Michael

Michael

Michael (Österreich 2012, 94 min, 35mm)

(Ö 2011, 94 min, 35 mm) Kinostart: 26.01.2012

„What the fuck is wrong with everyone in Austria?“ schrieb der amerikanische Filmkritiker Mike d’Angelo, als er „Michael“ gesehen hatte und nahm damit vor allem auf das unerträgliche Element während des Zuschauens und Miterlebens von Michael Hanekes „Funny Games“ Bezug. Das Hinschauen ist auch bei „Michael“, der an Geschichten über entführte und über Jahre festgehaltene Kinder und ihre Peiniger wie Josef Fritzl und Wolfgang Priklopil erinnert, kaum aushaltbar.

Wir haben Einblick in das Zusammenleben eines Jungen und eines Mannes mittleren Alters. Sie scheinen Kommunikationsprobleme miteinander zu haben. Erst langsam wird dem Zuschauer klar, dass es sich um eine Täter-Opfer-Beziehung handelt und Michael (Michael Fuith) den erst 10jährigen Wolfgang (David Rauchenberger) gekidnappt hatte – wir erfahren nicht wie viel Zeit seitdem vergangen ist – und ihn nun zur pädophilen Befriedigung in einer engen Gefängniszelle im Keller gefangen hält und nur zu den gemeinsamen Abendessen oder zu besonderen Anlässen, wie Weihnachten oder seltenen Spaziergängen, herauf in die Wohnung holt.

Die bedrückende Enge und das Gefühl des Gefangenseins – beider Personen – werden vor allem dadurch evoziert, dass sich die zwei Charaktere innerhalb des Bildausschnitts einer statischen Kamera bewegen. Die Kamera ist stiller, starrer und unangenehm duldsamer Beobachter – die beiden können dem Bildausschnitt nicht entfliehen. Weder Michael noch Wolfgang können in diesem Film ihren psychischen und physischen Grenzen überschreiten.

Das beeindruckende Erstlingswerk von Markus Schleinzer (Regie und Drehbuch), der bisher hauptsächlich als Casting-Director und Schauspieler auf sich aufmerksam gemacht hat, erzählt weniger aus der Sicht des Kidnappers und Täters, mehr geht es darum, dass die Kamera (wunderbar: Kameramann Gerald Kerkletz) Michael begleitet und der Zuschauer auf diese Weise einen Einblick in das mit mehr als bitterem Beigeschmack versetzten „Alltagsleben“ erhält.

Man soll als Zuschauer wohl nicht verstehen oder nachvollziehen. Es wird einfach unkommentiert und unerträglich ruhig gezeigt. Im Gegensatz zu Ansätzen bei Jürgen Vogels Figur in „Der freie Wille“, bietet Schleinzer dem Zuschauer keine Möglichkeit, durch tiefergehende Einblicke in Michaels Psyche, einen eventuellen inneren Kampf, in dem er mit seinem Tun hadert, oder irgendwelche analytischen Deutungsmuster eine zufriedenstellende Erklärung zu finden. Michael ist einfach da, mitten in der Gesellschaft, unerkannt. Es gruselt einen, wenn man das Kino verlässt, durch die schreckliche Gewissheit, dass diese Geschichte nur auf der Leinwand fiktiv ist.

Vor vier Tagen, am 21. Januar, gewann Markus Schleinzer für seinen Film im Rahmen des 33. Max-Ophüls-Filmfestivals in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis (18.000 Euro). Auch Michael Fuith, der Darsteller des Michael, erhielt einen Preis: der des besten Nachwuchsdarstellers – beide Preise zurecht.

Text: Jennifer Borrmann, 25.01.2012

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