Mirrors

(USA 2008, 111 min, 35mm, Scope)

 

Der französische Regisseur Alexandre Aja, erst 30 Jahre jung, bringt mit „Mirrors“ bereits seinen vierten Langspielfilm in die Kinos. Die blutig-brutalen Vorgänger „Haute Tension“ (2003) und „The Hills have eyes“ (2006) haben bei Genreliebhabern die Erwartungen an einen neuen Horrorfilm hochgesetzt. Dass es aber einen Unterschied zwischen der Realisierung eines blutigen Splatterfilms und eines psychologisch subtilen Horrorfilms gibt, hat der Film nur allzu deutlich gemacht. Die Mischung aus beidem konnte nicht recht überzeugen bzw. von den Filmemachern erst gar nicht gefunden und realisiert werden. Denn der Stoff an sich hätte für beide Extreme eine Basis geboten. Der Film ist ein Remake des koreanischen Horrorfilms „Into the mirror“ („Geoul sokeuro“, 2003). Die amerikanische Version ist leicht abgewandelt und das hat dem Plot an sich vielleicht nicht ganz gut getan.

Die Charaktereinführung Ben Carsons (Kiefer Sutherland) zeigt in nur wenigen Sekunden, alles, was für den Zuschauer als Vorgeschichte über ihn wichtig ist: Die Kamera schwenkt von ihm aus langsam über Kinderphotos die an der Wand hängen, unausgepackte Kartons, einen Zeitungsausschnitt mit der Überschrift „Officer shot“. Der Schwenk endet mit dem Blick auf den Spiegel im Badezimmer, wo man Ben sieht, wie er Tabletten zu sich nimmt. Ursache und Wirkung – berufliches und familiäres Scheitern und die daraus gefolgte derzeitige missliche Situation – sind also narrativ und kameratechnisch auf einfache Weise, aber schön in Szene gesetzt. Und, dass das erste Bild, das der Zuschauer von Ben wahrnimmt, nicht seines ist, sondern eine Spiegelung im Fernsehbildschirm lässt auf nuancierte Sequenzen hoffen.

Ben lebt als Zwischenlösung bei seiner Schwester (Amy Smart) und nimmt jeden Job an, um seine noch-Ehefrau Amy (Paula Patton) und die gemeinsamen Kinder Michael (Cameron Boyce) und Daisy (Erica Gluck) zu unterstützen. So tritt er eine Stelle als Wachmann in einem alten, vor 15 Jahren ausgebrannten Kaufhaus an. Da der Rechtsstreit mit der Versicherung noch läuft, muss das Gebäude überwacht werden. Der Vorgänger Bens war angeblich besessen von den riesigen Spiegeln, die dort noch hängen und akribisch von ihm poliert wurden. Er hatte sich mit einer Scherbe eines zerbrochenen Spiegels die Kehle durchgeschnitten – hier kommt die Splattererfahrung der Filmemacher dann zum ersten mal voll zum Vorschein. Die Spiegel machen schnell klar, dass sie nicht nur spiegeln, was vor ihnen steht, sondern eine Art Eigenleben besitzen – das muss Ben schnell und schmerzvoll selbst erfahren.

Atmosphärisch mit einen grau-blauen Schleier umhüllt sind die Bilder im Kaufhaus dunkel und unheimlich. Visuell und der daraus folgenden Emotionen für den Zuschauer gehören die Szenen in diesem Gebäude zu den Besten. Der gesamte Film ist eine Art Cross-Cutting zwischen dem dunklen Innern des Gebäudes und den sanften beige-Tönen von Amys Haus, das allerdings auch nicht von den bösen Geistern verschont bleibt – denn auch hier gibt es genügend spiegelungsfähige Flächen.

Während mehrere mysteriöse Vor- und Todesfälle das familiäre Umfeld heimsuchen, beginnt Ben zu forschen und findet heraus, dass das Kaufhaus früher eine psychiatrische Klinik war, in dem vor allem Schizophrene behandelt wurden und zwar mit Spiegeln. Er stößt auf den Namen Anna Esseker (Mary Beth Peil), die auch von den vorigen Wachmännern gesucht wurde, keiner von ihnen allerdings hat es geschafft, alle sind vorher verstorben. Auch Ben macht sich nun auf die Suche und hofft auf ein Ende der Terrorisierung seiner Familie.

So unfreiwillig komisch einzelne Szenen sind und so wenig stringent die Story ab und zu ist, das Ende des Films verblüfft mit einer überraschenden Idee. Natürlich könnte man in die Spiegel-Metapher sehr viel Sinn und Tiefe hinein interpretieren – man hätte auch mehr daraus machen können – man sollte dies aber nicht tun und den Film einfach hinnehmen, als das, was er ist: leichte Horrorunterhaltung mit obligatorischen und voraussehbaren audio- und visuellen Schreckeffekten. Die äußerst brutalen Morddarstellungen sind nicht jedermanns Sache, Aja hat sich aber im Vergleich zu den Filmvorgängern zurück gehalten.

 

Text: Jennifer Borrmann, 02.11.2008

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