Interstellar

Spätestens seit The Dark Knight widmet sich Christopher Nolan nur noch den ganz großen Themen und hat sich damit zum Lieblingsregisseur eines informierten Filmpublikums aufgeschwungen, dessen Sachverstand die Bestenlisten auf IMDB und Moviepilot prägt und sich möglicherweise auch weitgehend auf sie stützt. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass solche Bestenlisten wenig Raum für Nischen lassen und dass sich in ihnen die Sehnsucht nach der ganz großen Geschichte niederschlägt. Vor allem fällt jedoch auf, dass die beiden Listen extrem amerikanisiert sind, die von Moviepilot sogar noch mehr als die von IMDB: Gerade einmal drei Filme aus den Top 50 sind nicht zumindest in den USA co-produziert. Einer von diesen hat immer noch einen amerikanischen Regisseur (Uhrwerk Orange) und einer einen amerikanischen Hauptdarsteller (Zwei glorreiche Halunken), lediglich M – Eine Stadt sucht einen Mörder keine direkte Verbindung nach Amerika.

Auch Interstellar, der neue Film von Christopher Nolan, ist extrem amerikanisch. Es geht um die Eroberung neuer Welten, weil die alte unwirtlich geworden und möglicherweise bald gar nicht mehr bewohnbar ist, aber vor allem nicht mehr zur Verwirklichung von Träumen geeignet scheint. Diese alte Welt ist ein von Sandstürmen zerrüttetes amerikanisches Wasteland, irgendwo in einer postapokalyptischen Zukunft angesiedelt. Cooper, von Matthew McConaughey als uramerikanischer Cowboy verkörpert, lebt mit seinen beiden Kindern und deren Großvater auf einer Farm und baut Mais an, die einzige Getreidesorte, die noch nicht von Seuchen dahingerafft wurde. Bereits in einer der Anfangsszenen wird gezeigt, dass Cooper mehr als ein gewöhnlicher Farmer ist, nämlich ein ehemaliger Raumpilot. Vielleicht deshalb vermag er kodierte, mittels Gravitation (genauer müsste man hier wohl sagen, mittels lokaler Veränderungen des Gravitationsfeldes) gesendete Nachrichten zu bemerken und zu entschlüsseln. Diese führen ihn zu einem geheimen Stützpunkt der inzwischen abgeschafften NASA. Die Menschheit hat das Träumen längst aufgegeben und selbst in den amerikanischen Schulbüchern wird die Mondlandung inzwischen als Hoax ausgegeben, um die Kinder davon zu überzeugen, dass der Beruf des Farmers in einer Zeit von Nahrungsknappheit sinnvoller ist als der des Ingenieurs. Fürs Träumen sind schlicht und ergreifend keine Ressourcen mehr vorhanden.

Nur im NASA-Geheimquartier wird noch geträumt von der Rettung der Menschheit durch die Umsiedlung auf einen anderen Planeten. Da trifft es sich, dass von einer unbekannten Macht (im Film bloß „they“ genannt) ein Wurmloch in die Nähe des Saturns platziert wurde, mit dessen Hilfe es bereits gelang, Raumschiffe in eine andere Galaxie zu schicken. Für eine letzte Mission wird nun Cooper – natürlich „der beste Pilot, den wir jemals hatten“ – kurzerhand direkt nach seinem schicksalhaften Auftauchen rekrutiert. Man hatte auf ihn gewartet, ohne dass er es wusste, und natürlich sagt er ja und muss sich daraufhin tränenreich von seiner jungen und hochbegabten Tochter verabschieden.

Von da an muss man nicht unbedingt hochbegabt, aber ein gut ausgebildeter Physiker sein, um beurteilen zu können, ob der Plot aus wissenschaftlicher Sicht einen Sinn ergibt. Es geht um Reisen durch Wurmlöcher, Zeitdilatation im Gravitationsfeld, Schwarze Löcher – die üblichen populärwissenschaftlichen Topoi. Das Fundament bilden Allgemeine Relativitäts- und Quantentheorie, die beiden großen physikalischen Theorien der Neuzeit, deren Zusammenführung auf die Weltformel sowohl in der filmischen als auch in der wirklichen Wirklichkeit noch aussteht. Letztendlich ist der korrekte wissenschaftliche Umgang aber nicht entscheidend, denn natürlich muss ein Science-Fiction-Film nicht akribisch einer wissenschaftlichen Logik folgen und kann dieser eine Traumlogik beimischen oder entgegensetzen, um so etwas zum Vorschein zu bringen, das in purer Science eben nicht gedacht werden kann.

Nolan bringt aus alledem jedoch nichts zum Vorschein außer biedere Hollywood-Klischees, obwohl oder eher weil er sich extrem viel vorgenommen hat, denn er reißt im Weiteren auch noch zahlreiche naturphilosophische, ethische und metaphysische Fragestellungen an und auf. Statt sich aber in eine dieser Nischen hineinzuwagen und zu sehen, was ihn dort erwartet, schlachtet er sie zum Teil in einem einzigen Nebensatz aus, bis nur noch ein fader Brei übrig ist, in dem alles alles bedeuten kann. Da ist Nolan ganz bei seinen Bestenlisten-Fans, denn es fehlt der Mut zur Lücke, getrieben von der Sehnsucht alles auf einmal zu erzählen beziehungsweise erzählt zu bekommen.

Formal ist Interstellar auf die üblichen Marktanforderungen hin inszeniert: Der eloquente Bord-Roboter als Gag-Ventil, die markigen Sprüche des Protagonisten, die Quotenfrau und der Quotenschwarze (die natürlich nur eine Nebenrolle spielen in der Geschichte des weißen Mannes, die hier erzählt wird), der Storytwist am actionreichen Höhepunkt, das Happyend, die Selbstironie und das Drücken auf die Tränendrüse – nur eine Lovestory fehlt. Außerdem finden sich einige unvermeidliche Zitate von 2001: A Space Odyssey, dessen visuelle Kraft Interstellar jedoch nie erreicht – genauso wenig wie die des auch in diesem Herbst in den deutschen Kinos laufenden Science-Fiction-Films Under the Skin von Jonathan Glazer. Ein Vergleich mit Under the Skin zeigt auch: Da wo dieser, indem er nichts erklärt, tatsächlich traumhafte Bildwelten eröffnet, erklärt sich Interstellar zu Tode. Am deutlichsten wird dies am Ende des Films, als sich Cooper im Inneren eines Schwarzen Lochs befindet, von dem aus er mit seiner Tochter in der Vergangenheit Kontakt aufnehmen kann, und dabei in einem fort kommentiert und erklärt, was er gerade macht, so als ob die Zuschauer das unmöglich eigenständig begreifen könnten.

Die Szene im Schwarzen Loch ist auch in anderer Hinsicht interessant, denn sie löst ein Mysterium auf: Cooper übermittelt seiner Tochter genau jene Nachrichten, die er damals mit ihr zusammen entschlüsselte. Er wusste nicht, woher sie kamen, sie dachte, es stecke ein Geist dahinter, doch nun ist es die Gravitation, die die Gesetze der Zeit überwinden kann. Zu diesem Zeitpunkt im Film ist der Begriff Gravitation jedoch längst ausgehöhlt, sein physikalischer Gehalt über Bord des Raumschiffs gegangen und durch die Liebe zwischen Vater und Tochter ersetzt worden. So löst der Film sich vollends in Esoterik auf, der Verwurstung von Wissenschaft und Mystik, dem Ausweg für alle, die sich nicht trauen der Differenz von Erklärbarkeit und Unerklärbarkeit zu begegnen.

Schließlich findet Murph auch noch mit der Hilfe ihres Vaters die Weltformel und rettet die Menschheit. Folgerichtig ist das nicht nur in esoterischer Hinsicht, sondern auch in der Logik des Amerikanischen Traums. So wird nachträglich alle Ignoranz gegenüber den gegenwärtigen Problemen der Mitmenschen legitimiert, die mit dieser Form des Pioniergeistes schon immer einherging. Mit der Ungewissheit eines Traums hat das freilich nichts mehr zu tun. Hier wird ein göttlicher Plan erfüllt, der so nur in Hollywood aufgehen kann.

 

Text: Max Becker (19.11.2014)