Songs from the North

The Loneliest Place on Earth – Locarno’14

 

Aus der real existierenden Versuchsanordnung von George Orwells »1984« – Nordkorea – erreicht das internationale Publikum des einmal im Jahr erschaffenen Mikrokosmos Festival del film Locarno die ganz eigenen Eindrücke der südkoreanischen Regisseurin Soon-mi Yoo mit ihrem Debüt SONGS FROM THE NORTH aus der Programmreihe Concorso Cineasti del presente. Fragen nach Führerkult und Vaterliebe, Wiedervereinigung und völliger Ausgrenzung des kleinen Staates zeigen auf bedrückende Art, dass die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion nicht nur in der Kunst lediglich marginal sein kann.

 

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Soon-mi Yoo: SONGS FROM THE NORTH © 67° Festival del film Locarno

 

Aus und über das Paralleluniversum Nordkorea schießen regelmäßig Raketen mosaikartiger Nicht-Informationen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Jeder Eindruck darüber wird von einer heutzutage nach jeglichen Fakten süchtigen, global sonst so vernetzten Gesellschaft aufgesogen wie beim Mikroskopieren einer Kuriosität, der gegenüber man zwischen Furcht und Herablassung mäandert. Der Voyeurismus auf den oft absurden nordkoreanischen Alltag nimmt dabei angesichts der extrem kargen Informationslage ein zwar verständliches, aber manchmal geradezu ignorantes Maß an.

»Why is North Korea the loneliest place on earth? A place with no history, just myths repeated from morning till night.« – Begleitet von abwechselnden Bildern eines diesigen, leeren Platzes in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang voller nie verstummender Lautsprecher einerseits und tonlosen Kriegsbildern aus Archiven andererseits, deutet dieser zwischenzeitliche Kommentar bereits an, mit welchen Maßstäben Nordkorea zu betrachten ist. Das Land wirkt wie ein wahr gewordenes Experiment von George Orwells »1984« – ein Vergleich, der seit Jahren auch für den westlichen Kontrollverlust des Rechtsstaats über Geheimdienste und Allmachtsphantasien demokratisch gewählter Amtsträger ermüdend, wenn auch nicht ganz abwegig, gebraucht wird. Was jedoch in dem winzigen, eingeigelten Land an totaler Pervertierung zwischenmenschlicher Werte in Jahrzehnten perfektioniert wurde, wirkt auf ein informiertes, aufgeklärtes Publikum in seiner verstörenden Dreistigkeit vor allem bitterernst-komisch.

Neutrale und kritische, recherchierte und gesicherte Informationen aus Nordkorea gibt es so gut wie keine. Der offiziellen Propaganda aus der durchgeknallten Quasi-Monarchie an der Spitze dieses Staates, aber auch den „Gegenberichten“ westlicher Geheimdienste, gegenüber stehen in Ermangelung journalistischer oder gar studierter Zeugnisse die subjektiven Eindrücke derer, die einen anderen als berichtenden Grund haben, sich in das Land jenseits der Sonderwirtschaftszone zu begeben. NGOs, sofern sie nicht schon erbost aufgegeben haben, essenzielle Staatsaufgaben der ignoranten Führung abzunehmen, vor allem aber geflohene Nordkoreaner – man denke etwa an Berichte über eines der offiziell nicht existenten Lager für politische Gefangene im Film CAMP 14 – TOTAL CONTROL ZONE – sowie wenige westliche Künstler, wie der kanadische Autor Guy Delisle und sein Comic PJÖNGJANG, gewähren winzige Einsichten in das abgeschottete Land.

Die südkoreanische Filmemacherin Soon-mi Yoo liefert mit ihrem Filmessay SONGS FROM THE NORTH dieser Tradition folgend und mit überraschend ähnlichen Alltagseindrücken wie beispielsweise Guy Delisle ein nicht uninteressantes, weiteres Stückchen, aus dem sich unsereins ein Bild von Nordkorea collagieren kann. Mit geschickten Schnitten, unterlegt mit kommentierenden Zwischentiteln wie in einem Stummfilm, sammelt sie Filmschnipsel aus Archivmaterial und eigenen Aufnahmen, die sie während dreier Aufenthalte in Nordkorea, natürlich ohne Drehgenehmigung und stets an ihren obligatorischen „Guides“ vorbei, machen konnte.

Da gibt es Raktentests und unterirdische Nuklearexperimente, Menschen am Straßenrand und Gruppen einfacher Schulkinder, absurde Museen voller Propaganda und Theateraufführungen ohne Kunst und umso mehr Politik, die in ihrem völlig übertriebenen Pathos sprachlos verstören. Ein Klassenprimus berichtet da denunzierend von der Schändlichkeit seines Vaters als wertloses Staatsmitglied, während seine Mutter aus unendlicher Freude über den bevorstehenden Auftritt des Jungen auf ebenjener Bühne vor Freude und Tränen in seinen Armen starb. Der religiös-perverse Personenkult um die Kim-Dynastie, allen voran dem „Eternal Father“ Kim Il-sung, der auch 20 Jahre nach seinem Tod de jure Präsident ist und als lebender „Vater“ respektiert wird, (z)ersetzt die privaten Beziehungen der Untertanen und entspricht auffällig dem unerbittlichen Herrschaftsanspruch aus Orwells Dystopie. Die staatlich organisierte Sekte wurde nach Auskunft der Regisseurin nicht unerheblich von den Titel spendenden Songs, die die Schöpfer dieses Staates sangen und auch im Film zu hören sind, gerade in den Anfängen der Revolution geprägt, und selbst sie als südkoreanisches Kind in Seoul sang früher Lieder von der lange noch erhofften Wiedervereinigung.

Diesem musikalisch etablierten „Vater“-„Liebe“-Wahnsinn, den Soon-mi Yoo zuerst für eine Art Krankheit hielt und erst später als bitter ernst gemeinte Hingebung zum Staat von ihr verstanden wurde, setzt sie einfache Bilder und ruhige Worte ihres eigenen Vaters entgegen, der als Kind verschleppt wurde und somit beide Seiten Aspekte weise kennen gelernt hat. Sie stellt ihm unter anderem auch die Frage nach einem vereinten Korea, zu der im übrigen mit Vorliebe fast verharmlosend das Beispiel DDR bemüht wird. Wenn, dann liefe alles über die Ökonomie, so ihr Vater, wobei mit fortschreitender Zeit und wachsenden Wohlstand einer jungen südkoreanischen Mittelschicht deren mitfühlender, ideeller Bezug zu den nördlichen Brüdern und Schwestern verloren gegangen und diesen nicht einsichtig sein dürfte, warum sie für eine geistig völlig verstrahlte Bevölkerung ihren Neu-Reichtum teilen oder gar aufgeben sollte. Diese einfache nordkoreanische Bevölkerung wiederum ist es auch, die von unsereins stets mit großen Augen und einem gewissen überwachenden Voyeurismus wie Labormäuse betrachtet werden, wenn sie beispielsweise lediglich die Straße überqueren, solange es nur im weißen Fleck Nordkorea passiert, aus dem nichts dringt außer den seltenen Fetzen, die Filme wie dieser zu uns tragen.

 

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Soon-mi Yoo: SONGS FROM THE NORTH © 67° Festival del Film Locarno

 

Der sympathischen Filmemacherin Soon-mi Yoo ist ein wichtiges Dokument in Form alter und aktueller bewegter Bilder gelungen, das so nur im geschützten Raum »Filmfestival« wahrgenommen und geschätzt werden kann. Mit einfachen Mitteln regt es einmal mehr zum Nachdenken über dieses außerirdisch-bizarre Land, über Film und Kunst an, und wurde am Ende nicht zu Unrecht mit dem Leoparden für das beste Debüt ausgezeichnet.

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SONGS FROM THE NORTH

USA / Südkorea / Portugal 2014 – 72 Minuten – DCP

Regie: Soon-mi Yoo

Kamera: Soon-mi Yoo

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Text: Antje Lossin (19.08.2014)Locarno’14