The Lobster

Zwei Makel ergeben ein Ganzes –

Yorgos Lanthimos‘ „The Lobster“

 

Bindung um der Bindung willen? Geplant und emotionslos? Kann das funktionieren?

Das behauptet zumindest die Einrichtung, in die sich David (Colin Farell) begibt, nachdem ihm seine Partnerin offenbart, dass sie einen anderen liebt. Und dass er darüber doch bitte nicht traurig sein soll.

Die Regeln lauten: Innerhalb von 45 Tagen hat man einen Partner beziehungsweise eine Partnerin zu finden. Gelingt das nicht, wird man in ein Tier seiner Wahl verwandelt – der Protagonist entscheidet sich für einen Hummer. Im Tierreich hat man dann erneut die Chance, sich auf Partnersuche zu begeben. Wenn sich ein Paar findet, bekommt es zwei Wochen Zeit miteinander. Läuft alles gut, darf es zwei weitere Wochen auf einer Yacht leben. Bei „unüberwindbaren Konflikten“ bekommt es ein Kind zugewiesen – dieses löse das Problem meistens, so die Leiterin der Einrichtung. Übersteht das Paar auch diese Zeit, darf es zurück in die Stadt und sich dort ein gemeinsames Leben aufbauen.

Wenn man Davids Leben in der Einrichtung beschreiben will, weiß man nicht recht, wo man anfangen soll. Da sind die seltsamen Präsentationen, die zeigen sollen, dass man alleine wertlos ist und gefährlich lebt – man könnte beim Essen ersticken oder als Frau von einem Mann belästigt werden. Die Vorträge von Bewohnern, die ihre Geschichte erzählen und ihre „bestimmende Eigenschaft“ schildern – wobei das keinesfalls herausstechende, positive Merkmale sind, sondern Makel wie ein hinkendes Bein oder ständiges Nasenbluten. Die Tanzabende, an denen alle Frauen das gleiche gruselige Blumenkleid tragen, das nach einem verblichenen Vorhang der Großeltern aussieht. Oder die Jagd-Ausflüge, bei denen jeder versucht, möglichst viele Personen des eigenen Geschlechts im Wald zu Fall zu bringen. Die Anzahl der Trefferfolge wird zu den 45 Tagen Aufenthalt hinzuaddiert – eine Verlängerung der Frist also.

Die Hotelmanager sollen als Beispiel für das perfekte Paar vorangehen. Sie machen allerdings beide den Eindruck, als hätten sie noch nie in ihrem Leben gelacht. Oder zumindest nicht, seit sie ein Paar sind. Allgemein ist der Faktor Spaß nicht Bestandteil des Programms. Aber es versucht auch niemand, auf Eigeninitiative hin Spaß herbeizuführen oder freudebringende Tätigkeiten auszuführen. Die Suche nach dem Partner scheint eine ernste, die ausschließlich dem Ziel dient, nicht ein wertloses Single-Leben zu führen. Die Liebe existiert nicht in den Anlagen dieser Unterkunft. Denn die Liebe ist es, die die Bewohner kaputtgemacht hat.

The Lobster zeigt Menschen, die verletzt wurden und die daraus resultierende Einsamkeit nicht ertragen. Sie wollen ihre Trauer nicht konfrontieren und haben panische Angst vor erneuten Zurückweisungen. Ihre Konsequenz aus den Qualen der Liebe ist, die Liebe vollkommen aus ihrem Leben zu verbannen. Sie wollen Sicherheit. Und sie wollen sie sofort. Keine Spielchen, keine Seitensprünge, keine Scherze. Keinen Spaß.

Aber ist die Bindung eine erfüllende, wenn sie erzwungen ist? Ist das Konzept der Partnerschaft noch erstrebenswert, wenn der emotionale Bezug fehlt? Ist es nicht die Liebe, die Eigenschaften wie Rücksichtnahme, Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Altruismus erst möglich macht? Bindung schützt vor Verrat nicht, wenn diese Bindung keine ehrliche ist – das erfahren wir, als ehemalige Bewohner in die Einrichtung eindringen und den Hotelmanager zwingen, auf seine Frau zu schießen. Er drückt ab – doch die Pistole war nicht geladen. In diesem Moment wird sowohl dem Zuschauer als auch dem Paar klar, dass all der Zusammenhalt, ja die gesamte Partnerschaft reine Heuchelei war. Denn wer im Zweifel seinen Partner erschießen würde, der gesteht letzten Endes nicht anderes, als dass ihm dessen Leben nichts wert ist. Und wofür dann die Partnerschaft?

Das irrationale Suchen nach einem Menschen, der die eigene „bestimmende Eigenschaft“ teilt, ist der Versuch, die Partnersuche zu vereinfachen, auf nur einen einzigen Faktor zu reduzieren. Denn wenn Liebe keine Rolle spielt, und Spaß keine Rolle spielt, muss man ja irgendwie zueinander finden. Nur ist es äußerst fragwürdig, ob es sinnvoll ist, wenn eine Person mit ständigem Nasenbluten einen Partner hat, der ebenfalls ständig zum Taschentuch greifen muss. Oder, noch schlimmer: Der sich regelmäßig den Schädel einschlägt, um ebendieses Nasenbluten herbeizuführen.

Auch David klammert sich, als er sich schließlich wirklich verliebt, geradezu besessen an die Eigenschaft, die sie beide teilen: Kurzsichtigkeit. Als ein anderer Mann sich seiner Angebeteten nähert, wird er rasend vor Eifersucht und hat panische Angst, auch dieser könne kurzsichtig sein und damit genauso gut zu ihr passen. Das Ende des Films, das ich hier nicht verraten möchte, zeigt erneut Davids unerschütterliches Beharren auf diesen Makel, der sie verbindet und die Angst, mit dem Schwinden dieser Gleichheit wäre auch ihre Bindung nicht mehr gerechtfertigt.

Es ist der Wunsch nach kompletter Kalkulation der Liebe, der sich hier beobachten lässt. Eine mathematische Gleichung, die aufgeht, wenn bestimmte Faktoren stimmen. Eine Aussagenlogik: Wenn A, dann B. Wenn wir beide kurzsichtig sind, dann gehören wir zusammen und nichts kann unsere Liebe erschüttern – das ist die Überzeugung, nach der David lebt. Auch wenn es ihm nicht bewusst ist, wurde er von den Behauptungen und Versprechen der Einrichtung indoktriniert. Er glaubt, mit der kurzsichtigen Frau einen besseren Weg gegangen zu sein, doch letztendlich ist ihre Beziehung nicht mehr und nicht weniger als das Ergebnis einer Sehnsucht nach körperlicher Nähe, einem Wunsch nach Intimität in einer rauen, kaltherzigen Umgebung. Sie hätte auch ohne eine gemeinsame Eigenschaft stattgefunden, und kann trotz ihr scheitern.

Damit kommentiert der Film die gegenwärtige Herangehensweise an die Liebe in der modernen Gesellschaft: Online-Partnerbörsen, unzählige Anleitungen zur perfekten Beziehung in den Medien und der Wunsch nach Optimierung und Effizienz in allen Lebensbereichen bewirkt eine Theoretisierung und Über-Analyse der Liebe – eine Beziehung wird oft erst eingegangen, wenn alle Eventualitäten durchdacht wurden und ein Fazit gezogen wurde, bevor man die andere Person überhaupt richtig kennenlernen konnte. Man ist nicht bereit, Zeit in eine Partnerschaft zu stecken ohne sicheren Nutzen. Die Gesellschaft versucht, Partnerschaften zu planen, wie sie ihre Karriere plant: Eine Leiter, die es zu erklimmen gilt, an deren Spitze die entsprechende Belohnung für die investierte Zeit bereitsteht. Früher hat man sich verliebt, geheiratet und dann weitergesehen. Manchmal ist man dabei auf die Nase gefallen. Heute lernt man jemanden kennen, nimmt ihn genauestens unter die Lupe, klärt die Fronten, berechnet, ob die Gleichung aufgeht – und gestattet sich dann eventuell, sich zu verlieben. Das ist zugespitzt dargestellt, aber diese Tendenz spricht The Lobster an. Nicht Liebe ohne Rücksicht auf Verluste, sondern Liebe nur, wenn Verluste ausgeschlossen werden können.

Ein origineller, erschütternder Film, bei dem man nach Verlassen des Kinosaals das Gefühl hat, vor einem großen Puzzle zu stehen. Er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Aber er regt dazu an, all die Puzzleteile ordnen zu wollen und aus Brutalität, trockener Erzählweise und abstrusen Lebensentwürfen ein Gesamtbild zu erkennen.

Text: Lena Prisner, 23.06.2016