Findet Dorie

Mit „Findet Dorie“ gelingt Disney ein würdiges Sequel

 

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Die Nachfrage war groß: ein Teil der Schlange vor dem Kinosaal im Juni in New York.

13 Jahre mussten Fans des Clownfisches mit zu klein geratener Flosse und der vergesslichen Paletten-Doktorfischdame warten. Nun ist es endlich soweit: Dorie bekommt ihren großen Auftritt.

Wenn man ehrlich ist, hat die im Original von der Komödiantin Ellen DeGeneres und im Deutschen von Anke Engelke gesprochene Dorie dem eigentlichen Titelhelden schon immer ein wenig die Show gestohlen. Obwohl der Gag – ein nicht intaktes Kurzzeitgedächtnis –  immer derselbe ist, wird ihre liebenswürdige Verwirrtheit nie alt. Vor allem ihre bedingungslose Bereitschaft, Nemo trotz der dadurch entstehenden Hindernisse zu helfen, zeichnet ihren Charakter aus. Denn wer optimistisch ist, obwohl er alle paar Minuten von vorne anfangen muss, der ist wahrlich ein Optimist.

Den Sidekick zum Helden zu machen ist riskant und kann auch schiefgehen, wie man bei dem 2015 erschienenen Minions gesehen hat. Da musste man leider feststellen, dass ein albern klingender Sprachmischmasch, der aus dem Munde Tictac-förmiger Wesen kommt eben doch noch keinen guten Film garantiert. Was als Zwischensequenz witzig war, ist en masse irgendwann Repetition und bietet nicht genügend Stoff für 90 Minuten Film – zum selben Ergebnis würde man kommen, ließe man das Ice Age Hörnchen „Scrat“ eine Spielfilmlänge über die Leinwand rennen. Aber Dories tollpatschige Art reicht tatsächlich für zwei Filmlängen.

So haben die Regisseure zwar auf eine Fortsetzung der Geschichte gesetzt, den Fokus aber von Nemo auf Dorie verlagert. Das war ein kluger Handgriff: Statt Nemos Leben nach seinem Abenteuer oder gar ein weiteres seiner Abenteuer darzustellen, erfährt man mehr über die Hintergründe der Paletten-Doktorfischdame, die einen vielleicht schon im ersten Teil neugierig gemacht haben: Wo kommt sie her, und warum ist sie ganz alleine unterwegs?

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Das AMC Loews Kino in Manhattan.

Dories Suche nach ihren Eltern ähnelt der von Nemo im ersten Film – quer durch den Ozean, vorbei an mal mehr, mal weniger gefährlichen Meeresbewohnern und mit brenzligem Kontakt zur Menschenwelt. Ein ulkiges Gimmick ist dabei die Stimme von Sigourney Weaver, die von oberhalb der Wasseroberfläche kommt, und die Dorie fortan als ihre Freundin betrachtet – natürlich nicht wissend, dass diese eine bekannte Schauspielerin ist. Dieses Detail – ein Running Gag, von denen die Filmemacher sicher waren, er würde den „Final Cut“ nicht überleben – ist ein Wink an die Zuschauerfraktion, die mit Findet Nemo großgeworden ist und mit dieser Referenz tatsächlich etwas anfangen kann.

Findet Dorie ist nicht ganz so bunt, turbulent und originell wie sein Vorgänger, dennoch erfreut er sich einiger gelungener Charaktere, wie zum Beispiel einer kurzsichtigen Haifischdame, die von ihrem Kumpel vor Wänden im Becken gewarnt werden muss, oder zwei Robben mit britischem Arbeiterakzent (zumindest in der englischen Originalfassung). Neben dem Unterhaltungsfaktor wird aber auch mächtig auf die Tränendrüse gedrückt, und wenn man Dories Erinnerungsfetzen miterlebt (übrigens unwiderstehlich: ihr Anblick als Baby-Fisch mit riesigen Glubschaugen), dann wünscht man ihr von Herzen, dass ihre Suche erfolgreich ist.

Ein kurzweiliger Spaß, für Nemo-Nostalgiker und Neuentdecker gleichermaßen. Eines aber schafft der Film nicht: in uns die gleiche Sprachlosigkeit hervorzurufen wie es sein Vorgänger damals im Jahr 2003 schaffte, als er uns eine dermaßen farbenfrohe, turbulente Unterwasserwelt zeigte, die man so im Animationsfilm noch nicht gesehen hatte.

Text: Lena Prisner, 28.09.2016