Halt auf freier Strecke

(Deutschland 2011, 110 min, 35mm)

 

Wenn man in einen Andres Dresen-Film geht, weiß man, worauf man sich einlässt: Realität – so real in Fiktion gebracht, dass sie oft genug unwirklich, übertrieben und erschreckend fremdartig wirkt. Es ist, als würde einem jemand einen Spiegel vorhalten und was man darin sieht, ist so banal, so alltäglich, dass es nur unecht sein kann. Wenn die Kamera zu Anfang des Films im Arztzimmer des Onkologen unbeweglich fast vier Minuten lang auf Frank (Milan Peschel) und Simone Langes (Steffi Kühnert) Gesichter zielt, will man als Zuschauer einfach nur aus dem Zimmer gehen. Der Arzt erklärt den beiden in dieser Zeit, dass Frank einen inoperablen Tumor im Kopf hat, es keinen Behandlungsplan gibt, außer es eben so gut wie möglich „zu Ende zu bringen“. Seine Stimme wirkt nicht gelangweilt, jedoch auch nicht emotional beteiligt. Das Telefon klingelt und man ahnt schon: Das ist nun doch ein bißchen zuviel des Guten. Leider wird man enttäuscht, denn der Anruf war echt, die Szene zwar gespielt, die Nebeneffekte jedoch real. Die Wirkung der Worte auf das betroffene Ehepaar kann in winzig kleinen Details der Mimik nachgelesen werden: Aufnahme der Nachricht, Verarbeitung des Todesurteils und Nachdenken über das Weiterleben.

Schmerzlich langsam, jedoch sehr behutsam und sensibel filmt Dresens Kameramann Michael Hammon den körperlichen Verfall Franks. Lediglich zwei Dinge brechen darin mit der Realität und bringen den Film auf eine fiktionale Ebene, damit man das Sterben und den Umgang in der Familie überhaupt aushält: Einmal die menschliche Gestalt von Franks Tumor (gespielt von Thorsten Merten), der ab und zu neben Frank im Bett liegt oder es wird im Radio über ihn berichtet, er bekommt sogar einen Auftritt als Gast in der Harald Schmidt-Show. Dieses irreale Element wirkt nicht störend, sondern sonderbar erleichternd. Das andere sind Franks Filmaufnahmen, er unterhält sich nur mit sich selbst per SmartPhone-Aufnahme über den Tumor. Er hält sich die Kamera vor das Gesicht und filmt. In bitterer Selbstironie erzählt Frank dabei einen Witz, der am Ende des Films immer noch nachhängt: Kommt ein Mann zum Arzt. Sagt der Arzt: „Ich habe zwei schlechte Nachrichten für Sie: Erstens, Sie haben einen Gehirntumor; zweitens, Sie haben Alzheimer.“ Sagt der Patient: „Na, zum Glück ist es kein Krebs.“ Trotz der fehlenden Kommunikation über den Tumor, d.h. es werden keine langen Gespräche und Diskussionen über Krebs gezeigt, ist es kein einsames Sterben. Man trifft Vorkehrungen für die Beerdigung, hört CDs mit therapeutischen Mantras, besucht richtige Therapeuten, fährt nochmal in den Urlaub und setzt sich mittels Taten mit dem Thema Krebstod auseinander. Vor allem Simone gibt sich im Laufe der Monate viel Mühe, zeigt Geduld, zugleich aber auch Wut und Angst – vor allem wenn Frank aggressiv ist. Die beiden Kinder Lilli (Talisa Lilli Lemke) und Mika (Mika Nilson Seidel), aber auch Simones Mutter (Ursula Werner) sind praktisch immer im Haus, in dem Frank die letzten Monate in seinem Krankenbett liegt. Dennoch handelt es sich bei diesem Film um keine kitschige Story über das starke und mutige Sterben des todkranken Patienten, der seinem Schicksal gestärkt entgegengeht. Sondern um eine beinahe dokumentarisch gefilmte Darstellung des Weges in den Tod – mit Aggression, mit Wut, mit familiärer Nähe, mit Sex, mit Erbrochenem, mit Hass und Liebe – mit Leben eben.

Text: Jennifer Borrmann, 10.11.2011

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