Ein Mann von Welt

Resozialisierung mal anders

Und wieder wird ein Mann aus dem Gefängnis entlassen. Nach dem Räuber Johann Rettenberger kommt im hohen Norden Norwegens der Mörder Ulrik (Schweden-Import Stellan Skarsgard) wieder auf freien Fuß. Doch die skurrile Geschichte, die sich daraus entwickelt, ist viel heiterer als man erwarten kann und so verläuft Ulriks Resozialisierung zwar auf holprigen Pfaden, doch die Zuschauer kommen dabei konstant auf ihre Kosten. Und Hauptdarsteller Skarsgard empfiehlt sich als gutmütiger Grobklotz, der mit eigenwilligen Methoden versucht mit seiner Vergangenheit ins Reine und in der Gegenwart über die Runden zu kommen.

Zunächst scheint alles nach Plan zu laufen: zwar stellt sein Sohn Geir ihn seiner Verlobten zunächst als vielgereisten „Onkel Ulrik“ vor, doch verhelfen ihm alte Gaunerfreunde zu einem Job als Automechaniker und zu einer Bleibe als Untermieter der schrulligen Karen Margarethe. Soweit, so gut, sollte man denken. Aber, wie das Leben so spielt, sind diese Gefallen nicht umsonst: als Gegenleistung muss Ulrik seinen früheren Boss y nicht nur bei Drogengeschäften unterstützen, sondern er soll für Jensen auch einen störenden Geschäftspartner aus dem Weg räumen. Dieser ist – wie manchmal das Leben und manchmal ein konstruiertes Drehbuch spielt – der Mann, der Ulrik einst ins Gefängnis gebracht hatte.

In der Anfangsszene empfiehlt ein freundlicher Gefängnisbeamter Ulrik vor seiner Haftentlassung, in Zukunft nie zurück zu schauen, sondern immer nach vorne. Woraufhin dieser das Tor der Anstalt passiert und nach einigen Schritten zurückblickt, um dann weiterzulaufen. Der damit ausgedrückte ironische Bruch zieht sich durch den gesamten Film, vor allem zeigt er, wie diese Geschichte mit Prinzipien und Lebensweisheiten umgeht: es ist der gute Wille der zählt, nicht die Umsetzung. Ein neues Leben und Schluss mit der Kriminalität? Keine Rückfälle? Neuer Job, neue Liebe? Der gute Ulrik gibt sein bestes, muss aber auch den einen oder anderen Kompromiss mit seiner Vergangenheit und der Gegenwart der Anderen schließen.

Von solchen Kompromissen blieb auch Regisseur Hans-Petter Moland nicht verschont. Doch zunächst zu seinen positiven Errungenschaften: sein Film schafft es reihenweise, gangster- krimi und komödientypische Szenen zu zeigen und doch durch Nutzung eines speziellen skurrilen Humors neu zu erfinden. In der Beziehung Ulriks zu seiner schrulligen Vermieterin bekommt man die wohl witzigsten Sexszenen der letzten Jahren zu sehen und sein Chef Sven nervt Ulrik mit so wohldurchdachten wie eigenwillig vorgetragenen Monologen. Dazu zeigen Möchtegern-Gangsterboss Jensen und sein hundeartig hinter ihm hertrottelnder Gehilfe Rolf die Menschen hinter den harten Jungs: nur solange nichts Unvorhergesehenes passiert sind die beiden Herren der Lage. Dazu kommt ein Hauptdarsteller, der die Widersprüche des gealterten Gangsters Ulrik perfekt verkörpert: einerseits geht es ihm nur darum, einigermaßen in seinem schrägen aber bescheidenen Leben klarzukommen, andererseits ist mit ihm nicht zu spaßen, was auch der prügelnde Ehemann seiner Kollegin Merete schmerzvoll erfahren muss.

Jede Menge solide und zuweilen urkomische Unterhaltung hat „A Somewhat Gentle Man“ also zu bieten, leider muss man dem Film aber auch ein gutes Stück fehlende Substanz attestieren. Souverän variiert er gängige Muster der Gangsterkomödie, fügt einige Elemente der aufkommenden Filme übers Älterwerden hinzu und erzeugt dadurch eine Feelgood-Atmosphäre, bei der die Frage nach den Abgründen, die eine Figur wie Ulrik in sich trägt konsequent übertüncht wird, seine kriminellen Handlungen ergeben sich mit fast zwingender Logik aus seinem Umfeld. Auch weil der Film letztendlich nicht in der kargen Welt der realen Resozialisierung spielt, sondern im bunt verzerrten Paralleluniversum der skandinavischen Gangster-B-Movies. Ist, wenn man so will, aber auch ganz gut so.

Text: Martin Koch, 19.02.2010Berlinale’10