Filmrisse

26 Feb

Ein paar Gedanken zu Filmen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe:

Spartacus von Stanley Kubrick

Anfang des Jahres sah ich im schönen Metropolis Kino in Hamburg Spartacus. Nur wenige Tage vorher war ich zu Besuch auf der Facebook-Seite von FPÖ-Chef Hans-Christian Strache, der im Info-Bereich unter anderem seinen Lieblingsfilm preisgibt: Braveheart. Nun Frage: Würde auch Spartacus als Lieblingsfilm für Strache taugen? Ich denke, nein, denn ihm fehlt das essentialistische Moment. Was ist damit gemeint? Unzusammenhängend mit meinem Kinobesuch erklärte mir ein Bekannter zufällig am Abend danach, was eine essentialistische Sichtweise ausmacht: Die Setzung oder das Ausfindigmachen eines unabänderlichen Kerns im betrachteten Objekt. Ein übliches Betrachtungsobjekt ist dabei ein Volk oder eine Nation. Die Schotten zum Beispiel mit ihrem unbezwingbaren Freiheitsdrang, der den Impetus bei Braveheart darstellt. William Wallace muss sein Volk in die Freiheit führen und die Engländer besiegen, um dem schottischen Wesen gerecht zu werden. Es genügt nicht, dass die Engländer die Schotten schlecht behandeln. Das ist bei Spartacus anders, denn der Sklavenaufstand richtet sich nur gegen die Verhältnisse. Ein Aufstand der Knechte gegen die Herren. Das nennt man wohl Klassenkampf. Und das ist nun mal das Letzte, an dem die Rechte interessiert ist.

Einen weiteren Unterschied bildet die Inszenierung der Schlachten. Es ist eine Weile her, dass ich Braveheart gesehen habe, aber ich erinnere mich an eine sehr lustvolle Inszenierung. Kriegsgeschrei und Blut und Ärsche. Die Entscheidungsschlacht bei Spartacus dagegen wirkt sehr technisch. Man sieht minutenlang aus der Totalen, wie die römische Armee langsam auf die von Spartacus zu marschiert und dabei unmotiviert wirkende Formationsmanöver vollzieht. Die Mienen der Aufständischen zeigen bereits eine gewisse Unsicherheit: Das sind viel zu viele Römer. Und auch bei den Römern sieht man keine Kampfeslust. Die Legionäre machen ihren Job. Dann treffen die Armeen aufeinander, viel langsamer, als ich das jemals in einem anderen Schlachtenfilm gesehen habe. Kurz lässt sich so etwas wie eine Strategie bei Spartacus‘ Armee erahnen und kurz denke ich, wie ich es eben aus anderen Schlachtenfilmen kenne, dass die aufgeht und die Unterdrückten zum Sieg trägt. Kurz flammt auch bei mir die Kampfeslust auf. Aber dann gewinnt einfach die größere Armee.

 

Sehnsucht von Valeska Grisebach

Für einen Artikel über German Mumblecore, den ich gerade schreibe, habe ich mir auch nochmal ein paar Berliner-Schule-Filme angesehen, denn es ist durchaus interessant, die beiden Bewegungen zu vergleichen. Unvermutete Verwandtschaft fand ich in Valeska Grisebachs Sehnsucht. Der Film ist komplett mit Laien gedreht und teilweise improvisiert, also ähnlich wie die meisten Mumblecore-Filme, die komplett improvisiert und teilweise mit Laien gedreht sind. Trotzdem ist deutlich zu erkennen, warum er der Berliner Schule zugeordnet wird: Keine komödiantischen Elemente, präzise und nüchtern im Stil. Erzählt wird von einem Bauern in einem kleinen Dorf, solide und freundlich, verheiratet mit einer schönen und lieben Frau, der sich beim Betriebsausflug mit der freiwilligen Feuerwehr in einem anderen Dorf in eine andere Frau verliebt, auch diese lieb, aber weniger hübsch als die eigene. In ihr Bett wirft ihn einer der schönsten Schnitte, an die ich mich erinnern kann: Er, alleine, betrunken, ekstatisch und ungelenk tanzend auf dem Feuerwehrfest, wo die besagte Frau kellnert, tanzend zu „Feel“ von Robbie Williams. Dann Schnitt: Er erwacht alleine im fremden Bett, das man erst gar nicht als fremdes erkennt. Er könnte auch zurück sein im home, that he lives in. Doch dann sieht man die fremde Frau. Und sein Leben ist aus den Angeln gehoben.

Er versucht in der Folge durchaus redlich, es wieder einzuhängen, aber die Anziehungskraft zur anderen Frau ist zu groß. Das ist umgekehrt nicht anders. Wie zwei physikalische Körper können sie der gegenseitigen Anziehung nicht entkommen. Trotzdem ist der Vorgang voller Leben, die Körper gerade keine Idealisierungen. Man sieht das Dorf, das Bäuerische in ihnen, dass sie viel gearbeitet haben. Solche Körper sind selten in Filmen zu sehen. Die meisten Körper sind kontrollierter. Selbstkontrolle und Bearbeitung des eigenen Körpers sind ja auch Teile einer Schauspielausbildung. Das ist nicht wertend gemeint, aber es führt eben zu einer Normierung. Wie dagegen in Sehnsucht das Gesicht von Anett Dornbusch unkontrolliert vor Leidenschaft bebt, das hab ich so noch nie in einem Film gesehen.

 

Der schöne Tag von Thomas Arslan

Nochmal Berliner Schule und nochmal Sehnsucht und Liebe, aber diesmal bleibt alles unter Kontrolle und ist trotzdem oder gerade deshalb sehr schön. Ein langer Tag: Die junge Schauspielerin Deniz trennt sich von ihrem Freund, hat ein Casting, geht ihrem Job als Synchronsprecherin nach. Am Morgen in der U-Bahn-Station treffen sich ihr Blick und der eines fremden, jungen Mannes. Im Verlaufe des Tages begegnet sie ihm ein weiteres Mal auf der Straße und wieder gibt es einen langen Blickkontakt. Und dann am Nachmittag begegnen sie sich noch einmal, als sie in die selbe U-Bahn steigen. Wieder gucken sie sich lange an, verziehen dabei keine Miene. Dann steigt sie aus und er hinterher, sie setzen sich in eine andere U-Bahn. Weiter beide mit sturer Miene. Im stillen Einverständnis verfolgen sie sich. Dann steigt er aus und ist plötzlich verschwunden. Sie geht in den Park, steht an einem Geländer vor einem Teich. Dann taucht er wieder auf und kommt hinzu. Sie fragt ihn lächelnd: „Hast du dich versteckt?“

Beim Gucken hab ich gedacht: Ein früheres Lächeln hätte alles kaputt gemacht. Die Spannung zwischen den beiden musste so lang aufrechterhalten werden. Das hat in zweierlei Hinsicht mit Kontrolle zu tun: Einerseits mussten die beiden ihre Gesichtszüge kontrollieren. Andererseits hätte ein zu frühes Lächeln eine falsche Kontrolle über die Situation suggeriert. Das Lächeln am Teich ist schließlich ganz entspannt. Es ist kein Bruch mit der Spannung, sondern sehr sanft und in gewisser Weise kontrolliert.

Es stellt sich dann im Gespräch heraus, dass der junge Mann eine Freundin hat, und die beiden gehen auseinander, ohne auch hier die Kontrolle verloren zu haben. Am nächsten Tag fängt Deniz ein Gespräch mit einer Frau im Café an. Die Frau ist Uni-Dozentin unterrichtet Geschichte des Alltags, wozu auch die Liebe gehört. Auf sehr sanfte Weise relativiert sie Deniz‘ Liebeskummer und lässt ihm doch seine Gültigkeit. Auf ihrem Tisch meine ich Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ zu erkennen. Auch dieser weiß bekanntlich sehr behutsam über die Liebe zu sprechen: https://www.youtube.com/watch?v=f3WtHgRApYE

Das Sprechen über Liebe hat wie kein zweiter Eric Rohmer auf Film aufgenommen. Und in der Tat enthält Der schöne Tag (mindestens) zwei Referenzen. Die eine ist diegetisch: Deniz synchronisiert gerade Rohmers Sommer. Die andere ist eine Gemeinsamkeit mit Der Frau des Fliegers. Auch dort begegnen sich eine junge Frau und ein junger Mann in einem öffentlichen Verkehrsmittel, einem Bus und gehen danach zusammen im Park spazieren, an einem Teich.

Den Film kann man bei der wunderbaren Filmgalerie 451 streamen: http://www.filmgalerie451.de/filme/der-schoene-tag/

 

Iron Man von Jon Favreau

Gestern Abend habe ich mit meiner Mitbewohnerin mal in der Blockbuster-Rubrik von Netflix gestöbert. Angeguckt haben wir uns dann Iron Man. Ich würde ihn so zusammenfassen: Es geht um extrem mächtige und reiche Männer, die trotzdem noch am liebsten Cheese Burger und Pizza essen, ja darin ihre Bodenständigkeit beweisen und ihre Loyalität zum American Dream. Ein feuchter Bubi-Traum.

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