Marlene Dietrich – Her Own Song

Titel: Marlene Dietrich – Her Own Song
Originaltitel: Marlene Dietrich – Her Own song
Land/Jahr: Deutschland/USA, 2001
Format: 35mm, 1:1.85
Länge: 100 min

 

Der Enkel des Blauen Engels, David Riva, führte in diesem biografischen Film die Regie. Eine seiner Intentionen könnte gewesen sein, die Flaute des Films Marlene von Vilsmaier wieder ein wenig glattzubügeln.

Wie viele andere Biografien vorher erzählt „Her Own Song“ die Geschichte von Marlene Dietrich, eigentlich Maria Magdalena von Losch. Jedoch setzt diese Dokumentation einen Schwerpunkt auf die Wurzeln des 1901 geborenen Stars, welche in allen bisherigen Biographien stillschweigend übersehen wurden – die Stadt Berlin. M.D., zuerst Produkt Berlins und eine ansehnliche Repräsentantin ihrer Zeit, verlässt diese Stadt am selben Tag ihres triumphalen Erfolges als Lola in Der Blaue Engel, am 31. März 1930. In den USA wird sie von Paramount zum Weltstar gemacht.

Durch ihren Mann in Paris erfährt sie in der Ferne über den erstarkenden Nationalsozialismus. Die Einstellung der „Grande“ zu Nazideutschland wurde durch zweierlei Engagement deutlich: Einmal für ihre Heimat Berlin, die sie letztendlich mit dem Wechsel ihrer Staatsbürgerschaft 1937 schweren Herzens aufgibt. – Für die nationalsozialistischen Deutschen ein Skandal ohnegleichen, ebenso, dass sie als Preußin englisch spricht. 1934 hatte M.D. das Angebot Goebbels` zur Rückreise nach Deutschland abgelehnt. – Außerdem ihr Einsatz an der Front bei der USO, wo sie alles gab, um „ihre“ GI`s aufzumuntern. „Her Own Song“ setzt sich aus altem Filmmaterial und privaten Videoaufnahmen zusammen, zum Teil noch nirgendwo auf der Welt gezeigt da erst nach schwieriger Suche ausfindig gemacht. Ebenso aus zahlreichen und aussagekräftigen Interviews mit Zeitzeugen. Genannt seien der Biograf von Göbbels oder der von Marlenes Geliebtem Gabin; Hildegard Knef, Nicholas Sternberg, amerikanische Kriegsveteranen, Dietrichs einzige Tochter Maria Riva, oder der vor David Riva geheimgehaltene, in Berlin lebende Neffe. Ihre Tagebuchaufzeichnungen werden hier von Glenn Close gesprochen, was sehr gut passt!

Der Regisseur, dem bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr nichts von Tante und Cousin in Deutschland bekannt war, versucht hier auf die Spur zu kommen, wer seine Großmutter wirklich war. Unterstützung erhielt Riva u.a. von Beate Klarsfeld, die gemeinsam mit Marlene ihr Haus in Paris für Exilanten geöffnet hatte, und in den 60ern mit aufsehenerregenden Aktionen wie der Kiesinger- Affaire von sich reden gemacht hat.

Diese Dokumentation will die Dietrich nicht ausschließlich als Diva sehen, und das macht den Film stark. Die berühmte ele- wie arrogante Aura des kühlen Stars gerät bei dieser Biografie ein wenig ins Schwanken, dem Zuschauer zeigen sich eher Facetten an Wärme, Natürlichkeit, manchmal gar Zerbrechlichkeit.

Es finden auch die für die Dietrich schwierigen Nachkriegszeiten Beachtung, in denen sie sich nicht nur einem ihrer Hauptliebhaber stark entfremdet fühlte, nämlich Jean Gabin, sondern auch den Soldaten. Zudem verlor sie den Kontakt zum Publikum, von dem sie ein Teil unreflektiert als Nationalsozialistin abstempelte. Es wird dargestellt, wie schmerzlich die in Las Vegas lebende Marlene (inzwischen Großmutter) ihre Live Auftritte vermisst hat. Die erste Deutschlandtour sechzehn Jahre nach Kriegsende wurde dokumentiert, wo der Star enttäuscht beschließt, nie wieder zurückzukehren – nicht des Publikums sondern der Presse wegen. Noch bewegender ihr Auftritt in Tel Aviv, wo sie es wagt, nach dem Zweiten Weltkrieg als Erste ein Lied auf deutsch zu singen, „Sag mir, wo die Blumen sind“, weinend.

Hier auf der Berlinale 2002 fand die Weltpremiere statt. „Marlene would also have wanted this “, bemerkt der anwesende, in London aufgewachsene David Riva. Zudem erfahren die Zuschauer von ihm, dass dies sein erster Film sei. Riva und Klarsfeld, welche ebenfalls den Weg nach Berlin gefunden hat, berichten beide, welche Mühe es gekostet habe, noch letztes unveröffentlichtes Filmmaterial und Dokumente ausfindig zu machen. Mit der Behauptung, sie sei sich sicher, niemand auf der ganzen Welt werde noch einen einzigen Schnipsel über Marlene Dietrich finden, erntete Klarsfeld zum Abschluss viele Lacher.

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Regie: David Riva

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Text: Rita Hagenlocher (2002)