Der Räuber

Berliner Schule meets Bourne Identity

Bei der Wahl seiner Filmtitel war Benjamin Heisenberg bisher wenig kreativ: nach „Schläfer“ kommt nun „Der Räuber“. Bei den Inhalten sieht das glücklicherweise anders aus: sein neuester Film verknüpft geschickt Elemente von Thriller und Drama zu einer nüchternen Schilderung einer einmaligen Kriminalgeschichte. Die Hauptfigur Johann Rettenberger hatte in den achziger Jahren eine Serie von Verbrechen verübt und war nebenbei als Marathonläufer erfolgreich. Auf diesem Gegensatz aufbauend inszeniert Heisenberg Rettenbergers Geschichte zwischen seiner Haftentlassung und seinem Tod auf der Flucht: als einsamen Marathon, der von der Besessenheit von Laufsport und der Sucht nach höherem Nervenkitzel dominiert wird. Den verstärkten Adrenalinschub erreicht er dabei durch Autodiebstähle und Banküberfälle.

Wie ein Athlet, der für Olympia trainiert putscht sich Heisenbergs Rettenberger auf, um seine Leistung schließlich auf mehrere Banken an einem Tag zu erhöhen, interessiert blickt er auf die Frequenzkurve seiner Pulsuhr, die zum Zeitpunkt der kriminellen Handlung massiv höhere Werte anzeigt. Andreas Lust ist als Hauptdarsteller ein Glücksgriff, weil er die Fixiertheit Rettenbergers auf die Tretmühle, in der er steckt perfekt verkörpert. Mit schnellstmöglicher Geschwindigkeit rast er durch den Tunnel, der ihn umgibt und dass er außerhalb dieses Tunnels keine Chance hat, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. „Das, was ich mache, hat mit dem, was du Leben nennst, nichts zu tun“ sagt er einmal zu seiner Freundin Erika, die an ihm hängt, obwohl er ihr klargemacht hat, dass sie in seinen Lebensentwurf eigentlich nicht passt.

So in und auswendig hat Lust seine Figur gekannt, dass er sich mit Regisseur Heisenberg um die Laufgeschwindigkeit in einzelnen Szenen gestritten hat. Eine Anekdote, wie man sie sonst nur von den animalischen method actors wie Daniel Day-Lewis kennt und dazu sitzt Lust mit versteinertem Gesichtsausdruck auf der Pressekonferenz und beantwortet die meisten Fragen in einem Satz. Selbst am Tag der Premiere scheint scheint seine Filmrolle noch von ihm Besitz ergriffen zu haben, oder vielleicht hat er auch viel von seinem eigenen Naturell in diesen stillen, gefühlskalten und tatenfixierten Rettenberger eingebracht. Dieser ist eine Figur, die zu einem der großen zwiespältigen Bösewichte dieses Filmjahres werden kann, denn bei aller Verachtung für seine Taten schwingt beim Zuschauen auch eine seltsame Bewunderung für die Akribie, mit der dieser Mann aufwändigste Aktionen plant und durchführt mit. Und wenn er dann einmal mehr wie ein Ausbrecherkönig aus der aussichtslosest möglichen Situation entkommt, ist man versucht, diese zumindest als Fakt anzuerkennen.

An Thrillern aus den siebziger Jahren und auch an der Bourne-Trilogie hat sich Regisseur Heisenberg bei der Inszenierung der Überfall- und Fluchtszenen orientiert und beeindruckt dabei gar nicht so sehr mit Höchstgeschwindigkeit, sondern vor allem mit der Nähe an der Figur und dem Eindruck, die Szene unmittelbar aus Rettenbergers Sicht mitzuerleben – eben genau das, was die Actionszenen insbesondere „Die Bourne-Verschwörung“ ausmacht. Dies kombiniert er mit stillen Szenen, in denen Rettenberger zuhause sitzt, mit einem Sozialarbeiter redet, läuft, zufällig seine Freundin trifft und ähnlichen Situationen, die als stilbildend für das Genre der Berliner Schule angesehen werden. Im Gegensatz zu mit dieser Bewegung in Verbindung gebrachten Filmen, erfüllt hier allerdings jede Szene eine Funktion für die Zeichnung der Charaktere bzw. für die Fortentwicklung der Handlung. Dies beschert ein spannendes, originelles und trotz der hochsachlichen Inszenierung nahegehendes Kinoerlebnis.

Text: Martin Koch, 19.02.2010Berlinale’10