New York für Anfänger

How to lose friends and alienate people

(GB 2008, 111 min, 35mm, 1:1.85)

 

Sidney Young (Simon Pegg) ist vorlaut, taktlos, naiv und ein primitiver Selbstdarsteller – und trotzdem irgendwie sympathisch. In London lässt er keine Gelegenheit ungenutzt, um sich auf Promi-Parties einzuschleusen, den Stars Geheimnisse zu entlocken, sich selbst das Gefühl zu geben, wichtig und interessant für andere oberflächliche Leute zu sein. All das macht er – mit sichtbar viel Freude – für sein eigenes Klatschblatt, das er gemeinsam mit Freunden in seiner Bude in Englands Hauptstadt herausbringt. Die Inhalte setzen sich weniger aus informativen oder gar abgesicherten Stories zusammen, sondern legen den größeren Wert denn doch eher auf Verrisse und negative Schlagzeilen.

Trotz alledem oder gerade deshalb lädt der angesehene Herausgeber Clayton Harding (Jeff Bridges) den jungen Briten nach New York ein, um in seinem Magazin – Plattform für die Selbstdarstellung der Möchtegern-Promis und Starletts – mitzuarbeiten. Frei nach dem Motto: „Ich bin Journalist – ein Freund der Stars“ tritt der kleine Paparazzo Sidney von einem Fettnäpfchen ins andere. Immer sagt er zum falschen Zeitpunkt das Falsche und immer hat er die falschen Ideen für mögliche Artikel.

Die „stars to be“ sind allesamt hauseigene und stehen unter Agentin Eleanor Johnsons (Gillian Anderson) Vertrag, die mit aller Härte und Kaltblütigkeit ihre Schützlinge auf die Titelseiten bringt und mit allen Mitteln vor schlechter Publicity schützt. Die sogenannten Journalisten, die im Grunde nur PR betreiben und jene Stars betexten und betiteln, müssen also von einem besonderen Schlag sein und es fehlt nicht an Heuchlern und Egoisten. Sidneys erste Station: „I Spy“.

Alison Olsen (Kirsten Dunst), Sidneys Kollegin und die einzige die überhaupt mit dem britischen alien redet, ist geradezu sein alter ego. Sie schreibt an einem Buch, interessiert sich für Philosophie und Kunst und kam nach New York um verantwortungsvollen Journalismus zu betreiben – kurzum: Sie hat ehrenwerte Ideale.

Auf den ersten Blick scheint die britische Komödie die gewöhnliche Geschichte eines John Doe zu sein, der die Chance erhält, groß heraus zu kommen und da er sie nutzt, geradewegs in die falsche Richtung rennt, bevor er zu Guter letzt gerade noch die Kurve bekommt und sich das Happy End erfüllen kann. Inhaltlich also eher banal.

Auf der anderen Seite ist der Film gespickt mit kleinen, aber feinen Details, er rekurriert immer wieder auf andere Filme. So spielt Jeff Bridges Charakter eigentlich keine große Rolle, dies übernimmt eine Figur, die bereits 10 Jahre alt ist: es gibt immer wieder „White Russians“ zu trinken und die polnische Haushälterin Mrs. Kowalski wird Lebowski genannt, usw.

Zwei große Filme der Kinogeschichte spielen jedoch die wichtigeren Rollen. Der eine, „Le Mepris – Die Verachtung“ (1963) von Jean-Luc Godard, und der andere, „La dolce vita“ (1960) von Federico Fellini. Im Grunde handeln beide Filme von der Faszination und Tücke des kommerziellen Erfolges, der beruflichen Höhenflüge auf Kosten anderer und der Entlarvung falscher Realitäten. Der eine beinhaltet mehr Selbstreflexion und Zitate aus anderen Kunstwerken. Der andere – der den Begriff „Paparazzo“ überhaupt erst gebar – greift Sidneys Weg vorweg und offenbart Schein und Sein.

Es handelt sich also um Film im Film, wenn ein riesiges „Le Mepris“-Poster in Claytons Büro hängt oder wenn das Starlett Sophie Maes (Megan Fox) im Abendkleid durch den Swimmingpool watet – wie einst Anita Ekberg im Trevibrunnen in „La dolce vita“. Ob die Filmzitate als Warnhinweise für Sidney gelten oder ob hier tatsächlich großem Kino gehuldigt wird, muss nicht beantwortet sein. „How to lose friends and alienate people“ ist kein tiefsinniger Film, aber beim genauen Hinschauen können wohl durchdachte Details und reiche Verknüpfungen entdeckt werden.

Nicht nur deshalb, auch aufgrund von Aussagen wie „Eine freie Presse ist die letzte Bastion gegen die Tyrannei der Dummheit“ aus dem Munde eines Klatschreporters und weitere famose Zitate, ist es ein netter Unterhaltungsfilm und es möge da noch einiges zu entdecken sein in zukünftigen Drehbüchern der beiden Autoren Peter Straughan und Toby Young.

 

Text: Jennifer Borrmann, 28.11.2008

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