdeckungen skandalöser Machenschaften nähert er sich nur rein dieser Frage, die der Anstoß für den Film war: Wie fühlt es sich an, schön zu sein? „Es ist alles“, gibt er durch Jesse seine Antwort, aber es ist auch ein ungemein hartes, düsteres Leben. Denn abseits der kräftigen Farben dominiert im Film vor allem eines: Dunkelheit.

Dabei ist interessant zu wissen, dass Refn farbenblind ist und keine Zwischentöne sehen kann. Deshalb weisen seine Filme derart starke Kontraste auf. „Farbenblind zu sein ist eine wunderbare Sache“, sagt er. „Ich kann es nur wärmstens empfehlen“. Dem Ergebnis zufolge müssen wir ihm da wohl glauben.

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