Pie in the Sky – The Brigid Berlin story

Titel: Pie in the Sky – The Brigid Berlin story
Originaltitel: Pie in the Sky – The Brigid Berlin story
Land/Jahr: USA (Italien 1975), 2000
Format: keine Angabe
Länge: 75 min

 

Wem „Velvet Underground“, „Andy Warhol“ und die dazugehörige „Factory“ noch kein Begriff sind, darf sich nicht abschrecken lassen. Bei der „Brigid Berlin Story“ handelt es sich ob ihrer Exzentrizität um eine klassische amerikanische Geschichte mit vier unterschiedlichen Handlungssträngen: * Die Geschichte einer Künstlerin * Eine schwierige Mutter-Tochter Beziehung * Brigids Fressexzesse oder das Problem, ihr Leben in den Griff zu bekommen * Ein Portrait der 50er Jahre Brigid Berlin, gebürtig Patricia Hurst, eine Freundin des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol, hob sich in dessen Factory von den übrigen schillernden Freaks optisch dadurch ab, dass sie trotz ihrer Pummeligkeit immer oben-ohne herumlief. (Factory: Werkstatt Warhols, in der sich unterschiedliche Künstler und Schmarotzer um ihn gruppierten – hier entstanden u.a.seine Filme, seine Kunst, wie auch die Musik der Kultband Velvet Underground). Eines ihrer zahlreichen Oeuvres sind passenderweise auch verschiedene Abdrücke ihrer Brüste. Sie jedoch deswegen in die Ecke der Groupies zu stecken wäre ein Fehler; die talentierte Künstlerin, die ein riesiges Archiv an Material, wie z.B. selbstaufgenommene Fotos oder Filme, ihr eigen nennen kann, war eine der wenigen Frauen, die in der männlichen Künstlerwelt zur damaligen Zeit wirklich anerkannt war. Nicht umsonst war auch ihr Einfluss auf Warhol groß – die Idee, aus Polaroidfotos Kunst zu machen oder Telefonate aufzuzeichnen und auf diverse Art weiterzuverwerten, hatte er von ihr kopiert . Bis zu seinem Tode war die konzeptionelle Denkerin auf das Engste mit dem Popartkünstler verbunden. Aber die Dokumentation streift seine Gestalt lediglich hin und wieder – in erster Linie handelt sie von Brigids eigenem Leben.

„Pie In The Sky“ ist eine Collage alter Schwarz/Weiß-Filmausschnitte aus Berlins Sammlung: Ihre spießbürgerliche Kindheit (ihr Vater war der berühmteste und reichste Zeitungsmagnat Amerikas, William R. Hurst) löst sich mit der Factory-Zeit ab. Dieser bewegten Vergangenheit wird das aktuelle Interview mit der inzwischen betagten Lady gegenübergestellt, das hauptsächlich ihre Essstörung und die früheren Probleme mit der oberflächlichen Mutter – was hier Hand in Hand geht – behandelt. ( Der Filmtitel spielt auf die vielen Torten an, die sie in schwierigen Lebensphasen heruntergeschlungen hat).

In einem kleinen Double-feature mit einer senkrecht geteilten Leinwand, in dem Brigid Berlin beides parallel lagert, altes Filmmaterial neben den Interviews, setzt sie augenzwinkernd gekonnt eine Hommage an „Chelsea Girls“, den wilden Kultfilm von Warhol, in dem sie die Hauptrolle spielte.

Dass die ganzen restlichen Kostbarkeiten filmischer Raritäten aus Brigids Archiv der Welt vorenthalten bleiben, Zeugnisse einer wegweisenden Künstlerszene und zugleich einer spannenden Ära, ist sehr bedauernswert. Man bekommt Appetit auf mehr.

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Regie: Bernstein, Richard; Lolacello, Bob

Musik: Mead, Taylor; Morrissey, Paul; Rivers, Larry; Waters, John

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Text: Rita Hagenlocher (2002)