Einer flog übers Kuckucksnest

Titel: Einer flog übers Kuckucksnest
Originaltitel: One flew over the Cuckoo’s nest
Land/Jahr: USA, 1975
Format: keine Angabe
Länge: 128 min

 

Der cholerisch veranlagte Gauner McMurphy will sich der Härte des Strafvollzugs entziehen, indem er sich vor Gericht als unzurechnungsfähig ausgibt und sich in eine geschlossene Anstalt einweisen lässt. Das Einführungsgespräch mit dem Klinikleiter, der zwar den Betrug ahnt, aber nicht beweisen kann, übersteht er ohne Wimperzucken und marschiert in seine Station mit dem Gefühl ein, alles unter Kontrolle zu haben. Zuerst hält er sich zurück und beobachtet seine Umgebung, die von zumeist minderschweren Fällen von Geisteskranken sowie einem relativ freizügigen Anstaltsantag mit Gruppengesprächen geprägt ist.

Doch sehr schnell muss er feststellen, dass hinter der scheinbar schönen Fassade seine Abteilung mit unerbittlicher Strenge von der herrschsüchtigen und tyrannischen Stations-vorsteherin Schwester Ratched kontrolliert wird. Die Patienten zeigen gehörigen Respekt bis hin zu offener Furcht vor ihr, während sämtliches Pflegepersonal nicht minder offenkundig vor ihr kuscht. Ihr Wort ist Gesetz in ihrem kleinen Reich. Sie duldet weder Widerspruch noch irgendwelche Abweichungen von der Routine, wie Mc Murphy sie anregt, um den langweiligen Alltagstrott ein wenig aufzulockern. Er hatte es zwar mit seiner dominanten, burschikosen Art schnell geschafft, dass der ansprechbare Teil der Patienten, der nicht in Apathie vor sich hinvegetiert, ihn teils widerwillig, teils bewundernd respektiert und aufnimmt, soweit es ihnen überhaupt möglich ist. Doch die sture Borniertheit von Schwester Ratched, die ihre kleinen Triumphe über ihn stillschweigend geniesst und ihm dabei offen zeigt, wer am längeren Hebel sitzt, erzeugt in McMurphy eine tiefe Frustration. Sein erster Fluchtversuch scheitert daran, dass es ihm vor versammelter Gruppe nicht gelingt, ein massives Wasserbassin aus seiner Verankerung zu reissen, um damit ein Fenster einzuschlagen.

Allerdings gelingt ihm mit Hilfe des taubstummen, riesigen Indianers, der allgemein „Häuptling“ genannt wird, bei einem Aufenthalt auf dem Hof seine ‚Jungs’ in einem Bus vom Anstaltsgelände zu ‚entführen’. Er fährt kurzerhand zum Hafen, wo er gemeinsam mit seiner Gruppe und seiner Freundin Candy ein Fischerboot entwendet und eine kleine Angeltour mit ihnen unternimmt. Dabei deutet sich an, dass der nette, verschüchterte Billy, der Jüngste in der Gruppe, gefallen an Candy findet. Die Stimmung könnte nicht netter und gelöster sein, als sie wieder im Hafen einlaufen und bereits vom Anstaltspersonal erwartet werden, dem sie stolz ihren Fang präsentieren.

Durch ihren „Freigang“ ist der Lebenswille in der Gruppe erwacht. Sie wollen sich nicht mehr alles gefallen lassen, was mit viel Geschrei und einer Rangelei mit den Pflegern endet, worauf die Lage ausser Kontrolle zu geraten droht. Die ‚Rädelsführer’, unter ihnen natürlich McMurphy, werden zu einer Sonderbehandlung abgeführt. Während sie warten, offenbart sich der Häuptling und lässt gegenüber McMurphy durchblicken, dass er seine Taubstummheit genau wie seine Geisteskrankheit nur simuliert. Sofort erwacht in McMurphy erneut der Freiheitsdrang und er schmiedet bereits wieder Fluchtpläne mit seinem neuen Verbündeten, nur um sich einen Moment später auf einer Liege festgeschnallt wiederzufinden, um seine Bestrafung zu empfangen. Ihm wird ein starker Stromstoss durch den Kopf gejagt, therapeutisch völlig sinnlos und allein zum Zweck, ihn zu peinigen und gefügig zu machen.

Zurück auf der Station fügt sich alles wieder in seinen gewohnten Gang, doch insgeheim fühlt sich McMurphy mit seinem neuen Verbündeten, dem „Häuptling“, ziemlich sicher. Er organisiert heimlich Candy und eine Freundin, die den treuseligen Nachtwächter becircen und sich so Zutritt zur Station verschaffen. Er nutzt die Ablenkung, um alle auf der Station zu wecken und eine überschwängliche Abschiedsparty zu feiern, bevor er flieht. Der Nacht-wächter ist mit der Situation überfordert und verzweifelt beinahe, als eine Schwester vorbei-sieht und Candy in seiner Wachstube vorfindet. Kaum ist sie weg, geht das rauschende Fest weiter, in dessen Verlauf McMurphy Billies Hingezogenheit zu Candy bemerkt. Er verkuppelt sie regelrecht und schickt sie in ein leeres Zimmer, doch während alle auf die beiden warten, schlafen sie übermüdet und volltrunken ein.

Das Finale naht: am nächsten Morgen werden sie von den eintreffenden Pflegern geweckt und die Chance zur Flucht ist vertan. Die erzürnte Schwester Ratched lässt sofort durchzählen und bemerkt Billys Fehlen. Als sie Billy und Candy in ihrem Zimmer zusammen findet, droht sie ihm damit, seiner Mutter davon zu erzählen. Als dieser daraufhin total zusammenbricht und verzweifelt schreiend und um sich schlagend gleich von mehreren Pflegern weggebracht werden muss, dämmert es McMurphy, dass Billy wohl vor allem wegen dem Verhältnis zu seiner Mutter hier ist und nicht nur wegen Suizidgefährdung.

Er nutzt den Tumult, den Billy verursacht, um mit den Schlüsseln des Nachtwächters, die er noch bei sich trägt, eines der Fenster aufzuschliessen. Er hat praktisch schon ein Bein über die Fensterbank geschwungen, als eine Schwester laut schreiend und blutüberströmt durch den Gang zu Schwester Ratched rennt. Nach einem Moment des Zweifels entscheidet sich McMurphy, wie alle in das betreffende Zimmer zu sehen. Billy hatte den Gedanken nicht ertragen können, dass seine Mutter von seiner Liaison erfährt und hat sich das Leben genommen. McMurphy rastet in diesem Moment aus und erwürgt Schwester Ratched, die Billy durch ihre Ankündigung in den Suizid getrieben hatte, um ein Haar, bevor die Wächter ihn stoppen können.
Eine Weile ist vergangen. Der Alltag ist wieder eingekehrt auf der Station, nur die Gerüchte um McMurphys Verbleib machen noch immer die Runde, doch niemand ist erleichterter als der „Häuptling“, als er eines nachts endlich zurückgebracht wird. Doch McMurphy liegt nur apathisch in seinem Bett wie ein nasser Sack und bekommt nichts von seiner Umwelt wahr. Die grossen Narben auf seinem Schädel zeugen von einer medizinisch unnötigen Operation an seinem Gehirn, mit dem er seiner Persönlichkeit und Selbständigkeit beraubt wurde. Der „Häuptling“ erlöst ihn schweren Herzens von seinem Leiden, indem er ihn mit seinem Kopfkissen erstickt. Dann reisst der hünenhafte Indianer eben jenes Bassin aus dem Badezimmer heraus, an dem McMurphy sich einst vergeblich versuchte. Er wirft es durch ein Fenster und spaziert seelenruhig davon, begleitet von begeisterten Schreien seiner Stationsgenossen.

Dieser Streifen ist ein unvergessliches filmisches Meisterwerk, dessen Umsetzung dreizehn Jahre dauerte. Er glänzt durch ausnahmslos hervorragende schauspielerische Leistungen der Darsteller, lässt einen bei lustiger Situationskomik schmunzeln, ohne jemals über die „armen Irren“ zu lachen, sondern stets mit ihnen. Er zeigt aber auch gnadenlos und erschreckend realistisch anmutend die zynisch menschenverachtenden Methoden bis hin zur finalen absichtlichen Verstümmelung eines Menschen, der der Obhut einer Institution anvertraut war, um ihm zu helfen. Er lässt den Zuschauer dabei mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück und der Frage, wie viel des hier gezeigten wohl Fiktion ist und was sich wirklich so oder ähnlich zugetragen haben könnte oder noch immer kann. Am bedrückendsten ist dabei das Gebaren von Schwester Ratched, deren Tyrannei und selbstherrlicher Amtsmissbrauch von Regisseur Forman so perfekt inszeniert ist, dass man sie als Zuschauer am Ende tatsächlich hasst und kaum noch Mitgefühl empfinden kann, wenn McMurphy seine Hände um ihre Gurgel legt und zudrückt. Um so trauriger ist das Ende von McMurphy, auch wenn immerhin der „Häuptling“ die Freiheit erlangt.

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Regie: Milos Forman

Darsteller: Jack Nicholson, Louise Fletcher, William Redfield, Danny DeVito, Christopher Lloyd, Brad Dourif

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Text: Andreas Riglione (2002)