Pause / Schweizer Helden

Neues Schweizer Kino – Locarno’14

 

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Es lebe die Kunst – Komi Mizrajim Togbonou in SCHWEIZER HELDEN © 67° Festival del film Locarno

 

Auf dem kleinsten Filmfestival der A-Kategorie mitten im Tessin gab es selbstredend auch wieder lebendige Filmkunst der Helveten in Kurz- und Langform zu bestaunen. Durch viele Programmreihen hindurch, allen voran dem Panorama Suisse, aber auch den Wettbewerben des Pardi di domani: Concorso nazionale (PETIT HOMME, ABSEITS DER AUTOBAHN), Concorso internazionale (CURE – THE LIFE OF ANOTHER, L’ABRI) und Concorso cineasti del presente (THEY CHASED ME THROUGH ARIZONA) sowie auf der Piazza Grande, bekam das internationale Publikum sehr unterschiedliche Schweizer Produktionen nebst unzähligen Koproduktionen zu sehen. Die Filme PAUSE aus der französischsprachigen sowie SCHWEIZER HELDEN aus der deutschsprachigen Schweiz brachten dabei sowohl in persönlicher als auch in nationaler Hinsicht das ein oder andere Selbstbildnis ins Wanken.

 

TELL, ME

Asylbewerber spielen Wilhelm Tell – jenen Schweizer Nationalhelden, dem Friedrich Schiller einst ein dramatisches Denkmal setzte. So einfach wie brisant ist die Story von Peter Luisis, Richard Linklater mäßig über zwölf Jahre entwickeltes, integratives Theaterprojekt. Und so bewegt wie die Entstehungsgeschichte des Films, der im übrigen auf einer wahren Erfahrung beruht, ist auch der Weg, den die SCHWEIZER HELDEN bis zur Premiere nehmen.

Der Anfang, den die Heldin des Stücks, die einsame Schweizer Durchschnitts-Ex-Hausfrau Sabine, narrativ ins entsprechende soziale Paralleluniversum katapultieren soll, klingt ein bisschen nach Charles Dickens‘ Great Expectations: ein entflohener Häftling kreuzt ihren Weg und lässt sie über drei Ecken ins örtliche Asylbewerberheim stolpern – einer Welt, die ihr bislang nur vom medialen Hörensagen bekannt war. Um ihr Alleinsein während der Weihnachtstage vor ihren Sankt Moritz-Freundinnen und ihrem Ex-Mann, vor allem aber vor sich selbst wenigstens mit etwas Würde zu kaschieren, bietet sie ihre Arbeitskraft zur Beschäftigung der Asylsuchenden dar und findet eine Gruppe zusammen gewürfelter Kulturen mit desillusionierten, traumatisierten Flüchtlingen vor. Durch pure Improvisation wird die Idee zur – wegen mangelnder Deutschkenntnisse jedenfalls sprachlich einfachen – Umsetzung Wilhelm Tells geboren, während derer Sabine nicht nur aufhört, ihre Darsteller wie kleine Kinder zu behandeln, sondern auch lernt, deren Geschichten und sich selbst wieder ernst zu nehmen.

Die Bretter, die die Welt im Film bedeuten und die gegenwärtige Leinwand der Piazza Grande verschmelzen während der Vorführung zu einer seltsamen Einheit und hinterlassen bis zum Ende eine persönliche Entwicklung, die den Betrachter, weitab gängigen Culture-Clash-Quatsches a la Alles koscher, Allmanya oder Monsieur Claude und seine Töchter, anfangs herzlich lachen, schnell aber spüren lässt, dass hier eine jener Realitäten zu recht hervorgeholt wird, die eine homogene, weiße, reiche und verwöhnte Ego-Gesellschaft mit ihren gesättigten Scheinproblemchen so gern ausblendet.

SCHWEIZER HELDEN ist damit einerseits eine typische Piazza Grande-Wohlfühlkomödie, welche am Abend insbesondere bei Schweizer Produktionen immer besonders viele Einheimische anlockt, die aber andererseits – den Zuschauer einmal an die Leinwand gebannt – dann bitter ins Herz gegenwärtig zugespitzter Fragen trifft. Die Beziehung der Schweizer, aber auch aller anderen Europäer (!), zu jenen dringend Hilfe Suchenden, die täglich nicht nur abgewiesen, sondern in der Zwischenzeit verunglimpft und mit fragwürdigen Einwanderungsregeln entwürdigt werden, werden so „spielerisch“ in Erinnerung gerufen und zur Diskussion gestellt, ohne dass der Film explizit politisch sein will. Ein Lehrstück aus und über integrative Arbeit, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Übrigens: Besonders angetan hat es dem Publikum von Anfang an der vielseitige Schauspieler und Musiker Komi Mizrajim Togbonou (Punishment / Wilhelm Tell), der auch während des Festivals stets gut gelaunt war, sobald man auf ihn traf. Er spielte bereits 2008 in Christoph Schlingensiefs „Fluxus-Oratorium“ Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir mit und leitete neben vielen anderen Engagements in dessen Heimatstadt Oberhausen eine interkulturelle TheaterSpielWerkstatt.

 

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» … aber falls jemand fragt, ich hab‘ nichts damit zutun« – Heimspiel für Klaus Wildbolz in SCHWEIZER HELDEN © 67° Festival del film Locarno

 

 

« WER HAT DICH ABGEFÜLLT – POLANSKI? »

Auch ganz private Beziehungen sind ja so eine Sache. Sami, nüchterner, Saab fahrender Country-Musiker im Johnny Depp-Look, verlässt sich in unwichtigen Alltagsdingen gern auf andere. Seine Freundin Julia, eine coole und nichtsdestoweniger brilliante Juristin, bittet ihn nach vier programmatischen Jahren, die Sami selbst nach seiner letzten Beziehung als sinnvolles Haltbarkeitsdatum hierfür proklamierte, um eine Beziehungspause. Bestürzt sucht der selten aus der trottigen In-den-Tag-hinein-Fassung zu bringende Sami Rat bei seinem „ältesten“ Freund und Musikerkollegen Fernand, der als renitenter Lebemann-Greis seine Abende bei reichlich Wein und Gesang auf der Bühne, die Tage jedoch im Altersheim zubringt und Sami fortan in Sachen Weib berät. Als einfache Erklärungsversuche für den Knick in der Liebe scheitern, ist Sami gezwungen, sich diesmal um Julias willen Gedanken um seinen Stil zu machen.

 

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Baptiste Gilliéron als lockerer Teilzeit-Verlassener in PAUSE © 67° Festival del film Locarno

 

Was in der vertrauten, durch die Liebe zur Kunst verbundenen Freundschaft von Jung und Alt an die Charaktere Philip und Ike im Wettbewerbsfilm LISTEN UP PHILIP erinnert, erfährt in PAUSE sein liebenswerteres und mit finalem Sinn erfülltes Pendant. Die Story ist denkbar einfach gehalten, ebenso die Spannung, die ihre Wirkung bis zum Schluss jedoch nicht verfehlt. Aus oder Neustart – als Zuschauer leidet man mit Sami unter der Ungewissheit, wie die Dinge sich entwickeln werden. Die unaufgeregte, witzige und manchmal tragische Art sowie die Charaktere als moderne Individuen, die trotzdem nicht vergessen haben, dass ein Einander-Brauchen nichts mit Versagertum zu tun hat, macht aus PAUSE einer der besten Beiträge dieses Festivals. Mit eigens komponierten und neu interpretierten Songs, unter anderem vom Regisseur und Musiker Mathieu Urfer selbst, der bis 2003 Mitglied der Band Chewy war, reiht sich dieser nach Filmen wie The Broken Circle Breakdown, Good Vibrations oder auch jüngst Can a song save your life? zudem in eine neue, um hervorragend gezeichnete Stories und Figuren bereicherte Musikfilm-Welle der letzten Jahre ein.

Für einen bitter-süßen, besonderen Lacher, der die filmische Illusion kurz unterbrach, sorgte im übrigen ein Kommentar der Figur der Julia, nachdem sie Sami nach einer kurzen Drogen- und Sex-Eskapade zur Rede stellt: »Aha. Und wer soll dich abgefüllt haben – Polański?«Ob das selbigem, der just an diesem Piazza-Abend seinen Goldenen Leoparden entgegen nehmen sollte, wäre er nicht genau wegen dieser angespielten ollen Kamelle ferngeblieben, gefallen hätte, darf offen bleiben. Das Publikum jedenfalls nahm es locker, lachte herzlich auf und applaudierte noch einmal für den verhinderten Ehrengast.

 

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Alles im Griff – jedenfalls auf der Bühne, in Mathieu Urfers PAUSE © 67° Festival del film Locarno

 

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PAUSE  |  Schweiz 2014 – 82 Minuten – DCP

Regie: Mathieu Urfer

Drehbuch: Mathieu Urfer

Kamera: Timo Salminen

Darsteller: Baptiste Gilliéron, Julia Faure, André Wilms

 

SCHWEIZER HELDEN  |  Schweiz 2014 – 94 Minuten – DCP

Regie: Peter Luisi

Drehbuch: Peter Luisi

Kamera: Nicolò Settegrana

Darsteller: Esther Gemsch, Karim Rahoma, Komi Mizrajim Togbonou,

Klaus Wildbolz, Newroz Baz, Elvis Clausen

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Text: Antje Lossin, 21.08.2014Locarno’14