Filmrisse

12 Jun

 

Mein letzter Filmtagebuch-Eintrag aus dem Cottbuser Stadtmagazin

So much for: Films can’t change the world…

Wer ist wohl der einflussreichste Filmemacher unserer Zeit? Einer meiner Facebook-Freunde meinte letztens, das sei Stephen Bannon, der berüchtigte Berater von Donald Trump. Der war früher nicht nur Chef von Breitbart News, sondern hat in den letzten 13 Jahren auch neun Dokumentarfilme gemacht (Zählung nach IMDB). Ich empfand schon seit einiger Zeit eine morbide Faszination für diesen Mann, nachdem er in einem viel zitierten Interview mit der Zeitschrift Hollywood Reporter geäußert hatte: „Finsternis ist gut. Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist Macht.“ Diverse dämonisierende Zeitungsartikel und Fotomontagen verstärkten noch die Anziehung der Dunklen Seite. Darin lässt es sich weiß Gott wohlig suhlen.

Photo by Derek Redmond and Paul Campbell

Die sprichwörtliche Taschenlampe zu nehmen und zumindest mal einige Stellen in der Dunkelheit zu beleuchten, ist mit Risiko behaftet. Dabei können Dinge zum Vorschein kommen, auf die man nicht vorbereitet ist und die man nicht einzuordnen weiß. Wie unbequem das sein kann, merke ich gerade daran, dass ich mich seit Tagen mit diesem Text quäle. Als Mutmacher hatte ich dabei häufiger einen Ausspruch im Kopf, den der große japanische Regisseur Akira Kurosawa mal seinem Bruder zugeschrieben hat: „Wenn du nicht hinsiehst, bekommst du Angst. Wenn du dir alles genau ansiehst, brauchst du keine Angst zu haben.“ Das hat sich in meiner Erfahrung schon mehrfach bewahrheitet.

Angst hat viel mit prognostizierter Hilflosigkeit zu tun, glaube ich. Also, dass man davon ausgeht, dass es keinen rettenden Anker geben wird, egal wo man hinguckt. Dann ist es naheliegend, die Energie für den Augenaufschlag lieber zu sparen, in der Hoffnung, es möge noch ein Weilchen gut gehen. Allerdings gewährt man dem Übel dadurch Zeit sich auszubreiten. Bannon selbst sagt das im Hollywood Reporter klipp und klar: „Es hilft uns nur, wenn sie falsch liegen. Wenn sie blind dafür sind, wer wir sind und was wir tun.“

Zum Augenöffnen wird häufig in brachialer Weise aufgerufen. Leute erzählen, wie ihnen plötzlich alle Zusammenhänge klar wurden, und versprechen das auch anderen. Ein einzelner Text oder Film soll dann die ganze Welt ins Licht rücken. Aber wenn alles hell ist, ist es das gleiche, wie wenn alles dunkel ist: Man sieht gar nichts mehr. Der Blick ist auf Kontraste angewiesen. Die Ausleuchtung ist immer fragmentarisch, der Blick immer Stückwerk. Wer niemals die Augen zu macht, wird bald erblinden.

In den letzten Wochen habe ich mir zwei Mal Bannons Film Generation Zero angesehen, in dem es um die Ursachen der Finanzkrise von 2008 geht. Den Rahmen gibt eine Theorie der Historiker William Strauss und Neil Howe, die einen steten Zyklus in der amerikanischen Geschichte beschreibt, der sich über vier Generationen oder vier Phasen erstreckt: Hoch, Erwachen, Auflösung und Krise. Die letzte Krise war der Zweite Weltkrieg, die nächste steht vor der Tür. Diese Apokalyptik deckt sich mit Bannons anderweitig getätigten Kriegsprognosen. Aber wieso überhaupt analysieren, was zwischendurch geschah, wenn der Ausgang eh schon klar ist? Der Film macht es trotzdem.

Photo by Derek Redmond and Paul Campbell

Es ist auf der Bildebene eine collagierte Erzählung, assoziativ, fragmentarisch und poppig. Es gibt Archivaufnahmen, die wichtige historische Ereignisse oder den jeweiligen Zeitgeist zeigen, Filmausschnitte, Fernsehbilder. Manches wirkt wie Found Footage, das meiste jedoch mehr gesucht als gefunden, als hätte Bannon sich exzessiv bei Microstock-Agenturen bedient: Haifische, Lawinen und faulendes Obst illustrieren Gefahr, Katastrophe und Verfall. Dazwischen sind, in den (wahrscheinlich) einzigen Originalaufnahmen des Films, einschlägige rechts-konservative Kommentatoren zu sehen, die die Bilder einordnen und die Geschichte erzählen.

Diese geht ungefähr so: Die 68er sind an allem schuld – und vorher waren alle Menschen froh. Sie seien froh gewesen, nicht in erster Linie weil sie hetero oder gottgläubig waren, sondern weil sie noch gesund wirtschafteten. Das ist der quasireligiöse, positive Bezugspunkt des Films: ein reiner Kapitalismus. Christentum und family values geben der Heiligung des Unternehmens nur das Fundament. Dieses Fundament nun sei von der Woodstock-Generation ausgehöhlt worden, denn die satten Kinder der Nachkriegsgeneration hätten den Arbeitsethos, der ihnen ihr sorgenfreies Leben erst ermöglichte, über Bord geworfen und ihn durch individuelles Glücksstreben und Narzissmus ersetzt. Und auch die Regierungen seien mitschuldig, weil sie den Markt durch zu viele Regulierungen aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Bannons, ebenfalls im Hollywood Reporter stehende, Selbstcharakterisierung als Wirtschafts-Nationalist scheint mir durchaus zutreffend.

Ich erinnere mich, dass mich einmal vor ein paar Jahren eine Äußerung eines Fox-News-Moderators irritiert hatte, dass das Recht auf Scheitern nicht abgeschafft werden dürfe. Zwischen all der Bigotterie war das die einzige Aussage, die mich stutzig machte. Dieser Gedanke bildet auch einen Fluchtpunkt des Films. Es heißt: Kapitalismus ohne Bankrott sei wie Religion ohne Hölle. Es gebe Sozialismus für die ganz Armen und die ganz Reichen – und Kapitalismus für alle anderen. Die Regierung habe das Risiko abgeschafft.

Viel Risiko geht Bannon mit seinem Film indes nicht ein – zumindest in der Hinsicht, dass man ihn auch anders verstehen könnte. Neben den erwähnten Suggestivbildern und dem Kommentar, zeigt sich das an zwei weiteren Aspekten der Tonspur. Zum einen fehlt bei den collagierten Bildern fast immer der Originalton. Insbesondere sind zwar häufig verschiedene Politiker am Rednerpult zu sehen, aber fast nie zu hören – Originalaufnahmen geben jedoch immer eine gewisse Deutungsfreiheit, meine ich. Zum anderen ist der ganze Film mit erbarmungsloser Spannungsmusik unterlegt. Als ich ihn gegen Ende einmal unterbrochen habe, hatte ich das Gefühl, meine Ohren hätten seit einer Stunde nicht geatmet.

Die Ohren sind für das Gleichgewicht zuständig und sie trügen nicht, dass dieser Film ein Problem damit hat. Nicht dass ein Film immer alles gleich gewichten müsste, aber hier hängt die Waage der Gerechtigkeit stark nach innen, Stichwort Selbstgerechtigkeit. Der Film kritisiert pauschal, dass die 68er-Bewegung nichts Gutes an ihren Eltern und der Gesellschaft der 50er-Jahre erkennen konnte, was bestimmt nicht ganz falsch ist. Genauso kann der Film aber selbst nichts Gutes an den 68ern erkennen, ignoriert völlig, dass diese Generation nicht nur Individualismus, sondern auch neue kollektive Formen hervorgebracht hat. Und der Film weiß auch nichts von der Musik, die einem das Leben erst lebenswert machen kann. Wenn man das aus der amerikanischen Kultur abzieht, was bleibt dann noch? Eine Äußerung Meryl Streeps aus ihrer Anti-Trump-Golden-Globe-Rede entlehnend: Football und Mixed-Martial-Arts. Es scheint mir, als würde sich darin leider auch der obige Begriff des Scheiterns erschöpfen: im Wettbewerb.

Jetzt hat Bannon also gewonnen. Wie bedeutend seine Filme dafür waren, kann ich nicht einschätzen. Sie weisen jedoch als Teil einer beharrlichen propagandistischen Bewegung auf einen Unterschied zwischen rechtem und linkem Filmschaffen (links ganz allgemein verstanden als politische Position, die von einem Gleichheitsideal ausgeht).  Ein rechter Filmemacher kann seinen Stiefel knallhart durchziehen, ein linker dagegen muss abwägen. Ein rechter kann sich auf die richtige Seite der Geschichte stellen, ein linker muss sich gewahr sein, dass er selbst mittendrin steckt. Ein rechter kann einfach gewinnen wollen, ein linker muss eine Vorstellung von einem guten Leben trotz allem entwickeln.

Photo by Derek Redmond and Paul Campbell

Generation Zero war noch keine zehn Minuten alt, da hatte ich einen konkreten Vergleich im Kopf: Collagierte alternative Geschichtsschreibung in Filmform macht auch Adam Curtis seit vielen Jahren für die BBC. Und in seinem Opus magnum The Century of the Self (siehe YouTube) ist außerdem eine Episode dem Verhältnis von Kapitalismus und Woodstock-Generation gewidmet. Die Sicht auf den neuen Individualismus der 68er-Bewegung deckt sich weitgehend, doch wird er von Curtis in seinem ideengeschichtlichen Zusammenhang untersucht, während er von Bannon kurz und knapp mit dem bloßen Überdruss am Wohlstand begründet wird. Die Analyse des Verhältnisses zum Kapitalismus fällt jedoch gänzlich verschieden aus. Für Curtis gibt es keinen guten Kapitalismus, der durch die 68er korrumpiert wurde, aber es gibt auch umgekehrt keine wahre Befreiungsbewegung, die durch den Kapitalismus vergiftet wurde. Die Ideen passen sich an und entwickeln sich weiter. Wer auf der richtigen Seite steht, das ist in dieser komplexen Lage nicht klar.

Jetzt kann man durchaus fragen: Gibt es denn etwas, für das Curtis einsteht? Bannon steht ja wenigstens für etwas, für Kapitalismus und Nationalismus. Ich glaube schon und würde es als die Hoffnung benennen, dass ein gutes Leben außerhalb von einfachen Sinnzusammenhängen möglich ist, oder auch der Glaube, dass es nur dort möglich ist – in der Komplexität.

So much for: Films can’t make my day…

Meine Stimmung ist mir in ihrer Komplexität fast immer ein Geheimnis, aber ich bin doch in letzter Zeit recht aufmerksam, welche Auswirkungen Filme auf sie haben. Zum Beispiel war ich neulich in Berlin in La La Land und habe den Film durchaus genossen. Die Romantik war gebrochen und echt, die Inszenierung anziehend und stilvoll. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten und mitgelacht, doch als ich aus dem Kino kam, war ich nur bedingt kommunikationsfähig und am Abend auf einer Party ziemlich neben der Spur. Das kann natürlich auch andere Gründe gehabt haben, und bestimmt war der Film nicht der einzige, aber ich dachte doch Folgendes: Dass dieser Film eine Art Ersatzerlebnis war. Dass ich meine Wünsche von einem romantischen Leben da auf der Leinwand gesehen habe.

Im Gegensatz dazu ging es mir schon mehrmals richtig gut, nachdem ich Filme gesehen hatte, die man landläufig als krank bezeichnen würde. Letztes starkes Beispiel dafür war Visitor Q von Takashi Miike, der ein Aufgeben jeder Haltung und einen menschlichen Absturz bis hin zum Leichenfick zeigt. Also definitiv etwas, das ich mir für mein Leben nicht wünsche. Die Menschen auf der Leinwand müssen da etwas durchmachen, das mir hoffentlich erspart bleibt. Nach dem Film hatte ich ein sehr gutes Kneipengespräch. Das beweist nichts, aber doch: Ein Film, der Krankes zeigt, kann gesund machen und umgekehrt.

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