Der Ghostwriter

Von Blair zu Brosnan, von Harris zu Polanski

Ein junger Sportler-Biograph (Ewan McGregor) bekommt einen brisanten neuen Auftrag: er soll als Ghostwriter die Memoiren des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) fertigstellen. Der Vorgänger des selbstverständlich anonym bleibenden „Ghosts“, Mike McAra, war zuvor unter mysteriösen Umständen umgekommen. Der neue Mann begibt sich sofort auf das Insel- Anwesen der Familie Lang und kommt allmählich einer Verschwörung mit weltumspannender Tragweite auf die Spur: war Lang aktiv an der Auslieferung britischer Staatsbürger in amerikanische Foltergefängnisse beteiligt?

Die Brisanz dieses Films ist doppelter Natur: einerseits wird hier die britisch-amerikanische Politik angeprangert, andererseits meldet sich Roman Polanski damit nach seiner Verhaftung vor einem Jahr mit einem neuen Film zurück. Über den er wohlgemerkt auch bis zur Finalversion die komplette künstlerische Kontrolle gehabt haben soll: Anweisungen zur Postproduktion schickte er seinem Team per Post aus dem Gefängnis und über die Arbeit zuvor sagte Hauptdarsteller McGregor, die Hälfte seiner Rolle habe er gespielt, die andere Hälfte Polanski.

Der Macher von Klassikern wie „Rosemarys Baby“ und „Tanz der Vampire“ und Ärgernissen wie „Piraten“ und mittelmäßigen Werken wie „Frantic“ oder „Die neun Pforten“ ist also wieder da und nutzt die wohlwollend kritisierte Vorlage von Robert Harris für eine stimmige und – gerade im ersten Drittel – auch beißend ironische Inszenierung. Reichlich Lacher gab es für das Innenleben des vom Ex-Premier bewohnten Anwesens, wenn etwa der wackere Schreiber versucht, den Code der Digitalversion seiner Buchvorlage zu knacken und prompt ein sündhaft teures Alarmsystem ausgelöst wird.

Dieser humoristische Schwung nimmt gezwungenermaßen ab, nachdem sich die Handlung von der Schreibtätigkeit eines „guten Geistes“ zu kritischen Nachfragen ein „investigativen Dämons“ (beides aus Sicht des als etwas tumb porträtierten Elder Statesman Lang) verlagert hat. Das ist einerseits logisch und unerlässlich, deckt aber andererseits Schwächen in der Dramaturgie auf, da die zuvor kreierte Atmosphäre weder aufrecht erhalten wird, noch komplett kippt. Zu schnell wird die Verstrickung Langs in Kriegsverbrechen offensichtlich, als dass der Zuschauer die Entwicklung der Hauptfigur mit vollziehen könnte, er ist der etwas unbedarften Hauptfigur tendenziell meist eher ein Stückchen voraus. Das verhindert echte Aha-Effekte in der letztendlich grobkörnig bis plump konstruierten Verschwörungsgeschichte. Gegen Ende gewinnt die Handlung dann aber doch noch an Schwung und führt zu einem bitterbösen Ende, das Polanski genüsslich und zugleich mitleidend in bester „Tanz der Vampire“-Manier ins Bild setzt. Und damit seinen Film eben doch vor größerer Belanglosigkeit rettet.

Das diese überhaupt aufkommt hat vor allem damit zu tun, dass der Film als Politthriller den bekannten Fakten über britisch-amerikanische Verstrickungen und Verschleppung von Verdächtigen nicht viel Neues abgewinnen kann. Interessant ist allerdings die Besetzung des Films angesichts der Tatsache, dass die Figur des Adam Lang stark an den früher mit Autor Robert Harris befreundeten Tony Blair angelehnt ist. Nun sieht im Film Langs Gegenspieler und ehemaliger Außenminister dem realen Vorbild Robin Cook zum Verwechseln ähnlich, ebenso wie Olivia Williams als Langs manipulative Gattin Ruth durchaus auch als Cherie Blair durchgegangen wäre. Die Tatsache, dass gerade der Premier selbst von Pierce Brosnan, den von Tony Blair optisch Welten trennen, gespielt wird mutet dann doch etwas seltsam an. Schließlich gäbe es da beispielsweise mal einen Michael Sheen, der Blair schon einmal in „Die Queen“ gespielt hat. Darüber, ob diese Besetzung künstlerische, organisatorische oder andere Gründe hat, kann allerdings nur spekuliert werden.

Text: Martin Koch, 16.02.2010 – Berlinale’10