Die letzte Sau

Endlich, hab ich gedacht, nimmt sich mal ein Spielfilm der Landwirtschaft an. Das Thema wurde in den letzten Jahren ja von vielen Dokumentarfilmen zum Teil sehr nachhaltig (z.B. Good Food, Bad Food) beackert, aber die Erzählung eines modernen Bauernschicksals war mir bislang nicht bekannt. Endlich, hab ich gedacht, weil nicht nur die Methoden der industrialisierten Landwirtschaft so weitgehend unsichtbar sind, sondern auch die persönlichen Schicksale, die damit einhergehen. Und schließlich stellen diese Leute unsere Lebensgrundlage her. Nun hat sich also der von mir für seinen Kohlhaas-Film geschätzte Aron Lehmann dem Thema angenommen und auch noch die Hauptrolle mit dem von mir wegen seines Schauspiels in Fado verehrten Golo Euler besetzt. Meine Erwartungen waren also groß.

Vorher hatte ich schon gelesen, dass es um den Bauern Huber geht, der mit seinem kleinen Hof nicht mehr mit den großen industrialisierten Wettbewerbern mithalten kann und nach ein paar Schicksalsschlägen und einem Meteoriteneinschlag die Flinte rausholt und auf Rachefeldzug geht. Vielleicht ein bisschen groß aufgetischt, so wirkte auch der Trailer, aber trotzdem war ich noch voller Hoffnung auf eine verschrobene und authentische Geschichte, die auch dem Klein-Klein des Bauernalltags Beachtung schenkt. Zumal Regisseur Aron Lehmann vom Ländle stammt.

Dort ist der Film auch angesiedelt, im fiktiven Dorf Speckbrodi (zweiter Auftritt übrigens nach Kohlhaas), wo sie breites Schwäbisch schwätzet. In dieser Hinsicht waren meine Erwartungen sogar noch einmal gesteigert worden, als ich mitbekam, dass die Erzählerstimme vom, um die komische Verwendung der schwäbischen Mundart sehr verdienten, Dominik Kuhn alias dodokay (z.B. Virales Marketing im Todesstern Stuttgart) stammt. Und da fängt die ganze Scheiße nun an, denn die Stimme aus dem Off nimmt gleich am Anfang des Films vorweg, wofür er doch eigentlich Bilder finden sollte, nämlich dass es dem Bauern Huber dreckig geht mit seinem kleinen Hof. Was das aber für einen Landwirt im Jahr 2016 bedeutet, das bleibt im Off wie die Erzählerstimme.

Im Eröffnungsdialog unterhalten sich Huber, eine befreundete Bäuerin und der örtliche Schlachter, als hätte die ganze Scheiße (jetzt die (film-)weltliche: Industrialisierung, Massentierhaltung, Wettbewerb, Entfremdung) gerade erst angefangen und würde nicht schon seit Jahrzenten so laufen. Mit solchen Infodialogen beginnt auch Til Schweiger seine Filme und leider geht es in dieser Richtung weiter. Und zwar als Road-Movie, denn der Huber fährt mit seiner Flinte, seiner letzten Sau und seinem Motorradgespann einfach los, ohne die Richtung zu kennen. Auf dem Weg begegnet er allerlei verschrobenen Gestalten. Darin ähnelt Die letzte Sau dem neuesten Film von Benoît Delépine und Gustave Kervern, Saint Amour, in dem Gérard Depardieu und Benoît Poelvoorde als Vater und Bauernsohn eine Odyssee durch Frankreich erleben. (Also doch noch ein weiterer Spielfilm über zeitgenössische Landwirte.) In all ihrer Verschrobenheit und Lächerlichkeit nimmt Saint Amour seine Charaktere doch immer ernst, weil er ihnen ein Innenleben schenkt, weil er sie an realen Problemen leiden lässt. Dagegen wirken die Personen in Die letzte Sau wie bloße Staffage, es fehlt an Charakterzeichnung und an Kommunikation. Gut, Bauer Huber ist halt der schweigsame Typ, aber es könnte ja auch ohne Reden kommuniziert werden, wird aber nicht, was dann eben zum worst case führt: Die Verbindung der Figuren entsteht nur über die Story.

Auch in Saint Amour treten die heutigen Zustände in der Landwirtschaft eher im Hintergrund auf, doch bilden sie eben auch nur den Hintergrund für die Hoffnungslosigkeit der Protagonisten, anders als in Die letzte Sau, wo sie handlungstragend im Off bleiben. Denn Bauer Huber schwingt sich zum Revolutionär auf, indem er in einigen Mastbetrieben die Tiere befreit. Vollkommen lächerlich wird der Film dann, als Huber auf einige militante Tierrechtsaktivisten mit High-Tech-Ausrüstung trifft und mit ihnen in einen weiteren großen Mastbetrieb einbricht. In einer Kammer schütten die Aktivisten Pulver (das wohl der Tiernahrung zugesetzt wird) auf den Boden und drücken ihre Gesichtern hinein, um sich den Tieren gleich zu fühlen. Als Huber das nicht mitmachen will, zwingen sie ihn mit Gewalt dazu. Konnte man dem Film bis dahin immerhin noch attestieren auf der richtigen Seite zu stehen, nämlich auf der von Tierrechtsaktivisten, gibt er für diesen finalen Gag auch noch seine Haltung preis.

Text: Max Becker, 17.10.2016