Pardé

#8 Berlinale: Wettbewerb Tag 5 – Pardé:

Jafar Panahi, das muss man wissen, wenn man sich seine aktuellen Filme anschaut, darf eigentlich gar keine Filme mehr drehen. 2010 wurde er vom Iranischen Regime wegen Oppositionsarbeit zu 20 Berufsverbot und 6 Jahren Haft verurteilt. Derzeit ist das Verfahren in der zweiten Revision, solange steht Panahi unter Hausarrest und hat freilich Ausreiseverbot.

In seinem letzten Film „This is not a Film“ (2011) dokumentiert er einen Tag seines Lebens in Arrest und sein Drang, weiterhin Filme zu drehen, zur Not mit einem iPhone. Der Film verließ seinerzeit auf einem USB-Stick in einem Kuchen versteckt den Iran und konnte so auf den Filmfestspielen in Cannes 2011 der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Nun also sein neustes Werk. „Pardé“ (Closed Curtain) lief heute im Wettbewerb an. Wieder wurde im Vorfeld viel über die Produktion, den Dreh und das Setting des Films gerätselt. Wie kann das gehen? Weiterführende Informationen waren nämlich nicht bekannt. Diese Fragen klären sich aber schon in den ersten Sequenzen des Films.

Eine Villa am Meer, ein Schriftsteller und sein Hund. Der Schriftsteller, das kann man vorweg nehmen, wird in den gut 100 Minuten das Haus nicht verlassen, wie auch die Kamera das Haus nicht verlassen wird. Der Hund „Boy“ ist stets an seiner Seite. Und da der Schriftsteller offensichtlich Probleme mit der Obrigkeit hat, verbarrikadiert er sich regelrecht und verhängt die Fenster mit schwerem, lichtundurchlässigem Stoff.  Boy bringt ihm einen Tennisball zum Spielen, will zur Tür hinaus, darf aber nicht. Als der Schriftsteller eines Nachts das Hundeklo zum Müll bringt, steht plötzlich ein junges Paar in der Eingangshalle des Hauses. Sie gehen ins Schlafzimmer, antworten nicht auf seine Fragen. Der junge Fremde deutet an, dass seine fast ganz in schwarz gekleidete Schwester suizidgefährdet sei, dann verschwindet er wieder und lässt sie in der Villa zurück. Sie geht aufs Dach. Will sie sich umbringen? Mehrfach wird sowas angedeutet. Der Schriftsteller will sie loshaben, aber sie geht nicht. Plötzlich läuft Jafar Panahi als Jafar Panahi durchs Bild, er enthüllt Filmplakate, die verdeckt an den Wänden hängen. Die schwarze Unbekannte geht auf den Dachboden und entreißt dem arbeitenden Schriftsteller sein Manuskript. Denn schließlich sei dieses nutzlos.

So geht das die ganze Zeit. Ja, es dauert eine Weile, bis man sich an den Film gewöhnt hat. Man denkt und denkt und all das kommt einem erneut wie verquastes Spruchbandtheater vor, von dem man auf der 63. Berlinale ja so viel zu sehen bekommt. Irgendwann wird dem Zuschauer dann klar (man kann eigentlich nicht anders), dass diese Figuren, die in der Strandvilla eine seltsame Beziehung führen, metaphorische Bedeutung haben. Und dann entwickelt der Film eine Klarheit, die mit verquastem Spruchbandtheater nichts mehr zu tun hat und die auf erschütternde Art und Weise beeindruckt. In der Villa, in der Panahi vom Regime eingesperrt wird, geben sich Hoffnungslosigkeit, kreative Energie und Freiheitsdrang die Ehre, ringen miteinander. Panahi selbst, der Regisseur im grünen Hemd, kann die meiste Zeit höchstens moderieren. Er scheint von den Anwesenden ohnehin seltsam unbeeindruckt, fast schon, als sei er an sie gewohnt.

Der ganze Film ist mit metaphorischen Anspielungen voll bis unter die Haarspitzen. Das Handtuch, das Panahi am Ende, bevor er doch noch aktiv wird, zögernd wegräumt, ist nicht aus Zufall grün. Stichwort Grüne Bewegung. Die große Fensterscheibe zum Meer hin ist nicht nur aus Schutz vor Einbrechern vergittert. Und ganz zum Schluss schickt Panahi dann doch noch ein Symbol der Willenskraft an seine Zuschauer.

Man könnte den Film als Kammerspiel bezeichnen, aber das wäre blanker Hohn. Vielmehr ist „Pardé“ ein autobiografisches Psychogramm, in dem Panahi den Zuschauern schonungslos sein Innerstes offenbart und das unter engen, fast schon klaustrophobischen Bedingungen entstanden ist. Die verhängten Vorhänge sind nicht nur Sinnbild, sondern dienten bei den Dreharbeiten auch als Sichtschutz vor Polizei und Regime. In einer halbdokumentarisch Sequenz wird dann auch die Frage beantwortet, wie das eigentlich alles gedreht wurde.

Ein wichtiger Grund diesen Film zu machen, sei die Tatsache, dass man dadurch als Filmschaffender in Bewegung bleibt, so der Co-Regisseur und Darsteller Kamboziya Partovi. Für Panahi wolle er nicht sprechen, aber Einsamkeit und zum Nichtstun verdammt zu sein, keine Filme drehen zu dürfen – für ihn selbst, der von diesem Schicksal bislang verschont geblieben ist, wäre das eigentlich das Schlimmste. Und ja, auf Nachfrage, da könne es schon sein, dass man sich in schwierigen Phasen auch über den weiteren Fortgang des eigenen Lebens Gedanken mache. Ob nun Konsequenzen im Iran drohen? Bisher sei alles ruhig, aber man rechne mit Einigem, zumal Panahi ohnehin auf der Beobachtungsliste ganz oben steht. Es sei daher wichtig, dass der Film auf der Berlinale einem breiten Publikum vorgestellt werden kann, denn Öffentlichkeit bietet den Filmemachern auch Schutz vor dem iranischen Regime.

„Pardé“ ist zweifelsohne der bislang am meisten beeindruckende und intensivste Film des diesjährigen Wettbewerbs.

Eine lesenswerte Bestandsaufnahme der aktuellen Situation für Filmschaffende im Iran findet sich außerdem im Tagesspiegel vom 12.2.2013.

Text: Johannes Litschel, 12.02.2013Berlinale’13