Black Swan

(USA 2011, 108 min, 35 mm, 2.35 : 1)

 

Darren Aronofskys Art Filme zu schaffen, ist eine wunderbar eigene: Er kreiert Filme, die andere, verzauberte Welten bilden, in denen sich häufig Reales mit Fiktivem zu einer ganz eigenen Version filmischen Lebens vermischt (Requiem for a Dream, The Prestige, The Fountain). In dieser inszenierten Traumwelt zeichnet Aronofsky die Geschichte einer Tänzerin in oft grausam spürbarer Weise nach. In der Zeit bis zur Eröffnung der neuen Ballettsaison mit Tschaikowskis Schwanensee, sehen wir, wie die Mutter (Barbara Hershey) der Schwanenkönigin ihre unerfüllten Wünsche in die talentierte, jedoch verbissen arbeitende Tochter (Natalie Portman) projiziert und wie sich diese in einer schizophrenen Metamorphose vom weißen zum schwarzen Schwan verliert.

Die Eindringlichkeit, mit der diese Entwicklung gezeigt und fühlbar gemacht wird, liegt vor allem an Kamera und Montage. Cutter Andrew Weisblum, der bereits für „The Wrestler“ den Schnitt übernahm, hat bei „Black Swan“ die Schnitte so gesetzt, dass die Doppelung Ninas, des weißen und schwarzen Schwans, fast in jedem Moment greifbar erscheint: Durch die visuellen Projektionen ihres anderen Ichs und der scheinbaren Blickkontakte mit ihnen, entsteht mit Hilfe Weisblums Schnitt eine unheimliche Kommunikation zwischen den gespaltenen Persönlichkeiten. Das wahnsinnige Element der zwei Charaktere wird vor allem auch dadurch bildlich umgesetzt, indem wir Nina mittels der Kameraführung verfolgen: Als Zuschauer hat man also das Gefühl, ihr schizophrener Schatten zu sein. Antithesen und Doppelungen spiegeln sich auch in den Farben, Charakteren und in den Kostümen wider. Trotzdem wirken sie nicht plakativ, sondern machen die narrative Struktur noch eindringlicher.

Wer bei Ballett an rosa Tütüs, Spitzen und Pirouetten denkt – wird enttäuscht. Hartes Training, verbissene Konkurrenz und Einzelgängertum stehen hier auf der Tagesordnung. Gänsehaut bekommt man nicht nur, wenn Nina alptraumhafte Wahnvorstellungen hat, sondern auch wenn die verhinderte Tänzerin Erica ihre mütterlichen Pflichten verletzt, ihrer Tochter paranoid die Fingernägel schneidet oder sie in ihrem rosa-plüschigen Kinderzimmer zu Bett bringt, und auch wenn Ballettdirektor Thomas (Vincent Cassel) beinah unerträglich körperliche und psychologische Tricks anwendet, um das „Beste“ aus Nina herauszuholen.

Ballett wird hier zum Alptraum – Streben nach Perfektion führt hier zu Zerstörung und Selbsthass. Aronofsky schafft es einmal mehr, Realität und Traum zu verbinden. Wenn die Traumsequenzen in früheren Filmen wie „Requiuem for a Dream“ oder „The Fountain“ Fluchtversuche aus dem Alltag bedeuteten, sind sie bei „Black Swan“ keine Ausflüge in andere Welten mehr, sondern es findet eine Entwicklung statt, an deren Ende beides untrennbar ineinander aufgeht und eine Auflösung nicht mehr möglich ist.

Text: Jennifer Borrmann, 03.03.2011

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