Minority Report

Titel: Minority Report
Originaltitel: Minority Report
Land/Jahr: USA, 2002
Format: 35mm, Scope
Länge: 145 min

 

Zusammenfassung:
Im Jahre 2055 gibt es keine Morde mehr in den USA. Versuchsweise wurde ein neues Verfahren der Verbrechensbekämpfung eingeführt: Drei hellseherische Medien, sogenannte Pre-Cogs, in einer bläulichen Whirlpool-Riesenwanne sehen jede Absicht, einen Mord zu begehen, voraus, und eine spezielle Polizeitruppe bestimmt anhand der optischen Visionen der drei den Namen und Aufenthaltsort des Täters. Bevor die Tat verübt werden kann, wird der zukünftige Täter geschnappt und für den Rest seines Lebens in einem Knast voller Leuchtröhren in sanftem Dämmerschlaf gehalten. Seit sechs Jahren gab es dank Pre-Crime keinen Mord mehr – aber dafür ein volles Gefängnis mit lauter Insassen, die nach klassischen Rechtsgrundsätzen kein Verbrechen begangen haben. Hätten sie aber, wenn man sie gelassen hätte, sagen die Befürworter. Aber nur dann, wenn die Prognosen der drei wahrsagenden Medien auch wirklich immer hundertprozentig stimmen, kontern die Kritiker. Über das nur versuchsweise eingeführte System soll bald abgestimmt werden, die Erfolsbilanz spricht für sich. Doch dann kommen dem Leiter der Polizeitruppe, John Anderton (TC) Zweifel – und als er nach einigen Recherchen und irritierenden Zeichen von einem der drei Wasser-Propheten, Agatha (SM), zuviel herausfindet, wird er plötzlich selbst zum Gejagten: Er soll einen Mord beabsichtigen an einem Menschen, dessen Namen er noch nie gehört hat. Anderton flüchtet vor seinen eigenen Kollegen, auf der Suche nach dem Fehler im System. Zusätzlich wird der Held geplagt von Schuldgefühlen am Tod seines Sohnes, der in der Folge auch seine Ehe zerbrechen ließ, ihn emotional angreifbar machte und zu verbotenen Drogen greifen ließ. Während der junge, ehrgeizige Staatsanwalt Danny Witwer (CF) ihn jagen lässt, macht sich unser Bulle mit der Spezialisierung auf Eventualitäten auf die Suche nach seinem unbekannten Opfer. Er besucht die rätselhafte Dr. Hineman (Lois Smith), die Erfinderin des Pre-Crime-Verfahrens, und sucht den tristen Wohnblock auf, in dem die Tat angeblich bald stattfinden soll. Scharen von Cops mit Düsentriebwerken auf dem Rücken und grazile Roboterspinnen-Spione machen dem kleinen Tom alias Anderton das Leben und vor allem die Recherchen schwer, doch schließlich steigt die ätherische Psycho-Nixe Agatha aus der Wanne, um ihm beizustehen – doch ein Verräter steckt unter den Guten…

Kommentar:
Ein Spektakel. Die interessanten, kühlen Bilder, in melancholischen Blautönen gehalten, erinnern streckenweise ziemlich an die sorgenvolle Zukunftsutopie Gattaca. Der so oft missbrauchte Vergleich mit dem visuell faszinierenden Matrix ist hier ausnahmsweise einmal gerechtfertigt. Und die recht düstere Stadt, in einigen Passagen ein Alptraum an urbanen Zukunftsängsten, scheint aus den beiden Batman-Meisterwerken von Tim Burton und natürlich aus Blade Runner entlehnt zu sein – und zahllosen anderen Urban-Fiction-Streifen des Genres. Dagegen erinnern die hübschen Szenen auf den futuristischen Autobahnen eher an die Straßen-Bänder aus Metropolis oder an die wilden Überholmanöver der Space-Taxis aus dem Fünften Element von Besson. Einige sehr dichte Nahaufnahmen, schöne Details und interessante Effekte, wenn die Kamera durch die silbern-durchsichtigen Plexiglas-Bildschirme der Computer hindurch in den Raum filmt. Endlich ein Film, indem man nicht aufgrund der unverzichtbaren Präsenz von Computermonitoren in den Drehbüchern ständig auf Hinterköpfe schauen muss, weil die Darsteller minutenlang auf Bildschirme gucken. Durch die Klarsichtgebilde kann man auch als Zuschauer endlich wieder den Darstellern ins Gesicht sehen, ohne dass die Story deswegen auf das wichtige narrative Element „die – Hauptperson – durchsucht – gerade – eine – Datenbank – und – entdeckt – atemberaubende. Informationen“ verzichten müsste. Bravo! Die Musik von John Williams ist erstaunlich zurückhaltend. Keine fetten Breitklangkulissen möbeln die Kanäle zu, sondern stimmige Passagen und auch gelegentliche Zurückhaltung lassen den Bildern und dem Zuschauer genug Raum für eigene Momente. Wahrscheinlich hat der Verwendung einiger klassischer Stücke hierzu viel beigetragen.

Ein erstaunlich guter Film. Tom Cruise könnte man in den ersten Minuten des Film für eine Fehlbesetzung halten, wenn er machohaft gewollt-lässig den Space-Ranger mimt und seine Arme immer ein wenig unbequem und zu weit gespreizt neben dem Oberkörper hängen lässt. Schließlich läuft hier ein unterkühlter, intelligenter Zukunftsthriller, kein Mission Impossible-Spektakel und schon gar keine Zukunfts-Polizisten-Ballerei wie in Judge Dredd oder dem erbarmungslosen Machwerk Time Cop. Aber weit gefehlt: Cruise ist Verbrechensbekämpfer, der später sogar ein bisschen Detektiv spielen darf, aber er ist kein Analytiker und soll es auch nicht sein. Der Zuschauer weiss oft nicht genau, wo es langgeht, und darf mit seinem bruchstückhaften Verstehen puzzeln – aber er weiss doch meistens mehr als der Pre-Crime-Cop Cruise.

Während wir nach der Szene im Gefängnis längst kapiert haben, dass etwas ungesetzlich läuft, wenn zwei der Pre-Cogs einen künftigen Täter ausgemacht haben, der Dritte im Bunde aber keinen Bericht geliefert hat und also keine einstimmige Verdächtigung des Gremiums vorliegt, bekommt Cruise genau diesen kritischen Mangel an Einstimmigkeit, dokumentiert in den sogenannten Minority Reports, nochmals von der zynisch-kühlen Erfinderin und zugleich Kritikerin des Systhems vorgekaut, was ihm brave, moralische Entrüstung entlockt – obwohl es doch anhand seiner eigenen Recherchen längst auf der Hand lag. Der leicht dämliche Charme der männlichen Hauptfigur erinnert wieder einmal an Kubricks interessanten Eyes Wide Shut, wo man sich nie sicher sein konnte, ob er der Handlung und vor allem den Gesprächen mit seiner Frau wirklich folgen konnte. Als atemloser Action-Cop, der sich mühsam durch die Wirrnisse von Zeit und Raum hangelt, ist er wunderbar besetzt, und natürlich keinesfalls ein schlechter Schauspieler. Dass sein Bemühen, cool zu sein, so oft ein wenig missglückt, gibt vielen seiner Filmfiguren einen besonderen Charme… . Wer weiss, vielleicht unterschätzen wir den echten Cruise, und er legt diese raffinierte Note bereits wieder in voller Absicht in seine Rollen? Eine interessante Frage… sollten wir uns für den unvermeidlichen Mission Impossible Teil III im Kopf behalten.

Ein aktueller Film. Welchen Preis hat die totale Sicherheit? Wieweit dürfen die Einschränkungen der persönlichen Freiheit gehen, um Gewalttaten zu verhindern? Wieviel Überwachung durch Kameras, Kontrollen oder hier: durch Gedankenkontrolle dürfen angewendet werden, um Gewaltverbrechen, terroristische Anschläge oder hier: Morde zu verhindern? Ab welchem Maß an Staatsschutz und öffentlichem Sicherheitsdogma verwandelt sich eine Demokratie in eine totalitäre Diktatur? Und: Ist der Schutz vor Terror und Gewalt wirklich hundertprozentig möglich, oder werden letzten Endes die Bürgerrechte nur einer Sicherheitsillusion geopfert, die doch nie absoluten Schutz wird bieten könen?

Interessante und aktuelle Fragen, für die vor allem unser großer Nachbar jenseits des Atlantiks zur Zeit Antworten finden muss. Die Lücken innerhalb des Systems, die Gefahr der Korruption der eigentlichen Sicherheitselite, die verhängnisvolle Tendenz der Terrorbekämpfung, sich zum fanatischen Selbstzweck zu wandeln und sich des Terrors zu bedienen, um den Staat zu schützen… das Erscheinen des Films zum jetzigen Zeitpunkt wirkt zwangläufig wie ein kritischer Kommentar Spielbergs zur aktuellen Diskussion in den USA. Der Regisseur, dessen Liebe zum Märchen und zur individuellen Träumerei sich durch fast allen seine Werke zieht, war schon immer skeptisch gegenüber Ideologien und der Maschinerie der Staatsmacht, vor allem, wenn sie vor Angst und Hysterie ins Rollen kommt. Diese Liebe zum individuellen Partisanentum zeichnet sich bei Spielberg auch jenseits vom kitschigen Schindler’s List ab: Ein kleiner Junge versteckte den harmlosen E.T. vor der aufgeregten Öffentlichkeit, ein Roboterjunge flieht allein vor der zerstörungswütigen Menge, einzelne Wissenschaftler nehmen den Kampf auf gegen die tobenden Dinos, die von einer skrupellosen Firma aus Profitgier in die Welt gesetzt worden sind… . Gerne macht Spielberg Einzelne zu moralischen Außenseiter-Helden, während die Mehrheit oder der Staat wahlweise schläft, sich im gutgemeinten Fanatismus verrennt oder gar in hartherziger Bösartigkeit versinkt. Eine interessante Stellungnahme eines eigentlich konsequent unpolitischen Regisseurs über die Debatten in seinem Heimatland.

Ein verspielter, sprunghafter Film. Spielberg spielt… – ohne analytisch zu werden. Er experimentiert mit Emotionen, ohne den Sachen auf den Grund gehen zu wollen. Die interessante, wenn auch schon oft filmisch bearbeitete Geschichte mit der Zeit und den Paradoxa – geschenkt. Dass der böse alte Manipulator Burgess (MvS) die Wahl hat, mit der Ermordung unseres Helden sein eigenes System zu bestätigen, oder sich selbst vor der Justiz zu retten, indem er sein Lebenswerk widerlegt und ihn nicht tötet… – eine schöne Wendung im Drehbuch – mehr aber auch nicht. Interessante Fragen werden für Spannungsmomente genutzt, und sofort wieder vergessen. Da, wo es bei raffinierten Zeit-Thrillern wie dem großartigen Twelve Monkeys von Terry Gilliam erst richtig losgeht, ist hier schon längst wieder Schluß. Keine Zeit für mehr, der nächste Thrill wartet schon… . Man ist sich nie ganz sicher bei Spielberg, ob er den grundlegenden Fragen, die in seinen Filmen gerne am Rande auftauchen, nicht gewachsen ist, oder ob er sie nur seinen Zuschauern, mit deren Psyche er ja in der Tat gekonnt spielen kann, nicht zumuten möchte. Jedenfalls werden auch in Minority Report wieder fesselnde Fragen rund um die logischen, aber auch moralischen Fragwürdigkeiten von Zeitreise, Vorhersage und Wahrsagerei aufgeworfen, aber es fehlt Spielberg offenbar wieder einmal der Wille, seinem Publikum mehr als ein kurzes verdutztes Innehalten zuzumuten. Schade – aber doch äußerst unterhaltsam – was wieder einmal die Entertainment-Kunst des Großmeisters der Film-Märchenonkel beweist… und zugleich seine Beschränkungen offenbart.

Ein spannender und faszinierender Film – solange man nicht darüber nachdenkt, was inhaltlich an Potenzial ungenutzt blieb. Die Parallele zum letztjährigen Spielberg, A.I. – Artificial Intelligence, drängt sich geradezu auf. Es war ein weniger gelungener Film, der trotz Kitsch und Überlängen aber doch auch einige Poesie zu bieten hatte – solange man sich nicht darüber ärgerte, wie wenig das ganze Machwerk zur aktuellen und interessanten Debatte um sein Titelthema, künstliche bzw. Computerintelligenz, beizutragen hatte. Nämlich null, nüscht, niente: ein paar aufgeworfene Fragen in der ersten halben Stunde, danach folgte Pinochio in der Next-Generation-Variante. Dagegen ist der „Minderheiten-Bericht“ trotz einiger inhaltlichen Schwächen sehr viel interessanter und aktueller. Vielleicht sollte man nicht ungerecht werden: Wo die Herren Gilliam, Coen, Cronenberg und Konsorten „nur“ erfolgreiche Filme hinlegen, schafft Herr Spielberg wahre Kassenschlager und regelmäßig sogar phänomenale Blockbuster. Ein bisschen Philosophie darf wohl sein, zuviel davon aber kann offensichtlich schnell zum Spannungstöter und Kassengift werden.

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Regie: Spielberg, Steven

Buch: Dick, Philip

Darsteller: Cruise, Tom; Farrell, Colin; von Sydow, Max

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Text: Alexander Sancho-Rauschel (07.12.2003)