Über uns das All

(Deutschland 2011, 88 min, 35mm, 1:1.85)

 

Was tun, wenn die Welt in der man lebt, eine Lüge ist? Als Martha (Sandra Hüller) mit dem für sie völlig plötzlichen Selbstmord ihres Mannes Paul zurecht kommen muss, enträtseln sich Geheimnisse von deren Existenz sie vorher nichts wusste. Die Entdeckung, ihr Mann hat seine vor wenigen Tagen vollendete Doktorarbeit überhaupt nicht geschrieben, ja, dass sogar niemand in der Universität ihn zu kennen scheint und Paul Martha jahrelang etwas vormachte, bleibt nicht das einzig Erschütternde. Bei der Vorbereitung für die Beerdigung, die sie mit einer beinah stoischen Ruhe angeht, bemerkt sie, dass Paul keine Freunde hat und alle Bekannten aus ihrem eigenen Freundeskreis stammen.

Wie geht man nun damit um, dass man den Menschen, den man liebt, eigentlich nicht kennt, fragte sich Sandra Hüller selbst in einem Interview. Im Film werden zwei Handlungsmöglichkeiten gegeben: Man kämpft dagegen an oder akzeptiert einfach nicht. Martha kämpft anfangs laut, hartnäckig und wütend. Sie sucht nach Indizien, die alle negativen Vermutungen und Entdeckungen widerlegen und ihr Weltbild wieder gerade rücken sollen. Sandra Hüllers Spiel schmerzt körperlich, die Intensität ihrer Darstellung grenzt an Entblößung und genau darum geht es ja auch im Film. Sie scheint Marthas probates Mittel zu sein, die sie ihrem Phantom Ehemann entgegensetzt.

Kann man einen Menschen ersetzen? Alexander, der neue Mann in ihrem Leben, scheint – lediglich begründet durch eine einzige Geste, in der Martha Paul erkennt – eben dessen Reinkarnation zu sein. Ohne, dass Regisseur Schomburger versuchen würde, durch die Bildarbeit Paul und Alexander aufeinanderzulagern, den Zuschauer durch das Auftretenlassen beider zu verwirren, schafft es vor allem Sandra Hüller uns auch Paul in Alexander sehen zu lassen. Ohne viel Worte integriert sie ihn in ihr Leben und verhält sich, als wäre nichts geschehen. Zu gern wüsste man als Zuschauer, ob Alexander real und tatsächlich nur projizierter Paul ist oder ob Martha vielleicht doch in eine Traumwelt geraten ist.

Der Film ist in sehr hellen, klaren und beinah strukturierten Bildern gehalten, was ihn nüchtern und wirklich erscheinen lässt. Hüllers Lebendigkeit als Martha ist das krasse Gegenstück zu ihrer zuweilen steril wirkenden Umgebung. Es ist zwar keine Schizophrenie wie die Natalie Portmans in Black Swan, so kann doch eine halluzinatorische Tendenz ausgemacht werden: Traum- und Wunschvorstellungen, die nach einem menschlichen Verlust kaum verwerflich noch vorwerfbar sind, tragen das filmische Erstlingswerk Jan Schomburgs inhaltlich und werden kombiniert mit einer berührenden und doch respektvoll distanzierten Kameraarbeit und einem phantastischen Drehbuch, ungekünstelten Dialogen. Wir sind gespannt auf mehr.

 

Jan Schomburg Copyright Jennifer Borrmann

Jan Schomburg, Berlinale 2011
Copyright Jennifer Borrmann

 

Text: Jennifer Borrmann, 16.07.2011

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