Hannibal – Staffel 1

 

Mads Mikkelsen - Hannibal

Mads Mikkelsen – Hannibal

 

Regie: David Slade u.a. – Buch: Bryan Fuller u.a. nach Thomas Harris – Darsteller: Hugh Dancy, Mads Mikkelsen, Laurence Fishburne, Caroline Dhavernas, Hettienne Park, Gillian Anderson – Musik: Brian Reitzell – Kamera: diverse – USA 2013 – 13 Episoden/42 min (ab 18), Vertrieb: StudioCanal

 

Wir werden als Zuschauer hinein geworfen in das Geschehen. Wenige Sekunden nach Beginn der ersten Folge rast die Kamera mit einem ihrer Hauptdarsteller in ein Haus, dessen Bewohner er in Zeitlupe tötet und dabei analytisch emotionslos den Tathergang kommentiert: „This is my design“. Bis man versteht, um wen es sich hier handelt, vergehen weitere lange Sekunden. Begleiten werden wir ihn bis zur allerletzten Sekunde der letzten Folge.

 

Die US-amerikanische Serie „Hannibal“ setzt zeitlich vor „Das Schweigen der Lämmer“ (Frank Darabont) oder auch „Hannibal“ (Ridley Scott) ein, als dieser noch als Psychiater tätig ist. Der längst zur Ikone der Serienmörder und Kannibalen gewordene Psychiater praktiziert und kocht hier leidenschaftlich erotisch – und ganz allein wir als Zuschauer und die Figur Hannibal wissen von seiner dunklen Seite, wissen, was er is(s)t. Wie bei Dexter Morgan ist es ein voyeuristisches Spiel, das hier mit uns getrieben wird und wir freiwillig nur allzu gern eingehen. Gemeinsam nehmen wir einen „Apéritif“, so der Titel der ersten Folge, kosten vom „Amuse-Bouche“ und nach einem schweren Hauptgang gehen wir zu den „Fromages“ über und beschließen das 13-episodische Fernsehmenü mit dem Prädikat „savoureux“.

 

Mads Mikkelsen - Hannibal

Mads Mikkelsen – Hannibal

 

Zur Ikone wurde aber nicht nur die Figur, sondern vor allem auch deren Darstellung durch Sir Anthony Hopkins, dessen diabolisch-intelligente Arroganz eine Faszination ausstrahlte, die hier gar nicht erst versucht wird zu erreichen. Mads Mikkelsens Portrait des eleganten Kannibalen ist reduziert und zurückgenommen. Fast ist man ein wenig enttäuscht, ob der geringen offensichtlichen Bosheit und Gewalttätigkeit. In der ersten Szene sitzt er hinter einem Teller und kaut genüsslich auf einem fein zubereiteten Stück Fleisch. Ein Hauch von Lächeln ist zu erkennen. Die Kamera aus der Untersicht lässt ihn stilvoll und elegant überlegen wirken – jedoch im Hintergrund.

 

Der eigentliche Hauptdarsteller der ersten Staffel ist der FBI Spezial ErmittlerWill Graham (Hugh Dancy). Der Mann, der durch seine Fähigkeit der reinen Empathie, sich in Mörder hineinversetzen kann, ist Hannibals perfekter Antagonist: Er, der emotionale, einfühlsame und instabile Einsiedler und sein Psychiater, der zurückhaltende, überlegte und berechnende Mörder. FBI-Ermittler Jack Crawford (Laurence Fishburne) holt Graham zur Aufklärung mehrerer Mordfälle ins Feld zurück. Bedenken wegen seiner psychischen Stabilität führen dazu, dass ihm der Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) zur Seite gestellt wird und ihn fortan begleitet. In Gesprächen und gemeinsamen Ermittlungen kommen sich die beiden – trotz Grahams starker Bindungsprobleme – näher und werden so etwas wie Freunde. Dies findet lange vor – wie der Zuschauer bereits weiß – der Inhaftierung und Internierung des kannibalistischen Serienmörders Hannibal statt. Wir stecken mit ihm unter einer Decke.

Hannibal

Hannibal

 

Visuell glänzt die Serie durch eine Mischung aus gore und gewöhnlicher Ermittlungsserie. Die Bildgestaltung wirkt wie ein Kunstwerk, ein Gemälde aus lebendiger Farbe, deren scheinbare Ordnung durch ästhetische Mordszenarien und Traumsequenzen durcheinander gebracht wird und zwar inhaltlich und visuell. Die wie Installationen wirkenden Tatorte sind so kunstvoll angerichtet, wie die Dinner im Hause Lecter. Wundervoll beeindruckend, sinnlich – gleichzeitig anstoßend und schmerzhaft. Unterstützt werden diese traumartigen Bilder durch Brian Reitzells atonale Musikuntermalung. Ähnlich wie bereits in „30 Days of Night“ (David Slade) werden die schockartigen und brutalen Bilder in Töne übersetzt, die mit Ersterem korrespondieren und eine unangenehm angenehme Einheit bilden.

 

Wie in Dexter ist es eine Mischung aus wissenschaftlicher Analyse und Bauchgefühl oder Emotion, anhand derer pro Folge die Morde rekonstruiert werden – aber hier mit Will Graham, der Dexter völlig entgegengesetzt, interpretiert, sich psychisch in Mörder hineinversetzt, träumt. Visuelle Ähnlichkeiten zwischen beiden Serien zeigen sich bereits in der Eingangssequenz: Sie erinnert an die roten blood spatters auf weißem Hintergrund in Dexter. Hier ist es Rotwein, der die Profile der Charaktere formt und so auf subtile Weise Nahrung, also Leben, und Blut, also Tod, ganz nah zusammenfügt.

 

Mads Mikkelsen, Laurence Fishburne, Hugh Dancy - Hannibal

Mads Mikkelsen, Laurence Fishburne, Hugh Dancy – Hannibal

 

Autor und Produzent Bryan Fuller fragte sich, was wohl David Lynch mit einer Figur wie Hannibal Lecter getan hätte. Herausgekommen ist eine in stilvolles Ambiente gehauchte Realität, das durch irrationale Bilder ins Wanken gebracht wird.Tatsächlich mag man Will Grahams Vorstellungen, Erinnerungen, Gedankenspiele und Träume in ihrer Unlogik – visuell und erzähltechnisch – mit „Twin Peaks“ oder „Lost Highway“ in Verbindung bringen. Und wenn in der kommenden Staffel wirklich David Bowie als Lecters Onkel auftritt – Lynch would be proud.

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