Howl

Dichtkunst als Graphic Novel, Poesie als Film: „Howl“ von Rob Epstein

„I saw the best men of my generation destroyed by madness, starving hysterically naked.“ Mit diesen Worten beginnt ein Gedicht von Allen Ginsberg, das so mancher amerikanische Schüler aus der Highschool kennt, ohne jemals recht schlau daraus geworden zu sein. So ging es unter anderem auch dem Regisseur Rob Epstein. Doch nun haben Epstein und sein Co-Regisseur Jeffrey Friedman, die sich als Dokumentarfilmer und Chronisten der amerikanischen Schwulenszene einen Namen gemacht haben, in ihrem ersten Spielfilm an die Interpretation eben dieses Gedichts gemacht: „Howl“.

Oberflächlich gesehen könnte man diesen Film als den nächsten Beitrag zum etwas ausgelutschten Genre der Künstlerbiographie mißverstehen, diesmal geht es dann eben um die Legende der in den 50er Jahre bekannt gewordene Beatlegende Allen Ginsberg. Unter dieser Oberfläche brodelt allerdings der ehrgeizige Versuch, die Faszination der Dichtkunst in Trickfilm-Bilder zu fassen. Und – als ob das nicht genug wäre, stellen die Regisseure dann auch noch die seinerzeit als übersexualisiert und vulgär empfundene Poetik Ginsbergs vor Gericht – indem sie die Handlung um einen von konservativen Kräften herbeigeführten Prozess gegen Ginsbergs Verleger kreisen lassen.

Die Gerichtsverhandlung fällt dabei etwas zu einseitig aus, um spannend zu sein. Denn obwohl die vom brillanten Charaktermimen David Strathairn übernommene Anklage mehrere Universitätsprofessoren als Zeugen gegen Ginsbergs Kunst auffährt, wirkt nicht nur deren Argumentation alles andere als hieb- und stichfest , auch die Schauspielerleistungen von Mary-Louise Parker und Jeff Daniels zielen hier etwas zu stark auf die Denuntiation ihrer Charaktere ab. Und wenn der ebenfalls sehr selbstironisch spielende Strathairn irgendwann einwendet, man wisse nicht, ob Ginsberg die im Gedicht sprechende Figur persönlich gekannt habe, sind die schon zuvor für veritable Lacher sorgenden Ginsberg-Gegner vollends ad absurdum geführt.

Hauptthema des Films ist nicht die Frage nach dem Sinn von Ginsbergs Kunst, sondern die nach der Wahrnehmung von Dichtkunst und hier gehen Epstein /Friedman mit den Trickfilmszenen, welche die aus dem Off vorgelesenen Ginsberg-Gedichte begleiten, einen gewagten Weg. Optisch sind sie einem von Ginsberg und dem Illustrator Eric Drooker herausgegebenen Band nachempfunden, zugleich erinnern sie auch stark an den israelischen Hit „Waltz with Bashir“ Im Stile eines Graphic Novel mit deutlichen Gothic-Elementen schweben hier einsame Seelen schwerelos durch eine bedrohliche Welt. Es ist eine hypnotische Mischung zwischen den verkrüppelt wirkenden Menschen und der Schwerelosigkeit ihrer Fortbewegung, die die Verbindung zwischen Ginsbergs Versen und ihrer tricktechnischen Umsetzung bildet. An der kritischen Frage, ob eine Übersetzung von Poetik in Bilder möglich ist, – im Prozess wird zudem nach ihrer Umsetzbarkeit in Prosa gefragt – kommt man in diesem Zusammenhang zwar kaum vorbei, jedoch überzeugt die Interpretation der Poetik durch die Trickszenen durchaus und zeigt dem noch nicht so verbreiteten Genre der Poesie-Filme eine interessante neue Möglichkeit auf.

Die dritte und „klassischste“ Ebene der Handlung bildet Ginsbergs Lebensgeschichte, in der James Franco brillieren darf. Nicht nur vom Aussehen her sondern auch in der Mimik und Gestik und der Imitation kleinerer Ticks empfindet er das Auftreten des schrägen Intellektuellen präzise nach. Inhaltlich geht es vor allem um Ginsbergs Hinwendung zur Homosexualität und seine Freundschaft zur anderen Legende der Beat-Poesie, Jack Kerouac. Aufgrund der beiden übrigen Ebenen bleibt für diese Lebensgeschichte vergleichsweise wenig Platz, andererseits verzichtet sie auch auf die im Zuge der Biopic-Flut der letzten Jahre zur leidigen Mode gewordene Abspulung von Lebensabschnitten. Das Ginsberg homosexuell ist, spielt dabei eine Rolle, wird allerdings nicht zum zentralen Thema des Films hochstilisiert, sondern eher beiläufig abgehandelt.

Man könnte Howl aufgrund dieser Dreiteilung als unentschieden oder überladen kritisieren, ebenso wie die Trickfilm-Untermalung des Gedichtes sich noch mit einiger Kritik wird auseinandersetzen müssen. Dennoch bleibt nach dem Kinobesuch der Eindruck, eine besondere Verarbeitung von Literatur gesehen zu haben. „Howl“ verarbeitet Ginsbergs Poetik intelligent, virtuos und unterhaltsam zu einer Mischung aus Verarbeitung eigener Erlebnisse, Diskurs und Ausdruck unkontrollierbarer Gefühle. Und ist könnte somit für die Gedichtfans unter den Cineasten das werden, was Alessandro Bariccos „Lezione 21“ für die Freunde klassischer Musik unter ihnen ist: ein echter Geheimtipp.

Text: Martin Koch, 14.02.2010Berlinale’10