Duell – Enemy at the Gates

Titel: Duell – Enemy at the Gates
Originaltitel: Enemy At The Gates
Land/Jahr: Deutschland, Großbritanien, Irland, 2001
Format: 35mm, Scope
Länge: 129 min

 

Zusammenfassung:

Stalingrad: wie Vieh werden die russischen Soldaten in die Schlacht getrieben, um die Deutschen zu vernichten. Es scheint hoffnungslos. Da trifft Polit-Offizier Danilo (JF) auf den Scharfschützen Vasili (JL) und erklärt ihn zum Helden – sein leuchtendes Beispiel soll an der Front und in der Heimat Mut machen. Doch seine Bekanntheit macht Vasili zum bevorzugten Ziel der Deutschen: ihm in Gerissenheit und Zielgenauigkeit ebenbürtig, wird Major König (EH) ausgesandt, ihn zu beseitigen. Im Geflecht ihres gegenseitigen Belauern und Bespitzelns verstrickt sich der kleine Schuhputzer Sacha (GM-T), der mit seiner Mutter (EM) in den Trümmern der Stadt lebt. Und die brüderliche Freundschaft Danilos und Vasilis droht zu zerbrechen, als beide sich in die Soldatin Tania (RW) verlieben.

Kommentar:

Dieser monumentale europäische Film könnte ebensogut aus Hollywood stammen – auf die Technik bezogen ist das durchaus ein Kompliment. Für Liebhaber realistischer Gefechtsdarstellungen hat dieser Film einiges zu bieten. Leider muß „Enemy At The Gates“ aber auch in anderer Hinsicht mit der Traumfabrik verglichen werden. Soviel Geld in die Technik gesteckt wurde, so wenig Wert wurde anscheinend auf das Drehbuch gelegt. Trotz einer ausgezeichneten Besetzung (hervorragende Darsteller bis in die Nebenrollen) sind die Figuren so flach, wie sie nur sein können, und auch nach dem Ende des kalten Krieges bewährt sich das Klischee des „bösen Russen“ – wie sich ganz zu Beginn zeigt, als die Soldaten nur als Kanonenfutter dienen. Dagegen scheinen die Deutschen richtig menschlich – ko-produzieren lohnt sich also doch. Logische Brüche wie der folgenlose Verrat an die Partei machen den Film endgültig zum Ärgernis. Tröstet da ein Happy End? (Dirk)

Kommentar:

Daneben geballert – Jean-Jacques Annaud beim Duell vor den Toren

Ein weiteres Werk eines der „Meister der grossen Form“, Jean-Jacques Annaud, durfte die Berlinale 2001 eröffnen. Um es vorweg zu sagen: Der uninspirierte Film ist, im besten Fall, überflüssig. Vor der Trümmerkulisse Stalingrads, mitten im 2. Weltkrieg, findet die Entscheidungsschlacht zwischen den deutschen und russischen Truppen statt, von Annaud zugespitzt auf die Personen zweier gegnerischer Scharfschützen, die sich gegenseitig zur Strecke bringen wollen. Die Formulierung „vor der Kulisse Stalingrads“ ist hierbei durchaus wörtlich zu nehmen, denn mehr als eine Kulisse stellt der Ort im Film nicht dar. Über den historischen Ort und seine Bedeutung im militärischen Geschehen des Weltkriegs oder seine politische Bedeutung als der Punkt, an dem die Deutschen auf ihrem Weg ins Innere Russlands aufgehalten wurden, und den Stalin als Namensgeber der Stadt auch aus propagandistischen Gründen heraus unbedingt halten wollte, erfahren wir so gut wie nichts. Selbst der grössere Zusammenhang des Kriegsgeschehens wird in diesem Kriegsfilm ausgeblendet. Das Drehbuch beschränkt sich auf eine Westerngeschichte, High Noon in der Trümmerkulisse: Zwei Schützen belagern sich gegenseitig, ungestört vom Chaos des Krieges um sie herum. Der Russe Vassili (Jude Law), mit den üblichen Durchhalteparolen zum Helden von Stalins Propagandapresse verklärt, lichtet die Reihen der deutschen Angreifer, und der deshalb auf ihn angesetzte Deutsche Major König (Ed Harris) beginnt ihn zu jagen. Das wechselseitige Katz-und-Maus-Spiel reduziert die furchtbaren Vernichtungskämpfe zu einem sportlichen Jagdabenteuer. Die unvermeidbare Liebesgeschichte, die Vassili und den befreundeten russischen Politagenten Danilov (Joseph Fiennes) zu erbitterten Konkurrenten macht, nimmt die restlichen Erzählstränge in Beschlag und drückt das Drehbuch endgültig auf Pearl-Harbour-Niveau herunter, wobei letzterer Film durch seine humorvollen Einlagen sogar noch mehr Charme besitzt. Der Film ist politisch ohne Aussage, das Drehbuch ist dünn und vorhersehbar, die Zeichnung der Charaktere bleibt so platt und klischeehaft wie in einem durchschnittlichen Hollywood-Kriegsfilm. Schade. Von einer europäischen Produktion zu diesem Thema hätte man mehr erhoffen können. Wieder einmal zeigt sich, daß die europäischen Grossproduktionen (hier: Grossbritannien/Irland/Deutschland) ihren individuellen Charakter oft verlieren und ähnlich glatt geraten wie die amerikanischen Vorbilder, wobei letztere immerhin durch professionellere Drehbücher, bessere Technik und oft auch durch bessere Darsteller unterhaltsamer geraten. Ebenfalls schade wegen Annaud. Der Franzose, der ebenfalls als Ko-Produzent und Ko-Autor an dem 129-Minuten-Schinken beteiligt war, hätte durchaus das Zeug dazu, Europa mit qualitätsvollen Grossproduktionen gegen Amerika antreten zu lassen. Seine letzten Werke waren, wenn auch nicht immer frei von Kitsch, so doch geniessbar bis erfreulich gewesen. Die furiose Verfilmung von Umberto Ecos Meisterwerk Der Name der Rose (1986) hat zwar auf die geistige Tiefe der Romanvorlage weitgehend verzichtet und auch das intellektuelle Spiel mit Ketzergruppen und konkurrierenden Orden und Glaubensrichtungen ausgeblendet, um statt dessen die Krimihandlung um ermordete Mönche und amouröse Abenteuer eines jungen Bruders überzubetonen, dennoch gelang Annaud hier ein visuelles Feuerwerk, die wilde Inszenierung eines düsteren Mittelalters voller kauziger Figuren, Fanatiker, Heiliger und menschlichen Monster, die mordeten und dabei den Himmel beschworen, dass es nur so eine Freude war. An der Ausstattung wurde auch bei den folgenden Werken Annauds nicht gespart. Nach dem dramatischen Tierabenteuer L’Ours/Der Bär (1988) erzählte er uns in L’Amant/Der Liebhaber (1991) eine durchaus bewegende westlich-fernöstliche Liebesgeschichte, die mit viel Gefühl in exotischen Dekors und Lebenswelten schwelgt. Vielleicht liegt Annauds Stärke in den Literaturverfilmungen, nach Ecos Roman hatte dieser Film eine Geschichte von Marguerite Duras zur Vorlage. Anschliessend drehte er mit enormem technischem Aufwand den ersten Spielfilm in dem wunderbaren IMAX-3-D-Verfahren, das mich damals wie einen kleinen Jungen, der den ersten Kinofilm seines Lebens sieht, völlig verzaubert aus dem Kino torkeln liess. Die Wings of Courage (1995) waren vielleicht etwas kitschig, aber dennoch ein grosser Kinospass, und neben faszinierenden Bildern wurde uns mit der Lebensgeschichte des Postfliegers, Vollblutpiloten und „Kleiner-Prinz“-Verfassers Antoine de Saint-Exupéry, in bester IMAX-Tradition, auch „Etwas Lehrreiches“ geboten. Leider kam der 45-Minuten-Film meines Wissens nach nie in die deutschen Sääle. Über Annauds letzten Film vor seiner Stalingrad-Verwurstung waren die Meinungen zwar geteilt, aber auch er hat mir entschieden mehr Vergnügen bereitet: Seven Years in Tibet/Sieben Jahre in Tibet (1997) mit Teenie-Ikone Brad Pitt war vielleicht etwas dünn ausgefallen und kehrte wiederum die politische Dimension lässig unter den Tisch, taugte aber doch als streckenweise spannende Abenteuergeschichte und bot dekorative Himalaya-Bilder und Dalai-Lama-Anekdoten für Mode-Buddhisten satt. Die verfilmte Lebensgeschichte des deutschen Bergsteigers Heinrich Harrer, der zur Himalaya-Expedition aufbricht und sich, vom 2. Weltkrieg überrascht, vor den Engländern ins neutrale Tibet rettet, klammert konsequent die nationalsozialistische Überzeugung seiner Hauptperson aus. Trotz einiger, auch berechtigter, Kritikerschelte liess sich der Film, zumindest auf der grossen Leinwand, dennoch als üppiges Naturschauspiel mit Exotikbeilage geniessen. Der 1943 geborene Annaud, Pariser Filmhochschüler und Literaturstudent an der Sorbonne und anschliessend als Werbefilmer tätig, hatte 1977 für seinen Debütfilm Sehnsucht nach Afrika gleich den Oscar für den besten ausländischen Film erhalten. Vielleicht sollten wir uns freuen, dass er nach dem grossen finanziellen Erfolg von Sieben Jahre in Tibet, einer amerikanischen Produktion, wieder nach Europa zurückgekehrt ist, ihm den bescheidenen künstlerischen und intellektuellen Planschbecken-Tiefgang von Duell – Enemy at the Gates verzeihen und darauf hoffen, dass Annaud das Verfassen der Drehbücher künftig wieder Anderen überlässt. Es würde sich sicher noch die eine oder andere Romanvorlage finden … . (ASR)

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Regie: Annaud, Jean-Jacques

Buch: Godard, Alain; Annaud, Jean-Jacques

Kamera: Fraisse, Robert

Musik: Horner, James

Darsteller: Law, Jude; Fiennes, Joseph; Weisz, Rachel; Harris, Ed; Hoskins, Bob; Perlman, Ron; Mattes, Eva; Marshall-Thomson, Gabriel; Habich, Matthias; Rois, Sophie

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Text: Dirk; Alexander Sancho-Rauschel (07.12.2003)