Shutter Island

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Was ist verrückt, was ist normal? Wer einmal den Eingang einer Nervenheilanstalt überschritten hat, dem ist klar, dass die Grenzen zum einen fließend sind, zum anderen auch Auslegungssache. Aber was, wenn die zuständigen Ärzte selbst nicht über alle Zweifel erhaben sind, oder gar ein abgekartetes Spiel spielen? Dann ist man in der verfahrenen Situation angekommen, aus der heraus US-Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) in den USA der 50er Jahre das Verschwinden einer Patientin aus der berüchtigten Anstalt „Shutter Island“ aufklären muss. Denn die einzigen Leute, welche den betroffenen Spezialtrakt C kontrollieren sind die beiden Oberärzte Cawley und Naehring (Ben Kingsley, Max von Sydow) der Institution, während Teddy sich mit seinem neuen Partner Chuck (Mark Ruffalo) herumschlagen muss.

Aus dieser Ausgangssituation heraus entwickelt Scorsese nach Dennis Lehanes Romanvorlage ein komplexes Verwirrspiel und spielt alle Karten moderner Kriminal- und Psychothriller souverän aus. Dauernd wechselt die Konstellation und weder die Ermittler noch die Ärzte wirken vertrauenswürdig genug, als dass man irgendeiner getroffenen Aussage hundertprozentiges Vertrauen schenken dürfte. Und da alle Charaktere doppelbödige oder rätselhafte Hintergründe haben, wird diese Unsicherheit immer weiter verstärkt: sei es nun der zurückliegende Tod von Teddys Frau, der komplett unbekannte Hintergrund von Chuck, die Verbindungen von Cawley zur US-Regierung und die des deutschen Emigranten Naehring zu Nazi-Experimenten. Dass die seinerzeit laufende psychomedizinische Diskussion zwischen den Anhängern von Lobotomie, Medikation und Gesprächstherapie ein zentrales Thema darstellt sei hier noch verraten. Mehr auf keinen Fall! Außer einer Sache: am Ende werden alle Fäden wieder zusammenführen.

Das zentrale Motiv in Scorseses Filmographie ist die Einsamkeit, wobei „Shutter Island“ einen Sonderfall darstellt. Denn während in den bisherigen Filmen von „Taxi Driver“ und „Raging Bull“ bis hin zu „Aviator“ und „The Departed“ einsame Charaktere in Aktion gezeigt werden, bekommt die Einsamkeit hier eine psychologische Reflexionsebene, durch die sie nicht nur gezeigt – ein zentraler Vorwurf von Scorsese-Kritikern – sondern auch gedeutet wird. Dies mag den Film letztendlich auch in sich abgeschlossener und damit weniger offen interpretierbar als frühere Scorsese-Filme machen. Doch gerade diese unerwartete Wendung unterstützt gerade bei Scorsese-Kennern den Überraschungseffekt, wobei die übergeordnete Frage nach den Wurzeln von Gewalt im Grunde dieselbe bleibt.

Stilistisch beschwört „Shutter Island“ klar zweier Genres der abgebildeten Zeit: des Film Noir der vierziger und der Mystery-Horrorfilme der fünfziger Jahre. Aus letzteren, wie Wises „Das Haus auf dem Geisterhügel“ nimmt Scorsese die Grundlagen für die Inszenierung des rätselhaften Traktes C, in den die Verschwundene zuletzt verlegt worden war und in dem Daniels den Mörder seiner Frau zu finden hofft. Vom bewährten Produktionsdesign von Dante Ferretti und der Kamera von Hollywoods neuem Star-Auge Robert Richardson unterstützt schafft er eine beklemmende Gruselatmosphäre, wodurch die Nervenheil-Festung „Shutter Island als verfluchtes Spukschloss ohne Widerkehrmöglichkeit erscheint. Die Noir-Stimmung wird vor allem durch das Spiel DiCaprios erzeugt, dessen Figur nicht nur der unbedingte Drang zur Wahrheitsfindung, sondern auch von tiefem Zynismus gegenüber dem Leben und von tiefsitzenden inneren Traumata angetrieben wird. Was alles in allem dem Film schließlich dazu verhilft, an die Meriten von Werken wie „Fight Club“ oder „Memento“ anzuknüpfen.

Text: Martin Koch, 16.02.2010Berlinale’10